Ramones und Sex Pistols: Mieser Sound als Statement
40 Jahre Ramones und Sex Pistols Blitzkrieg-Pop!
Die Ramones haben vermutlich mehr T-Shirts verkauft als die Beatles, Rolling Stones oder Pink Floyd. In Fußgängerzonen, Shopping-Malls und auf Schulhöfen sind sie allgegenwärtig. Ihr auf Stoff gedrucktes Image scheint der größte Hit der New Yorker Rockmusikpioniere zu sein.
Dabei haben vermutlich die wenigsten, die dieser Tage mit einem Ramones-T-Shirt herumspazieren, jemals einen Song der Band gehört oder gar ein ganzes Album. Und dass die vier mittlerweile verstorbenen Rocker in den lädierten Jeans und den engen schwarzen Lederjacken als Begründer des sogenannten Punks gelten, dürfte den meisten Shirt-Trägern ohnehin herzlich egal sein.
Genau 40 Jahre ist es jedenfalls her, dass ihr spektakuläres Debütalbum, schlicht "Ramones" benannt, veröffentlicht wurde. Eine bis heute elektrisierende Platte, die der britische Kritiker Jon Savage jüngst zu einer der Platten kürte, die tatsächlich den Lauf der Kultur beeinflusst haben.
Dabei bringen es die 14 atemlos-rüden Hochgeschwindigkeits-Rock'n'Roll-Songs gerade mal auf eine knappe halbe Stunde Spielzeit. Auch fand das in nur einer Woche in New York für 6400 Dollar Studiokosten runtergerockte Album anfangs kaum Käufer, aber es schlug wie ein Kugelblitz in die erschlaffte Musikwelt jener Tage ein.
Damals schien dem Rock'n'Roll mal wieder die Luft ausgegangen zu sein. In den Charts gaben Bombast-Rocker, die Einhörner besangen, und Elton-John-Imitatoren den Ton an. Lou Reed brachte seine Verachtung für den Zustand der Szene auf den Punkt, als er 1975 "Metal Machine Music" veröffentlichte, ein Doppelalbum, das über die Distanz von vier LP-Seiten nur Rückkopplungslärm bot. Der notorisch schlecht gelaunte Sänger und Gitarrist stand dann auch erstaunlich erfreut bei den ersten Konzerten der Ramones im New Yorker Club CBGB's im Publikum.
Die Ramones kamen aus dem gediegenen Vorort Forest Hills im Stadtteil Queens und hatten sich nach einem alten Paul-McCartney-Pseudonym benannt. Ihre Überschalltempo-Songs kombinierten sie mit Ohrwurmmelodien, die an die Beach Boys und Phil Spector erinnerten.
Breitbeinig und versteckt hinter Sonnenbrille und Haarmähne besang Joey Ramone in cooler Lakonie Nazis, Drogen und Punkrockmädchen, während seine drei Kumpane die Verstärker donnern ließen. Die Wucht ihrer - manchmal kaum 17 Minuten langen - infernalischen Auftritte, die an das Starten eines Düsenjägers erinnerten, sorgte in New York für Aufsehen.
Gemeinsam mit Bands wie Blondie und Television galten die Ramones bald als die neuen jungen Wilden der Branche. Allerdings schien sich ihr Ruhm in den USA auf New York City zu beschränken. Zu Konzerten jenseits der Stadtgrenze verirrten sich oft keine zehn Besucher.
Im fernen England wurden die Ramones dagegen vergöttert. Als sie an einem heißen Juliabend 1976 ihre erste Londoner Show spielten, waren sie verblüfft über das Interesse. Im Vorprogramm lärmten The Stranglers, im Publikum standen Musiker von The Clash, The Damned und den Sex Pistols.
Die Liste der Nachwuchsrocker, die sich später auf das Debüt der Ramones bezogen, ist lang. Auch ein gewisser Sid Vicious hat sich das Bassspielen angeblich mithilfe der ersten Ramones-Platte angeeignet.
Die Sex Pistols waren 1976 auch schon unterwegs. John Lydon, Krautrock- und Reggae-Fan, hatte eines Tages "I HATE" auf ein altes Pink-Floyd-Shirt geschmiert, sich die Haare abgeschnitten und giftgrün gefärbt - und war so in Malcolm McLarens Boutique namens Sex an der Kingsroad in London spaziert. Der beeindruckte Chef offerierte ihm umgehend den Job des Sängers einer Band, die er gerade zusammenstellte, um das Establishment ein wenig zu erschrecken.
Der Plan ging auf. Die Tour, die die Sex Pistols damals in England absolvierten, gilt als legendär. Insbesondere ihr Auftritt in Manchester am 4. Juni 1976 in der Lesser Free Trade Hall wird immer wieder als eines der bedeutsamsten Konzerte aller Zeiten gewürdigt. Auch wenn später Millionen Wichtigtuer schworen, dass sie vor Ort waren, verirrten sich damals nur wenige Fans in den Laden. Aber - so die Legende - jeder von ihnen beschloss an jenem Abend, eine Band zu gründen, so wie Morrissey, Bernard Sumner, Peter Hook, Tony Wilson, Pete Shelley, Howard Devoto oder Mark E. Smith.
Vier Jahrzehnte später ist diese "Stunde null" des britischen Punk in einer CD-Box zu bestaunen. "Live 76" heißt das Kästchen, das vier Sex-Pistols-Konzerte aus jenem Jahr bietet. Es muss allerdings angemerkt werden, dass der Klang dieser Mitschnitte nicht optimal ist - worauf auf der Hülle auch hingewiesen wird. Aber das ist egal, denn die Aufregung und Spannung jener Nächte vermittelt sich bis heute.
Auch das Debüt der Ramones war, was die Klangqualität angeht, nicht atemberaubend. Zum 40. Geburtstag wurde es nun aufwendig restauriert und in einem edlen 3-CD/Vinyl-Set frisch aufgelegt. Neben einem herrlich schroffen neuen Mono-Mix des Debüts (der auch als Vinylalbum beiliegt) gibt es eine CD mit Outtakes und Demos, sowie zwei volle Konzerte von 1976. Limitiert wurde diese Edition auf 19.760 Exemplare, die schnell weg sein dürften. Ein T-Shirt wurde zum Glück nicht beigepackt.
The Ramones:
Ramones 40th Anniversary Deluxe Edition
Rhino/Warner; 51,99 Euro.
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