Neue Alben von Nduduzo Makhathini, Alexander Malofeev, Klez.e, Alice Sara Ott - DER SPIEGEL
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Nduduzo Makhathini, Alexander Malofeev, Klez.e, Alice Sara Ott Neue Alben

• aus SPIEGEL Bestseller 2/2026

Jazz - Afrikanische Musik mit amerikanischem Echo

Musiker Makhathini

Musiker Makhathini

Foto: Siphiwe Mhlambi / Universal Music

Nduduzo Makhathini: »The Myth We Choose« (Blue Note)

Das eigentliche Medium des südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini ist das Konzert. Kaum jemand, der diesen Mann einmal live gesehen hat, wird dieses Erlebnis wieder vergessen. Denn bei Makhathini geht es nicht nur um Musik. Es geht um Philosophie, Geschichte, spirituelle Reinigung. Makhathini spielt, aber er spricht auch mit dem Publikum, erzählt, singt. Er ist ein Botschafter, der seinem Publikum im Westen eine interessante Nachricht überbringt: Eine andere Welt ist möglich, und wer neugierig ist, muss nur zuhören, sie könnte klingen wie seine Musik.

Makhathini ist nicht nur Pianist, Lehrer und Denker, sondern auch ausgebildeter »Healer«, und wem das zu esoterisch ist, dem könnte man es auch anders übersetzen: Jazz ist für diesen Künstler eine afrikanische Musik, eine Art transatlantischer Resonanzraum, die so etwas probt wie Vergebung in einer Welt, die durch die Zivilisationsbrüche von Sklaverei und Kolonialismus hindurchgegangen ist. In den vergangenen Jahren war immer wieder die Rede von der Kunst der Dekolonialisierung – bei Makhathini kann man sie hören. In all ihrer Komplexität. Nicht als Kitsch scheinbar authentischer Volksmusik und auch nicht als akademische Behauptung. Als Jazz, improvisierte Musik. Makhathini sagt, wenn er spiele, öffne er sich und lasse die Geister sprechen.

Von all dem erzählt Makhathini, wenn er auf der Bühne ist, und ein wenig kann einem das auf seinem neuen Album »The Myth We Choose« fehlen. Zumindest wenn man kein Zulu spricht. Denn tatsächlich singt Makhathini in fast jedem Stück, die Erklärungen, mit denen er bei seinen Auftritten in der Lage ist, die Musik einzurahmen, muss man sich selbst zusammenreimen. Dass »Umembeza« vom Ende der Welt handelt und der Frage, wann es da sei. Oder »Liyoze Line Nangakithi« von der Beziehung zwischen Regen und Boden in der Nguni-Mythologie, die Nguni sind ein Volk in Südafrika (und Regen und Boden haben mit Himmel und Erde zu tun).

Aber natürlich kann man dieses Album auch einfach so hören – Makhathinis Sohn Thingo hat es mitproduziert, möglicherweise gibt es deshalb elektronische Einflüsse. Auch der britische Saxophonist Shabaka Hutchings ist dabei. Vom Westen aus betrachtet, kann einem Jazz vorkommen wie eine amerikanische Angelegenheit, die dann in die Welt gewuchert ist. Von Afrika aus stellt sich all das ganz anders dar. Da ist der Jazz eine afrikanische Sache, die ein Echo in Amerika hatte. Soll sich jeder seinen Mythos suchen. Zusammen spielen geht eh immer. Tobias Rapp


Klassik - Das Wunderkind trägt Crocs

Shootingstar Malofeev

Shootingstar Malofeev

Foto: Dovile Sermokas / Sony Music

Alexander Malofeev: »Forgotten Melodies« (Sony Classical)

In keiner anderen Kunstform hat der Begriff des Wunderkinds so nachhaltig Konjunktur wie in der klassischen Musik. Als Alexander Malofeev im vergangenen Herbst in Wien bei einem Konzert am Flügel für die Starpianistin Khatia Buniatishvili einsprang, schrieb eine Tageszeitung von einer »Weltrevolution«, eine andere von der »Schönheit des allerersten Tages«. Nach einem Konzert in Dresden urteilte eine Kritikerin: »Er zaubert am Klavier, was kein Interpret vor ihm zu vermitteln wusste.«

Eine Ahnung von Wunderkind liegt offensichtlich in der Luft, wenn Malofeev spielt. Geboren wurde er 2001 in Moskau, er gewann den Nachwuchspreis des Tschaikowski-Wettbewerbs, dann aber geriet sein Leben aus dem Takt. 2022 postete er auf Facebook ein Statement zum russischen Angriff auf die Ukraine: »Die Wahrheit ist, dass sich jeder Russe jahrzehntelang schuldig fühlen wird wegen dieser schrecklichen und blutigen Entscheidung.«

Er musste das Land verlassen und lebt seitdem in Berlin. Ein hip gekleideter Zeitgenosse, der die ihn beobachtenden Klassikkritiker vom alten Schlag durch die Wahl seiner Schuhe (eine Art Crocs) und Hosen (sehr weit) irritiert – aber ein Wunderkind darf das.

Auf seinem ersten Album »Forgotten Melodies« (Sony Classical) hat der 24-Jährige nun Soloklavierstücke von vier russischen Komponisten eingespielt, die ebenfalls ihr Land verlassen hatten. Der bekannteste von ihnen ist Sergei Rachmaninoff, dazu kommen Alexander Glasunow, Michail Glinka und Nikolai Medtner. »Sie alle teilen ein ähnliches Empfinden für Nostalgie – die Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem, nach etwas, das es in der Wirklichkeit nie gegeben hat. Fast eine Traumwelt, und diese findet man überall auf diesem Album«, sagt Malofeev.

Er eröffnet mit Michail Glinkas romantischem Lied »Die Lerche«, bereits 1840 entstanden und damit eines der ältesten Werke des Albums. Es setzt den Ton für die zwei Stunden, die folgen. Eines der Kernstücke ist Nikolai Medtners »Sonata reminiscenza«, die hier unter dem etwas flotteren Titel »Forgotten Melodies« firmiert.

Ein Album, das wirkt, als musizierte Malofeev in einem Salon voller wehmütiger russischer Emigranten. Dabei spielt er so leichthändig und kunstvoll, dass es sich anhört, als wären die Melodien nicht aus dem 19. oder 20. Jahrhundert – sondern direkt aus der Gegenwart. Sebastian Hammelehle


Rock - Der längste Sommertag

Band Klez.e

Band Klez.e

Foto: Caroline Pitzke

Klez.e: »Einmal mehr mit dir gegen die Furcht« (Windig/Cargo)

Als der Berliner Musiker Tobias Siebert vor ein paar Jahren zusammen mit seiner Frau, der Künstlermanagerin Annette Herrmann, den alten Küsselhof an der deutsch-polnischen Grenze zu Ferienwohnungen mit Festsaal und Studio umbaute, nannten sie das Projekt »Baustelle of Love« – Baustelle der Liebe. Abseits der grauen Stadt fanden die beiden dort Frieden und vielleicht auch ein wenig von der verblüffenden Zuversicht, die nun aus den Liedern von »Einmal mehr mit dir gegen die Furcht« dringt, dem sechsten Album von Sieberts Band Klez.e.

Die Gruppe, benannt nach einem berüchtigten Computerwurm, ist als beste Band bekannt, die klingt wie The Cure, ohne The Cure zu sein. Das Album »Desintegration« war 2017 sogar eine direkte Hommage an den Cure-Klassiker von 1989, wurde dann aber zu einer persönlichen, auch düsteren Reise des im Osten geborenen Songwriters Siebert vom Mauerfall in die Gegenwart. Die zwiespältige Stimmung von damals, die Sehnsucht, die in Ernüchterung umschlug, fängt sich im neuen Stück »Im Herbst«, wenn Siebert sich mit triefendem Sarkasmus »erschöpft von all dem Westglück« zeigt. »Melancholia« bleibt auch diesem Album die Grundeinstellung, wenn im gleichnamigen Song schon mal am längsten Sommertag das nahende Ende des gerade erlebten Glücksmoments beschworen wird. Aber Siebert wirkt geradezu euphorisch, wenn er in »La Boum« nicht nur von Teenie-Feten, sondern auch von Bartresen-Resilienz in politisch schweren Zeiten schwärmt: »Und jede Bad-News-Theorie/ Zerrt, bricht an unserer Hedonie/ Und wenn's auch schlimmer kommt, halte durch«. Baustelle der Hoffnung. Andreas Borcholte


Klassik - Wer braucht schon einen Flügel?

Pianistin Ott

Pianistin Ott

Foto: Jonatan Gretarsson / Universal Music

Alice Sara Ott: »Jóhann Jóhannsson: Piano Works« (Deutsche Grammophon)

Es kann Jahrzehnte dauern, bis ein Instrument seine Bestimmung findet: Im Island der Sechzigerjahre kaufte eine Mutter ein Klavier für ihren Sohn, damit der darauf übe. Doch der Junge hatte keine Lust. Und so stand das Instrument fast 50 Jahre lang ungenutzt in der Wohnung der Mutter herum, bis ihr Sohn das Klavier an den isländischen Musikproduzenten Bergur Þórisson verkaufte.

In der Zwischenzeit war im Jahr 1988, gut dreieinhalbtausend Kilometer weiter südlich, in München ein Mädchen geboren worden, das schon als kleines Kind Pianistin werden wollte. Alice Sara Ott. Heute ist sie die erfolgreichste deutsche Pianistin, sie spielt auf den besten Flügeln – doch als es darum ging, in Bergur Þórissons Tonstudio in Reykjavik ihr 14. Soloalbum aufzunehmen, entdeckte Alice Sara Ott dieses alte Klavier.

Sie war fasziniert von dessen Klang, von seiner Wärme und von der Nostalgie, die sie darin spürte. Das ideale Klavier für das, was sie vorhatte: Denn die Musikerin, die mit Interpretationen von Chopin oder Beethoven bekannt geworden ist, wollte diesmal kein Klassikalbum einspielen. Sondern Tracks von Jóhann Jóhannsson, einem isländischen Filmmusik- und Ambientkomponisten, der 2018 gestorben ist.

Die 30 kurzen Stücke auf diesem Album sind melodisch viel schlichter als das, was Ott sonst spielt. Genau darin aber liegt ihr Zauber. »Je weniger Töne man hat, desto weniger kann man sich verstecken«, meint Alice Sara Ott. Jóhannssons Stücke klingen intim, sie entfalten eine magische Aura. Das liegt an der Sensibilität der Pianistin. Und an diesem alten Klavier. Sebastian Hammelehle

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