Pop!: Direkte Devokratie - DER SPIEGEL
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Pop!: Blut in Flaschen

Foto: Ian Gavan/ Getty Images

Pop! Direkte Devokratie

Mit Vinyl-Singles feiern Blur und die Pet Shop Boys den "Record Store Day" - ein Verkaufssamstag, der dem Sterben der Plattenläden Einhalt gebieten soll. Die New-Wave-Sonderlinge von Devo lassen die Popwelt nach 20 Jahren über neue Songs abstimmen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf zum Welttag des Plattenladens!

Rund um den Globus verabschieden sich Plattenläden mit zunehmender Rasanz. Große Ketten wie "Tower" und "Virgin" werden genauso ausradiert wie kleine Spezialisten-Kaschemmen. Hier geht eine Welt unter, die Generationen von Musikliebhabern begleitet, beeinflusst und beglückt hat. Rettung scheint ausgeschlossen, zu tiefgreifend sind die Veränderungen im Musikgeschäft.

Damon Albarn

Aber vor drei Jahren hatte der amerikanische Plattenverkäufer Chris Brown eine so simple wie effektive Idee, um Aufmerksamkeit für diese verschwindende Kultur zu schaffen: Er erfand einen Feiertag für Plattenläden, genauer gesagt den "Record Store Day". Am dritten Samstag im April, 2010 ist das der 17. April, zelebrieren nun unabhängige Tonträgerhändler ihre Produkte, ihre Kunden, ihre Künstler und vor allem sich selber. Das Debüt war vor drei Jahren, und der Zuspruch gigantisch. "Gerade im Zeitalter von Filesharing ist der Ausdruck im Gesicht eines Menschen, der dir eine Platte vorspielt, die er liebt und die du seiner Meinung nach auch lieben solltest, unersetzlich", sagt Blur-Gorillaz-Chef . "In Plattenläden sehen die Menschen aus wie du, denken wie du und mögen vielleicht dieselbe Musik wie du", meint Wayne Coyne von den Flaming Lips. "Ich kaufe die ganze Zeit Platten. Bei einem Besuch lasse ich da schnell mal 500 Dollar", bekennt Bruce Springsteen. Ja, selbst Paul McCartney posaunt: "Für mich gibt es nichts Glamouröseres als Plattenläden."

Zum Start 2007 spielten Stadion-Rocker wie Metallica oder R.E.M. in winzigen Plattenläden auf, Plattenfirmen veröffentlichten limitierte, besondere Tonträger, die nur an diesem Tag in teilnehmenden Läden verkauft wurden. Seitdem beteiligten sich Künstler wie Bob Dylan, Sonic Youth, Tom Waits, Wilco und viele, viele mehr.

Morgen ist es wieder so weit: Weltweit von Taiwan bis Israel, von Neuseeland bis Nigeria, von Hongkong bis Deutschland wird der Record Store Day  begangen:
Auch diesmal ist die Liste der speziell angebotenen Tonträger eindrucksvoll. Zum Beispiel haben Blur ihre Comeback-Single nach sieben Jahren musikalischer Abwesenheit hierfür freigegeben. Als 7"-Vinyl, Auflage tausend Stück. Auch die Pet Shop Boys beteiligen sich mit einer auf tausend Stück begrenzten, exklusiven 7"-Vinyl-Kostbarkeit. Dazu kommen spezielle Platten von den Rolling Stones, Beatles, Lily Allen, den Flaming Lips und vielen anderen. Die Ironie daran ist natürlich, dass all die tollen, raren Platten im Handumdrehen für absurde Summen im Internet gehandelt werden dürften. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wer A auflegt, muss auch B auflegen

Radiohead

Zu den tollen, altmodischen Pop-Nebensächlichkeiten, die bereits unwiderruflich verpufft sind, gehört die Single-B-Seite, das ungeliebte, oft unterschätze Pendant zur A-Seite. Die A-Seite war stets die Wette auf den Hit, der ausgefeilte Song, der die Hitparaden aufrollen sollte. Die B-Seite dagegen war schwierig, vermeintlich nicht so gelungen wie die Vorderseite und mit viel weniger Aufmerksamkeit bedacht, was andererseits immer Raum für spannende Experimente und Abenteuer bot. Nicht selten wurden B-Seiten zu heimlichen Hits, manchmal zu richtigen. Leider spielen Vinyl-Singles keine Rolle mehr. Und CDs und Downloads haben keine B-Seiten. Auf der Webseite  des besten gedruckten britischen Musikmagazins "The Word" können sich derzeit Pop-Nerds über "Bands, deren B-Seiten besser als ihre A-Seiten waren" an die virtuelle Kehle gehen. Als Beispiel hier gelten die Britpopper von Suede. Aber auch - zeitweilig - . Der Streit kann beginnen.

Kauz-Art

Der Barde und Paradiesvogel Adam Green erweitert derzeit sein Betätigungsfeld. Nächste Woche, vom 22. bis 24. April, wird er in New York in der Morrison Hotel Gallery seine erste Kunstausstellung  namens "Teen tech" präsentieren: Zu bestaunen sein werden dort Skulpturen, Zeichnungen, Gemälde und Collagen. "Weil ich ein Entertainer im Showbiz bin, habe ich probiert, diese Kunstshow unterhaltsamer als üblich zu gestalten."

Fehlende Krankenversicherung

Der überraschende Tod des legendären US-Musikers Alex Chilton ("The Letter") war schlimm genug. Noch trister erscheint sein Ende, wenn man bedenkt, dass Chilton mit einer Krankenversicherung noch am Leben sein könnte. Die aber hatte er nicht, wie seine Frau nun Journalisten berichtete. In der Woche vor seinem Tod erlitt Alex Chilton daheim bei der Gartenarbeit zwei Schwächeanfälle, ging aber nicht zum Arzt, weil er eben nicht versichert war. Er starb wenig später mit 59 Jahren an einer Herzattacke.

Direkte Devokratie

Nach 20 Jahren melden sich die legendenumwobenen New-Wave-Käuze namens Devo mit einem neuen Album zurück. Die US-Exzentriker um Mark Mothersbaugh haben bereits 16 Songs so gut wie fertig. Nun sollen Fans im Rahmen einer lustigen "Devo Song Study" auf der Band-Webseite  darüber abstimmen, welche zwölf davon es auf die Platte schaffen. "Das ist auch für uns ein Experiment", sagt Mothersbaugh, 59.

Eigenblut-Doping

Um neue Tonträger zu finanzieren, greifen plattenfirmenlose Künstler zu immer absurderen Mitteln. Aktuelles Beispiel: Die britischen Post-Punk-Veteranen The Gang of Four . Treue Fans, die das nächste Album der Band namens "Content" finanziell unterstützen, bekommen als Gratifikation neben allerlei Klimbim wahlweise auch Fläschchen mit dem Blut der Musiker. Prost!

Aussigniert!

Ringo

Vor zwei Jahren verkündete Alt-Beatle , dass er es leid sei, Autogramme zu geben und damit ab sofort aufhöre. Nun hat er sich in einem BBC-Interview dafür gerechtfertigt. Gestört habe ihn, dass viele vermeintliche Verehrer nur Geld mit seiner Signatur machen wollten, zetert der Multi-Millionär: "Ich unterschreibe etwas, und am nächsten Tag taucht es garantiert bei Ebay auf." Außerdem habe er seine Pflicht längst erfüllt und "Millionen" Autogramme gewährt. "Das war's", beteuert Ringo. Die Ebay-Kurse für seine Autogramme dürften gerade gestiegen sein.