Radio Birdman und Rob Younger im Hafenklang - DER SPIEGEL
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Punkrock-Helden Radio Birdman: Primitivismus auf höchstem Niveau

Foto: Stephan Pflug

Radio Birdman in Hamburg 300 Jahre Punkrock

Die australischen Stooges: Die Band Radio Birdman zeigte bei einem ausverkauften Konzert in Hamburg die Quintessenz des Punkrock. Chaos als Kunstform.
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Junge Frauen fliegen über Hände, alte Säcke tauchen kopfüber ins Publikum, Fäuste schnellen Richtung Band. Der ältere Herr auf der Bühne lächelt nur gütig und macht dann selbst den Hampel. Rob Younger ist mit seiner Band Radio Birdman ins schon seit Wochen ausverkaufte Hamburger Hafenklang gekommen, sechs Leute überwiegend weit jenseits der 50 auf acht Quadratmetern Bühne. 300 Jahre Punkrock und ein paar Zerquetschte.

Was erstaunt: Das Publikum am Sonntagabend in Hamburg ist extrem heterogen. Es ist, als wollten sich die alten und die jungen Menschen versichern, dass es diese sagenumwobene Band, die es in 40 Jahren jetzt erst zum zweiten Mal in die Stadt geschafft hat, wirklich gibt. Und die Band wiederum fährt jetzt häppchenweise den Ruhm ein, der ihr früher verwehrt geblieben ist.

Denn am Anfang war das Chaos. 1974 in Sydney gegründet, hatten sich Radio Birdman schnell den Ruf erspielt, die gefährlichste Band des Kontinents zu sein. Bikergangs kamen zu ihren Konzerten, die Musiker selbst trugen gelegentlich paramilitärisch anmutende Binden mit dem Bandlogo drauf, das gab ihnen eine grimmige Ausstrahlung; die örtlichen Clubs belegten sie mit Auftrittsverboten. Im damals noch nicht so schicken Sydneyer Szenestadtteil Darlinghurst richteten sie sich ihren eigenen Club ein, das "Oxford Funhouse", benannt nach der bahnbrechenden Free-Punk-Platte "Funhouse" von den Stooges.

Alter, verarmter Punkrockadel

In Darlinghurst schwappte Mitte der Siebzigerjahre die Ursuppe für alles, was später an aufregender Musik aus Australien kommen sollte. Der erdige Punkrock der Saints wäre ohne Radio Birdman genauso wenig denkbar gewesen wie die Beton-Blues-Rhapsodien von Nick Caves Birthday Party. 1978 war fürs Erste schon wieder alles vorbei, Radio Birdman lösten sich auf.

Rob Younger spielte mit Teilen von Radio Birdman bei der Punk-Supergroup New Race, in der auch der große, 2009 verstorbene Gitarrenschinder Ron Asheton von den Stooges und Dennis "Machine Gun" Thompson von MC5 mitspielten. Alter Punkrock-Adel, dramatisch verarmt, wobei Punkrock zu der Zeit ja noch gar nicht vorbei war.

Obwohl: War Punkrock je over? Das Genre hat über die Jahrzehnte eine Überlebenskraft entwickelt, die im krassen Gegensatz zu dem eher nicht auf Verfeinerung und Wertschöpfung ausgerichteten Lebenswandel steht, der den entsprechenden Musikern nachgesagt wird. Sahen sich Punkbands früher schon nach der zweiten Platte dem Ausverkaufsvorwurf ausgesetzt, gibt es inzwischen einen allgemein gefeierten Punkrock-Klassizismus, deren Vertreter die Schöpfung von 1977 weiterführen, ohne sie um unnötige technische Finessen zu bereichern.

Radio Birdman, diese australischen Stooges, die im Gegensatz zu Iggy Pops Ensemble in ihren Hauptbestandteilen noch existieren, sind dafür das beste Beispiel: Wie sie am Sonntag in Hamburg die Evergreens "Alone in the Endzone", "Murder City Nights" oder "Burning Eye" und natürlich "New Race" gespielt haben - schwer, bluesig, mit Breaks, die eben gerade erst dieser besonderen Nacht abgerungen erschienen -, zeigte eine Durchdringung des Genres, wie man sie selten hört. 300 Jahre Punkrock, aber kein Leichengeruch weit und breit.


Weiterer Deutschland-Termin von Radio Birdman: Dienstag, Freiburg, Cafè Atlantik