Remix-Kultur: Nietzsche mit Beat
Remix-Kultur Nietzsche mit Beat
Der Name der Band steht nicht auf der Plattenhülle, stattdessen ist nur eine Obstschale abgebildet. Ebenso bizarr ist die Musik auf der darin verpackten Maxi-Single: Zu hören ist minutenlang nur ein Schauspieler, der zu einem dezent treibenden Rhythmus theatralisch auf Englisch aus Friedrich Nietzsches Werk "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" rezitiert, bis dann doch mit großer Wucht "Welcome To The Pleasuredome" ertönt, die Frankie-Goes-to-Hollywood-Nummer von 1985, um die es hier eigentlich geht. Ein Song, der auf sein Skelett reduziert eher blass wirkt, aber in dieser Version gut zwölf Minuten lang als sogenannter "Fruitness Mix", aufgeblasen und garniert mit und allerlei Bonus-Bombast, für Aufsehen sorgte.
Epische Spektakel
Der "Remix" ist die hohe Kunst, mittelprächtige Lieder zu frisieren. Seine erste Blütezeit erlebte sie in den achtziger Jahren, nun erinnern zwei Sampler an die frühen Tage des in der Techno-Ära inflationär gebrauchten Handwerks. Die Doppel-CD "The Art Of The 12"" enthält historische Achtziger-Jahre-Meisterwerke der Plattenfirma ZTT, Heimat von Frankie Goes to Hollywood, Art of Noise und Propaganda, die damals Maßstäbe in der Remix-Kunst setzten, indem sie Singles zu epischen Spektakeln aufbliesen. Gern veröffentlichten sie von einem Song gleich mehrere Neubearbeitungen, die oft in limitierter Auflage erschienen und zu Sammlerstücken wurden. Allein von Frankie Goes to Hollywoods "Welcome To The Pleasuredome" erschienen mehr als ein halbes Dutzend Versionen. Der gesuchte Mix namens "Pleasurefix" ist nun auf "The Art Of The 12"" zu haben.
Eine Art Bestandsaufnahme der jüngeren Remix-Geschichte bietet der Sampler "RMX". Zusammengestellt haben den die als Achtziger-Jahre-Fans bekannten DJs Blank & Jones. In der Sammlung finden sich zeitgemäße Remixe von Größen wie Goldfrapp, , Empire of the Sun, Kings of Convenience und den , die alle so klingen, als seien sie in den Achtzigern produziert worden.
Sorglose Prasserei
Über die Frage, woher die Idee des Remix stammt, streiten die Experten. Anfangs wurde mit dem Dub-Reggae Jamaikas und Disco aus der New Yorker Bronx experimentiert. Das war in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, in den achtziger Jahren wurde das Remixen, also die Technik, ein bestehendes Stück Musik in seine Bestandteile zu zerlegen und neu zusammenzusetzen, zum großen Thema. Als Remix-Pioniere der jüngeren britischen Pop-Geschichte gelten Soft Cell und The Human League, die als erste komplette Remix-Alben veröffentlichten. Damals warfen große Plattenfirmen noch sorglos mit Geld um sich und zahlten angesagten "Remixern" ein Vermögen, um öde Lieder zu veredeln.
Die beiden neuen Sampler taugen vor allem als amüsante Pop-Geschichtsstunde, denn heute ist der Remix aus dem Mainstream-Pop weitgehend verschwunden, bildet aber festen und elementaren Bestandteil des HipHops und der aus dem Techno-erwachsenen Elektromusik. Dort treibt die Remix-Kunst ausufernde Blüten mit zahlreichen Szene- und DJ-Stars, die ihren Ruhm nahezu ausschließlich auf clevere Remix-Compilations gründen. Zu den prominentesten Vertretern zählt unter anderem Jamie Smith von The xx, der unlängst das jüngste Album des Jazz- und HipHop-Veteranen Gil-Scott Heron remixte und auf CD veröffentlichte.