Picasso, Metzger, Beuys: Versehentlich zerstörte Kunst - Kann das weg? - DER SPIEGEL
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Versehentlich zerstörte Kunst Kann das weg?

Ein kleiner Junge zerdeppert eine 3500 Jahre altes Gefäß. Der Fall löst Erinnerungen aus. An Picasso, eine Jesuskarikatur – und eine Badewanne bei einem SPD-Ortsverein.
Jesus-Fresko in einer Kirche in Zaragoza
Jesus-Fresko in einer Kirche in Zaragoza

Jesus-Fresko in einer Kirche in Zaragoza

Foto: Centro De Estudios Borjanos / EFE / dpa / picture alliance

Im israelischen Haifa ist ein Junge aus Versehen gegen eine Amphore gestoßen. Er hat sie dabei zerstört. Ein besonderes Artefakt, wie es das Museum selbst über das 3500 Jahre alte Gefäß sagte. Es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass Werke von künstlerischem Wert zerstört wurden.

Millionenstolperer

Während die Vase in Haifa ungeschützt im Raum stand und das Museum damit Unfälle dieser Art in Kauf nahm, hatte ein Museum in Taipeh andere Vorkehrungen getroffen. Vor dem Gemälde mit dem Titel »Flowers« von Paolo Porpora, Wert: 1,3 Millionen Euro, war ein Podest aufgebaut. Zwei Seile sollten zusätzlich Abstand zu den Besucherinnen und Besuchern herstellen. Doch genau diese Sicherheitsmaßnahmen wurden dem 350 Jahre alten Werk 2015 zum Verhängnis, als ein Zwölfjähriger mit den Füßen an die Vorrichtung stieß, stolperte – und sich instinktiv an dem Stillleben abstützte. Erst mit der einen, dann mit der anderen Hand. Die Aufnahmen der Überwachungskamera gingen um die Welt:

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Teuerstes Loch der Kunstgeschichte

Es sind längst nicht nur ungeschickte Kinder, denen Unglücke wie diese passieren. 2006 riss der amerikanische Milliardär Steve Wynn ein Loch in Pablo Picassos »Le Rêve«. Besonders bitter: Er hatte gerade einen Käufer für das Gemälde gefunden. Für 139 Millionen US-Dollar sollte das Bild den Besitzer wechseln. Als Wynn in sein Büro in Las Vegas geladen hatte, um das Bild des spanischen Künstlers ein letztes Mal zu bewundern, geschah das Unglück.

Drehbuchautorin Nora Ephron, die bei dem Vorfall im Jahr 2006 dabei war, berichtete damals, Wynn habe seinen Gästen etwas an dem Bild zeigen wollen. »In diesem Moment krachte sein Ellenbogen gegen das Gemälde. Es war ein entsetzliches Geräusch.« Das Bild hatte einen Riss, der Deal platzte. 2013 fand er einen neuen Käufer, oder besser: den ursprünglichen Interessenten. Diesmal soll Sammler Steven A. Cohen gar 155 Millionen US-Dollar für das Werk gezahlt haben.

Verschlimmbessert

Weit weniger bekannt war wohl Elías García Martínez. Und doch gelangte der 1934 gestorbene spanische Künstler zu einer gewissen Berühmtheit, als im Jahr 2012 eine ältere Frau sich am Jesus-Fresko »Ecce Homo« als Restauratorin versuchte. Mit bestimmt nur den allerbesten Absichten machte sie sich also dran, das immer weiter zerfallende Ölbild an der Wand einer Kirche im spanischen Borja zu restaurieren, das Ergebnis sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Manche erinnerte das »restaurierte« Jesus-Fresko eher an einen Affen als an den Heiland

Manche erinnerte das »restaurierte« Jesus-Fresko eher an einen Affen als an den Heiland

Foto: Centro De Estudios Borjanos / EFE / dpa / picture alliance

Kunstschmiererei

Dass Bilder des berühmten Streetart-Künstlers Banksy – wo möglich – auch gern entwendet werden, ist bekannt. Seine heimlich besprühten Hauswände erregen weltweit Aufmerksamkeit, die von ihm bearbeiteten Bretter und Leinwände gehören zu den begehrtesten Trophäen des Marktes. Das gilt heute, das galt auch schon 2010. Und doch haben damals Mitarbeitende der Stadtreinigung im australischen Melbourne ein Banksy-Graffito einer fallschirmspringenden Ratte übermalt. Es war ungefähr so groß wie ein DIN-A-4-Blatt.

Fotos existieren immerhin noch davon: Banksys fallschirmspringende Ratte

Fotos existieren immerhin noch davon: Banksys fallschirmspringende Ratte

Foto: Julian Smith / dpa / picture alliance

Fünf Jahre zuvor hatte auch in London ein Reinigungsteam der Londoner Verkehrsbetriebe eine Arbeit des Graffiti-Weltstars einfach weggeputzt.

Eifrige Putzteufel

Überhaupt: Reinigungskräfte. Für sie könnte es eine eigene Rubrik bei versehentlich zerstörter Kunst geben, haben doch schon einige dieser Zunft ihren Job so ordentlich erledigt, dass etliche Kunstwerke weggewischt, weggefeudelt oder weggeschmissen wurden. Da war zum Beispiel jene Putzfrau in der Londoner Tate Britain, die 2005 ein Werk des Künstlers Gustav Metzger entsorgte. Schließlich handelte es sich dabei um einen mit Papierschnipseln gefüllten Plastiksack.

Ganz ähnlich erging es einer Installation der Künstlerin Romana Menze-Kuhn. 2016 hielt eine Putzfrau in Mannheim einen Teil des Objekts »Behausung 6/2016« für Müll, bestand der doch aus zusammengeknüllten Rettungsfolien in einer alten Tonne.

Zur Verteidigung jener Reinigungskraft, die 2011 den feuchten Teil einer Installation von Martin Kippenberger wegwischte, könnte man anführen: Was soll man auch von einem Werk mit dem Namen »Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen« halten? Als sie den milchigen Kalkrand aus dem großen Gummitrog weggeschrubbt hatte, war das 800.000-Euro-Werk blitzblank, aber zerstört.

Gescheuerte Kunst: Kippenbergers »Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen«

Gescheuerte Kunst: Kippenbergers »Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen«

Foto: Bernd Thissen / dpa / picture alliance

Fette Ecke

Ein Klassiker der Putzteufel-Rubrik dreht sich um Joseph Beuys: Nachdem der Weltstar 1982 in etwa fünf Meter Höhe in seinem Atelier in der Düsseldorfer Kunstakademie fünf Kilogramm Butter zur sogenannten Fettecke verteilt hatte, entfernte der Hausmeister wenige Monate nach Beuys’ Tod 1986 das Fett kurzerhand. Beuys-Schüler Johannes Stüttgen klagte später, das Land Nordrhein-Westfalen musste 40.000 Euro Schadensersatz zahlen. Und das waren nicht die einzigen Nachwehen, hatten doch drei Düsseldorfer aus den rund 30 Jahre alten Fettresten vier Liter 50-prozentigen Schnaps gebrannt (mit gewöhnungsbedürftigem Parmesan-Geschmack, wie sie selbst sagten) – und einen veritablen Streit mit Beuys’ Witwe ausgelöst. Dieser konnte aber beigelegt werden.

Überhaupt ist Beuys eines der beliebtesten Opfer der Kunstentsorger: Schon 1973 identifizierten Reinigungskräfte des SPD-Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath seine beklebte und beschmierte Badewanne offenbar als Sauerei, befreiten die Installation von Fett- und Heftpflasterresten und nutzten sie nach einer Sommerparty zum Gläserspülen.

Ein Werbespot für ein Scheuerpulver machte die Affäre wenig später bundesweit bekannt. Darin stehen zwei Putzfrauen vor einer schmierigen Badewanne mitten im Museum. »Da muss mal gründlich gescheuert werden«, befinden die beiden und fragen anschließend den dank zahlreicher Klischees sofort als Künstler zu erkennenden Mann. »Na Meister, glänzt?«

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version haben wir das Gefäß als Vase bezeichnet. Es handelt sich jedoch um eine Amphore. Wir haben den Begriff korrigiert.