John Wayne wird Rassismus vorgeworfen - DER SPIEGEL
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John Wayne und Rassismus Western von gestern

Die US-Amerikaner streiten über ihren größten Cowboy-Darsteller: John Wayne redete abschätzig über Schwarze und Native Americans. Wie soll man heute damit umgehen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einer der größeren Skandale in der Geschichte der Oscars ereignete sich bei der Preisverleihung 1973. Als Liv Ullmann und Roger Moore die Auszeichnung für den besten Hauptdarsteller an Marlon Brando ("Der Pate") übergeben wollten, betrat Sacheen Littlefeather die Bühne; eine "Indianerin", wie man damals gesagt hätte. Sie lehnte die Statue mit erhobener Hand ab und erklärte in Brandos Namen:

"Der Grund für die Ablehnung besteht in der heutigen Behandlung der amerikanischen Indianer durch die Filmindustrie und die Wiederholungen jener Filme im Fernsehen und hat auch mit Umgang der aktuellen Geschehnisse am Wounded Knee zu tun."

Ein aus heutiger Sicht noch größerer Skandal allerdings blieb den Zuschauern im Saal und an den Fernsehschirmen verborgen: Sechs Sicherheitsbeamte konnten den wütenden (und wohl stark angetrunkenen) John Wayne nur mit Mühe davon abhalten, Littlefeather von der Bühne zu drängen . Möglicherweise hätte die Öffentlichkeit auf diese Szene ähnlich zwiegespalten reagiert wie die Hollywoodprominenz vor Ort, die teilweise buhte und teilweise applaudierte.

In unzähligen Filmen hatte John Wayne sein Image als rauer Westernheld mit dem Herz am richtigen Fleck zementiert: Ein harter Kerl, der hinter einer wettergegerbten Fassade Güte und Gerechtigkeitssinn vereinigt. Wenn die Native Americans, wie sie sich selbst nennen, seinen Zorn auf sich zogen, so die unausgesprochene Botschaft in seinen Filmen, dann hatten sie es auch verdient.

Zu Lebzeiten konnte Wayne mit der Nachsicht oder gar der Bewunderung der Öffentlichkeit rechnen, doch nun, 41 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1979, ist in den USA ein neuerliche Debatte über ihn entbrannt. Sie dreht sich um die Frage: War Wayne Rassist?

Noch in den Sechzigerjahren gehörten Westernfilme zu den großen Kassenschlagern Hollywoods, kein anderer Schauspieler prägte diese Ära wie John Wayne, in Filmen wie "Der Mann, der Liberty Valance erschoss", "Die vier Söhne der Katie Elder" oder "El Dorado", stets in der Heldenrolle, ausgestattet mit einem vermeintlich unfehlbaren moralischen Kompass.

Nur wenige Rollen erlauben mehr Deutungsraum, allen voran die Hauptfigur Ethan Edwards in "The Searchers" (dt. "Der schwarze Falke") von Regisseur John Ford. Hier spielt Wayne einen Rassisten, der die eigene Nichte töten will, weil sie mit Native Americans gelebt hat. Am Ende lässt er von der Tat ab, wird aber nicht mehr in die Gemeinschaft der Grenzerfamilien, von denen die Geschichte handelt, zurückfinden - belohnt wird seine Läuterung also nicht.

Befeuert durch die gesellschaftlichen Veränderungen, durch die Hippiebewegung und den Vietnamkrieg, veränderte sich schließlich auch das Genre: Western zeigten nun gebrochene Figuren, die nicht mehr zum klaren Helden taugten; die einfache Unterteilung zwischen Gute und Böse, weißem Hut und schwarzem Hut galt nicht mehr, nicht im Kino, nicht in der Wirklichkeit.

Doch John Waynes Furor bei der Oscarverleihung 1973 zeigt nicht allein das Unverständnis eines alternden und betrunkenen Cowboy-Darstellers über den Wandel seines Rollenbildes. Es ist das Verhalten eines durch und durch konservativen Amerikaners dieser Zeit. Ein Vertreter einer Generation, für die weiße Vorherrschaft noch viel selbstverständlicher als heute gelebte Alltagsrealität war. Auch wenn diese Vorherrschaft spätestens von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre infrage gestellt wurde – und selbst ein konservativer Demokrat wie der US-Präsident Lyndon B. Johnson, ein ähnlich kerniger Typ wie Wayne, für einen Wandel eintrat.

Gerade dieser Wandel aber verunsicherte die konservative Wählerschaft. Johnsons Nachfolger im Weißen Haus war der republikanische Law-and-Order-Politiker Richard Nixon. Und einer der gern gesehenen Gäste in Nixons kalifornischem Landhaus San Clemente war John Wayne.

Nixon stand kurz vor seiner triumphalen Wiederwahl, als Wayne 1971 dem US-amerikanischen "Playboy" ein Interview gab; das Magazin war zu jener Zeit nicht nur für nackte Frauen, sondern auch für hartnäckige, kritische Interviews bekannt, die versuchten, den Zeitgeist zu kommentieren. Dieses Interview wird nun als Beleg für Waynes rassistische Haltung herangezogen, aber es sagt noch mehr über den alltäglichen Rassismus der Vergangenheit aus.

Wayne gibt zu Protokoll , dass er an die Überlegenheit der Weißen glaube, bis "die Schwarzen gebildet genug sind, um Verantwortung zu übernehmen" und versteckt sich auf Nachfrage hinter den allgemeinen Ansichten seiner Zeit: Er könne nicht beurteilen, ob es schwarze Menschen gibt, die diese Vorgaben erfüllen, er wolle lediglich nicht "Autorität, Führungspositionen und Urteile an unverantwortliche Menschen übergeben". Und diese Fähigkeiten könnten sich die Schwarzen ja erwerben, indem sie ordentlich lernten und studierten, was leider zu wenige täten. Wayne spricht also Schwarzen ab, etwas aus sich machen zu wollen - und lässt die höchst unterschiedlichen Voraussetzungen für junge Menschen verschiedener Hautfarbe Anfang der Siebzigerjahre dabei völlig außer Acht.

In der Biografie "Duke – the life and times of John Wayne" besprechen die Autoren Donald Shepherd und Robert Slatzer auch John Waynes verfestigtes Image als ultrakonservativer Amerikaner, als "Apostel des Patriotismus" und kommen zu dem Schluss, dass die Medien dieses Image erschaffen konnten, weil sich Wayne auf Nachfrage stets deutlich auch zu politischen Fragen geäußert habe. Allerdings konstatieren sie, dass der Schauspieler - wenn überhaupt – seine Bildung aus der Tagespresse entnommen habe und mitnichten ein politisch gebildeter Mensch gewesen sei. Vielmehr habe sich Wayne gern zu allen Themen geäußert: auf emotionale Weise – und nicht sonderlich gut informiert.

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John Wayne: Der Prototyp des einsamen Cowboys

Foto: Bert Reisfeld/ DPA

Es taugt nicht wirklich als Entschuldigung, wenn der Schauspieler in jenem "Playboy"-Interview aus dem Jahr 1971 davon spricht, dass er in den Filmen, in denen er Regie führte, Schwarze in "angemessenen Rollen besetzt habe". "In 'Alamo' hatte ich einen schwarzen Sklaven und in 'Die grünen Teufel' hatte ich eine korrekte Anzahl Schwarze." Wayne versteckt sich hinter pseudo-offiziellen Parametern, wenn er angibt, dass die Anzahl der schwarzen Schauspieler doch dem prozentualen Anteil an der Bevölkerung entsprechen solle - "Zweifellos sind zehn Prozent oder so der Bevölkerung schwarz, farbig oder wie auch immer sie sich nennen wollen; mit Sicherheit sind es keine Kaukasier."

Schließlich sprach der Interviewer des "Playboy" Wayne auch auf seine Haltung zu den Native Americans an. "Unser sogenannter Landraub war lediglich eine Frage des Überlebens. Eine große Zahl Menschen brauchte neues Land und die Indianer waren selbstsüchtig genug, es für sich behalten zu wollen", antwortete Wayne. Wenn es Ungerechtigkeiten gäbe, könnten die Indianer ja vor Gericht ziehen; im Übrigen sei er nicht dafür verantwortlich, was vor 100 Jahren geschehen sei.

Das "Playboy"-Interview endet mit der Frage, welche Legende der Westernheld gern hinterlassen würde. Waynes Antwort: "Ich hoffe, meine Familie und meine Freunde werden sagen können, dass ich ein ehrlicher, freundlicher und einigermaßen anständiger Mann war."

Privat ein netter Kerl, wenn auch mit zweifelhaften Ansichten – kommt einem irgendwie bekannt vor. Allzu viele Biografien sind so schon beschönigt worden. Und auch wenn man John Wayne an den Maßstäben seiner Zeit wird messen müssen, als Inbegriff des kernigen Cowboys steht er auch für die Schattenseiten der US-amerikanischen Geschichte.