meinung •Rechtsstreit zwischen Böhmermann und »Berliner Zeitung« Die Causa »saure Froschfresse«
»Berliner Zeitung«: Im Streit über 600 Euro und eine Anmerkung
Foto:Reiner Zensen / IMAGO
Holger Friedrich, Verleger der »Berliner Zeitung«, hat einen Geltungsdrang. Und seine »Berlinskaja Prawda«, wie die Zeitung wegen ihrer Nachsichtigkeit gegenüber Moskau manchmal spöttisch genannt wird, hat ein Geltungsproblem.
Beides ist an sich nicht neu – wobei die Art, wie sich dieses Problem zuletzt zeigte, durchaus beachtlich ist. Worum geht es?
Um einen Rechtsstreit zwischen Medienleuten. Mehrere Berichte darüber, von denen mindestens einer – etwa besoffen? – vor zwei Monaten entstanden ist. Und um etwas mehr als 600 Euro.
Hinzu kommen die Beteiligten: Satiriker Jan Böhmermann, sein Kollege Olli Schulz, der »freieste Mitarbeiter« von Axel Springer, Ulf Poschardt, sowie Harald Neuber.
Letzteren werden Sie nicht kennen. Kein Problem, so ging es auch mir. Dann aber hatten er und ich vor einigen Wochen one-sided Beef, wie man im popkulturellen Jargon so schön sagt: einen einseitigen Streit. Ich kenne den Mann bis heute nicht persönlich.
Ich werde Ihnen Neuber trotzdem später im Text etwas näherbringen. Doch zunächst zum Wesentlichen: der Causa »saure Froschfresse«.
Ein Fehlerhinweis und seine Folgen
Alles begann im Oktober des vergangenen Jahres. Da veröffentlichte die »Berliner Zeitung« einen Bericht , wonach Böhmermann in einer Folge seines Podcasts »Fest & Flauschig« Poschardt als »saure Froschfresse« bezeichnet habe.
Der Text fragt nach »Grenzen der Satire«. Es werden, na klar, empörte Social-Media-Kommentare zitiert, Böhmermann durch diese Brille der angeblichen Arroganz und Doppelmoral bezichtigt. Das Problem: Der beschriebene Vorgang stimmte so nicht.
Ein Fehlerhinweis der Redaktion macht deutlich: Nicht Böhmermann, sondern sein Co-Host Schulz hatte den Begriff verwendet. Und nicht Poschardt selbst wurde damit beschrieben, sondern lediglich seine Miene in einem Videostreitgespräch.
»Wie kann man so substanzlos und ohne jedes Gegenargument sich so brechen lassen vor der Kamera und dann einfach mit so einer sauren Froschfresse sich das alles gefallen lassen?« – Zitat Schulz.
Zum Hintergrund: Die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin des SPIEGEL Melanie Amann hatte mit Poschardt im Format »High Noon« über Triggerthemen wie die Öffentlich-Rechtlichen und Gaza gestritten. Poschardt räumte danach ihren Sieg ein, aber das ist hier nebensächlich. Stattdessen soll es um den Fehlerhinweis der »Berliner Zeitung« gehen.
Die Sache geht vor Gericht
Diesen ergänzte das Medium nämlich erst, nachdem sich Böhmermanns Anwälte mit zwei Schreiben bei der »Berliner Zeitung« meldeten. Darin forderten sie eine Unterlassungserklärung und eine Richtigstellung.
Böhmermanns Anwälte boten zwar an, auf den Richtigstellungsanspruch zu verzichten, sollte die »Berliner Zeitung« die vorgerichtlichen Anwaltskosten zahlen. Doch das Medium lehnte ab, ein Gericht musste entscheiden.
Und tat dies im Juni mit einem Versäumnisurteil zugunsten Böhmermanns: Der Richtigstellungsanspruch gilt. Die »Berliner Zeitung« muss zudem 613,21 Euro vorgerichtliche Abmahngebühren an den Satiriker zahlen. Ich habe für den SPIEGEL darüber berichtet.
Noch eine Wendung, dann wird’s persönlich
So weit, so üblich. Doch nun wird es kleinlich. Denn es kommt noch eine Wendung. Ich weiß, ich weiß! Gedulden Sie sich bitte noch einen Moment, gleich wird’s persönlich, und Sie erfahren, wer Harald Neuber ist und warum dieser Text in der Ich-Perspektive geschrieben ist.
Also: Die »Berliner Zeitung« wollte das Versäumnisurteil zunächst nicht hinnehmen – also nicht zahlen! – und legte Einspruch ein. An diesem Mittwoch sollte sich das Gericht deshalb noch einmal mit der Causa »saure Froschfresse« befassen, dann aber kam der Rückzieher.
Am Vortag der Verhandlung nahm das Medium den Einspruch zurück – das Versäumnisurteil ist damit rechtskräftig: Offenbar hatte die Geschäftsführung der »Berliner Zeitung« keine Lust mehr auf das Theater und wollte die Causa »saure Froschfresse« wohl mit möglichst wenig Tamtam beenden.
Dabei war es doch ihr eigener Nachrichtenchef Harald Neuber – da ist er endlich! –, der sich zuletzt so sehr ins Zeug gelegt hatte, um Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken. Er widmete diesem gleich zwei Artikel. In dem einen gab er Anfang Juli gar das Versprechen ab, Böhmermann Geld zu überweisen: »In eigener Sache: Warum wir Jan Böhmermann 600 Euro zahlen«, hieß es in der Überschrift.
Der peinliche Versuch einer Machtdemonstration
Geschrieben hat Neuber den Artikel demnach an einem Donnerstagmittag. Benebelt? Das ist – natürlich – eine Mutmaßung, klar, aber für die liefert Neuber selbst unernsten Anlass, wenn er schreibt: »Liebe Kollegen, es ist jetzt Donnerstagmittag. Ich hab’ mir gerade einen Whisky eingeschenkt.« Was danach folgt, ist eine Mischung aus Verschwörungserzählung, grober Geschmacklosigkeit – Neuber faselt, Böhmermann würde womöglich seinem Anwalt einen angeblichen gemeinsamen »Puffgang« bezahlen – und einem stellenweise lustigen Diss gegen meine Wenigkeit.
Glauben Sie mir, ich wollte da nicht hineingeraten. Ich habe nur meinen Job am Newsdesk gemacht und im Juli eine erste kurze Meldung über den Gerichtsstreit zwischen Neubers Redaktion und Böhmermann geschrieben. Das nahm Neuber dann zum Anlass, um neben Böhmermann auch mich persönlich in seinem Text anzusprechen – nämlich als »SPIEGEL-Redakteurin mit dem Kürzel atr«. Mein Kürzel als Anastasia Trenkler.
Das weiß Neuber freilich. Er hat meinen Namen eigens in meiner Autorinnenbio recherchiert, aus der er in seinem Text fröhlich zitiert. Dennoch nennt er mich kein einziges Mal beim Namen. Der peinliche Versuch einer Machtdemonstration, die sich auch darin zeigt, dass er mir als verhältnismäßig junger Redakteurin – klar! – ein Praktikum bei sich anbietet. Stichwort Whiskey. Stichwort Geltungsproblem.
Die Sache ist nur: Ich wusste über Wochen nichts von diesem one-sided Beef. Ein Kollege musste mir Neubers Artikel erst zuschicken, für den Fall, dass ich weiter über den Gerichtsstreit berichte. Das habe ich hiermit getan. Die Causa »saure Froschfresse« ist geschlossen.
Wenn es dich, lieber Harald, nun dennoch in den Fingern juckt, schreib mir doch bitte eine Mail. Denn du verstehst: Anders als deine Texte erreicht die mich sicher.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, das Angebot von Böhmermanns Anwälten zielte auf die Zahlung der Anwaltskosten und die Publikation eines Beitrags zum Fall ab. Tatsächlich umfasste das Angebot nur Ersteres. Wir haben die Stelle angepasst.