"Anne Will" zu aktuellen Corona-Einschränkungen "Kein Mensch plant im Moment irgendwas"
Anne Will mit Gästen: Kein Mensch weiß, ob die Einschränkungen "nachhaltig" sein werden
Foto: NDR/Wolfgang BorrsEs stehen "vier harte Wochen" bevor. In den Sternen steht, wie "nachhaltig" die erneuten Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Kampf gegen das Virus sein werden. Wer danach sechs verschiedene Menschen befragt, hört unter Umständen zwölf verschiedene Einschätzungen. Die Antwort hängt in ihrer Vehemenz oder Verlässlichkeit vom Charakter der Befragten, eher aber noch von ihrer Expertise ab.
Viola Priesemann forscht am Max-Planck-Institut an Ausbreitungsprozessen aller Art, vor allem von Krankheiten, und zeigt sich erleichtert und "beeindruckt, wie gut die Politik das inzwischen versteht, was exponentielles Wachstum ist". Die gegenwärtigen Maßnahmen kämen spät, aber womöglich noch nicht zu spät, um das Infektionsgeschehen wieder auf ein nachverfolgbares Maß zu reduzieren.
Stefan Willich dagegen betrachtet das Einschränkungsgeschehen mit einer gewissen Skepsis. Für "kritikwürdig" hält der Epidemiologe an der Charité, dass die Maßnahmen nicht "regional adjustiert" sind und also in einer Metropole ähnlich greifen sollen wie in der Provinz. Auch leuchtet ihm die Schließung kultureller Veranstaltungsorte ebenso wenig ein wie ein Verbot von Sport an der frischen Luft.
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, anfangs zugeschaltet aus Nürnberg, wirbt um Verständnis: "Das hat schon eine gewisse Logik", sagt er über die neuen Verordnungen, denn "zu 75 Prozent" wisse man nicht, wo die Ansteckung stattfindet. Eine "Reduzierung von Kontakten zu drei Vierteln" erscheint ihm also als sinnvoll: "Es tut uns auch sehr leid, dass wir die Maßnahmen treffen müssen." Es sei nun einmal die "einzige realistische und ethische vertretbare Alternative". Wozu, das sagt er nicht.
Nicht betroffen sind einstweilen Kindergärten und Schulen, auch die Wirtschaft kommt ungeschoren davon – die Zeche, wie man so sagt, zahlen Gastronomie, Hotellerie und Kultur. Priesemann findet das richtig. Bei größeren Treffen oder Veranstaltungen wäre eine Nachverfolgung der Infektionsketten im Ausbruchsfall nicht mehr möglich beziehungsweise "eine Herkulesaufgabe".
Stellvertretend für Gastronomie, Hotellerie und eben Kultur spricht in der Runde der Jazztrompeter Till Brönner für allein anderthalb Millionen Beschäftigte in einer ohnehin prekären Branche. Er selbst komme da "sicherlich in irgendeiner Form durch", die Mehrheit wohl nicht. Seit März habe er gerade mal drei Konzerte gegeben, im Grunde gelte für die komplette Veranstaltungsbranche seit Februar ein "Voll-Lockdown".
Tatsächlich scheint die Politik das exponentielle Wachstum besser zu verstehen als die Lebenswelt eines Musikers, Schauspielers, einer Tänzerin oder Lyrikerin. Brönner argwöhnt, "dass unsere kulturelle DNA von der eigenen Regierung nicht verstanden wird". So hätte ein Kulturschaffender beispielsweise "keine Chance, seine Betriebskosten geltend zu machen", weil er schlechterdings keine Betriebskosten hat: "Die Branche ist kaputt."
Kanzleramtsminister Helge Braun, CDU, hat auch "Mitleid" mit den Kulturschaffenden. Aber "irgendwo müssen wir’s tun", und dann doch lieber im "Freizeitbereich". Immerhin bekämen die Betroffenen nun für den kritischen November "75 Prozent" des Umsatzes, den sie "sonst hätten erwarten können" – berechnet auf Grundlage der durchschnittlichen Einnahmen des Vorjahres. Sehr kleiner Tropfen, verdammt heißer Stein.
Willich nimmt zur Kenntnis, dass die Politik sich für Arbeit und Bildung, aber gegen Freizeit entschieden hat. Wobei "Freizeit" kein tauglicher Begriff ist. Kultur aber "sinnstiftende Bedeutung, gesundende Bedeutung" und auch nachweislich positive Auswirkungen auf das Immunsystem. Langfristig hält Willich es für "viel zu optimistisch", bis zu einem Impfstoff nur von ein paar zu überbrückenden Monaten auszugehen. Eine "aufgeklärte, flexible Bevölkerung" habe sich an hohe Infektionszahlen zu gewöhnen.
Priesemann und Braun widersprechen vehement. Ein "stabiles", also nachverfolgbares Infektionsgeschehen sei jenseits von 5000 neuen Infektionen am Tag nicht mehr zu haben. Sinnvoll sei es, den glimpflichen Zustand des Sommers wieder zu erreichen. "Das lohnt sich", so Priesemann, wenn man keine unkontrollierte Ausbreitung wolle. Alles andere sei, als wollte man "ein Feuer blind löschen".
Zum apodiktischen Kanzlerinnenwort, die Maßnahmen seien "geeignet, erforderlich und verhältnismäßig", hat Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) aus juristischer Sicht noch ein paar Takte zu sagen. Die Richterin am Bayerischen Verfassungsgerichtshof stellt fest, dass allerlei Sperrstunden oder Beherbungsverbote vor Gerichten oft als "nicht erforderlich" und "nicht verhältnismäßig" bewertet wurden.
Man brauche "klare Gesetze", auf deren Grundlagen die Maßnahmen getroffen werden könnten. Gesetze, die man im Sommer auch hätte auf den Weg bringen können. Die Befugnisse eines "Rechtsverordnungsgesetzgebers" noch auszudehnen, wie Gesundheitsminister Jens Spahn das gern möchte, hält sie für eine schlechte Idee.
Was es bräuchte, sei eine belastbare "Pandemiegesetzgebung". Dann könnte die aufgeklärte und flexible Bevölkerung wenigstens langfristig planen, denn: "Kein Mensch plant im Moment irgendwas", und das sei "politisch nicht angemessen".
Kein Mensch weiß, ob die Einschränkungen "nachhaltig" sein werden. Alle hoffen es.