Pearl Jam: Laute, traurige Barden - DER SPIEGEL
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Pearl Jam Laute, traurige Barden

Sie gelten als die letzten erfolgreichen Überbleibsel der Grunge-Welle der frühen Neunziger. Bei ihren Fans sind sie "Kult", ihre Alben Wechselbäder aus wilden Rockstücken und melancholisch-tiefsinnigen Balladen.
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Pearl Jam sind Dinosaurier, zumindest für die, die Musik immer nur als Spiegel vorherrschender Modeströmungen begreifen. Eddie Vedder und Co. beugten sich dem nie, machten immer "ihr Ding" - und werden von ihren Fans gerade deshalb seit zehn Jahren gefeiert.

Eigentlich ist Pearl Jam keine "Rockband". Der als introvertiert und sensibel geltende Frontmann Eddie Vedder ist "Liedermacher" im klassischen Sinne - nur ein sehr lauter. Pearl-Jam-Alben pendeln zwischen Lärm und Melancholie, leben in all ihren Texten von den traurigen Untiefen, die Vedders Welt färben. Ob es um Waisen geht, um das Gefühl, dem Altern wehrlos ausgesetzt zu sein und dem eigenen Verfall zusehen zu müssen, um verpasste Lebenschancen - heiter kann man Pearl Jam niemals nennen.

Die Erfolgsgeschichte der Band begann Anfang der neunziger Jahre, im Kielwasser von Bands wie Nirvana. Ihr erstes Album "Ten" schlug im August 1991 ein wie eine Bombe: Da "grungte" der Bass laut dröhnend zu Melodien, denen viele unterstellten, sie seien als Ohrwürmer geschrieben. Pearl Jam, meinten Grunge-Puristen, schiele nur auf den Kassenerfolg. Ihre Musik erinnerte viele an Bands wie Led Zeppelin, und die Grunge-Gemeinde schied sich an ihr: Von den einen frenetisch bejubelt wurde Pearl Jam von anderen genauso vehement abgelehnt. "Trittbrettfahrer" der Grunge-Welle wurden sie genannt.

Und straften ihre Kritiker schon mit dem nächsten Album Lügen. "Versus", kurz "vs", erschienen im Oktober 1993, wurde zum größten Erfolg der Band. "Daughter", bis zum heutigen Tag der Prototyp der Pearl-Jam-Ballade, ging um die Welt und bescherte der Band einen Chart-Hit, als die Grunge-Welle eigentlich schon beendet schien.

Der Erfolg überrollte Pearl Jam, und Vedder bewies, dass es ihm gerade nicht darum ging, zu einer "Rockmarke" zu werden. Das Folgealbum "Vitalogy" (Dezember 1994) erklärte Vedder in späteren Interviews als "Auflehnung gegen den Starkult". Das Album war so schräg und völlig frei von eingängigen Melodien, dass es selbst von Fans nur als "laut" wahrgenommen wurde. "Vitalogy" floppte - und Pearl Jam schien vor dem Aus zu stehen.

Selbst das war Vedder nicht genug. In dem Versuch, dem Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu entgehen, machte er Pearl Jam zur bloßen Background-Combo. Vedder tourte mit Neil Young, Pearl Jam wurde zur bloßen Begleitband. Die Kritiker verstummten, die Fans wunderten sich.

Dann 1996 das "Comeback" mit "No Code", dem bis dahin ruhigsten Pearl Jam-Album. Trotz des großen kommerziellen Erfolges hieß es nun, hier sei offensichtlich die Luft raus, woran auch das von Kritikern bejubelte Nachfolgealbum "Yield" (Februar 1998) nichts ändern konnte. Im November des gleichen Jahres erinnerte Pearl Jam mit der Veröffentlichung des Live-Albums "Live on two Legs" daran, was die Band groß gemacht hatte: Pearl Jam ist keine Studioband.

Auf der Bühne entfesseln sie ein Feuerwerk der Gefühle, verpassen ihren Fans ein Wechselbad aus tiefsinnigen, mitreissenden Liedern - und wilden, einpeitschenden Rockstücken, die Säle und Festivals zum Kochen bringen. Trotz ihrer textlichen Tiefsinnigkeit transportierten Vedders Songs auch immer ein Gefühl, mit dem die Rockmusik einst großgeworden war: Wut. Und dazu läßt sich wild feiern.

Wie nun in Roskilde, und diesmal kostete es mindestens acht Menschen das Leben. In ersten Statements zeigte sich Eddie Vedder erschüttert. "Unser Leben", ließ er die Presse wissen, "wird nie mehr so sein, wie es einmal war".

Pearl Jam sagte inzwischen ein Folgekonzert ab, ob die Gruppe ihre Tournee fortführen wird, steht in Frage. Schon wächst die Angst der Fans, Eddie Vedder könnte die Band auflösen.

Frank Patalong

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