Kai Pflaume: Altgedienter im Allzeit-Hoch
ARD-Star Pflaume Kai im Glück
Wenn es ihm mit dem Fernsehen doch irgendwann mal zu viel werden sollte, muss sich Kai Pflaume keine Sorgen um seine Zukunft machen. Er kann dann immer noch Streitschlichter im Konflikt um neue Tiefbahnhöfe werden. Oder Koalitionsverhandler. Oder Leiter eines Friedenskorps.
Das wäre ja wohl ein Klacks für jemanden, der seit fast 20 Jahren vor der Kamera steht und dabei nicht übergeschnappt ist, stets höflich und hoffnungslos unarrogant. Dabei sind das eigentlich alles Kündigungsgründe in einer Branche, deren Protagonisten davon leben, ständig im Gespräch zu bleiben. Wer sich zurückhält, ist morgen vielleicht schon nicht mehr da. Oder muss eine halbe Ewigkeit darauf warten, den wichtigsten Schritt seiner Karriere zu machen.
Kai Pflaume hat lieber gewartet.
"Ich weiß, dass manche Kollegen mit ihrer Art bei Journalisten sehr viel besser ankommen, weil sie die lauteren Geschichten erzählen - und das ist spannender als zum x-ten Mal zu schreiben: Der Pflaume ist so, wie er ist", sagt der 44-Jährige. "Aber ich kann Ihnen versichern: Für mich und vor allem die Menschen, die mir nahestehen, ist es so deutlich einfacher." Auch wenn die meisten Journalisten dann ständig das Klischee vom "Schwiegermutter-Liebling" ("Bild") wiederholen, oder er sich von der "Berliner Zeitung" einen "Allzweckmoderator" schimpfen lassen muss.
Das Warten hat sich gelohnt. Anfang des Jahres hat der ehemalige Sat.1-Moderator zur ARD gewechselt und moderiert seitdem das "Star Quiz" im Ersten (das nun erstmals am Samstagabend läuft), die Spielshow "Klein gegen groß" und die Neuauflage von "Dalli Dalli" im NDR. Im Herbst startet im ARD-Vorabend das Quiz "Drei bei Kai" und zur besten Sendezeit "Wer ist der klügste Deutsche"?
Zur Begrüßung hat der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber einen ganzen Blumenstrauß mit Komplimenten überreicht: Pflaume sei "glaubwürdig, kompetent, sympathisch und hochprofessionell". Tatsächlich erledigt er die neuen Aufgaben mit großer Souveränität, die Quoten sind prima - vor allem aber macht er einen sehr viel gelösteren Eindruck als früher. Mit großer Freude stichelt er gegen seine Gäste (vor allem Günther Jauch, mit dem er sich blendend versteht), gibt sich bei kuriosen Aktionen spontanen Lachanfällen hin und nimmt sich selbst auf die Schippe.
Für die ARD ist Pflaume ein Glücksfall, weil nach dem Weggang von Jörg Pilawa wieder jemand da ist, der sich zutraut, mit einem ähnlichen Pensum im Programm aufzutauchen. Selbst wenn der Neue sonst das exakte Gegenteil seines oft schon arg überheblich wirkenden Vorgängers ist.
Der lange Abschied von der zweiten Reihe
Allein schon wegen der geradezu altmodischen Überzeugung, was die eigene Rolle im Fernsehen angeht: "Eine Sendung wie 'Dalli Dalli' braucht keinen extremen Moderator, der seine One-Man-Show abzieht", sagt Pflaume. "Der Moderator ist im ursprünglichen Sinne Gastgeber, Spielleiter, das verbindende Element - nicht Komiker. Der Spaß soll aus den Spielen heraus und durch die Interaktion der Gäste entstehen."
Das ist eine lustige Umkehr der gegenwärtigen Verhältnisse, bei der manche Moderatoren gar nicht lange genug im Mittelpunkt stehen können, wenn sie vor ihr Publikum treten. Und vielleicht einer der Gründe, warum Pflaume nicht schon viel früher in die erste Reihe gerückt ist.
Dabei ging am Anfang alles ganz schnell: Als 22-Jähriger ist er aus Leipzig in den Westen gekommen - ein paar Wochen bevor die Mauer fiel. Heute klingt das fast amüsant, aber damals war es eine bitterernste Entscheidung. Weil im Sommer 1989 niemand wusste, wie die DDR auf die Demokratiebestrebung ihrer Bürger reagieren würde. Schlimmstenfalls, indem sie die Grenzen endgültig dicht macht?
"Es war, als würde ich die Tore ins Schloss fallen hören. Ich hab gedacht: Hier kommst du nie wieder raus", erinnert sich Pflaume. Ist er dann aber doch, über den Umweg Ungarn nach Frankfurt am Main. Dort folgte erst eine Ausbildung als Wertpapierhändler, dann der Nebenjob als Moderator von Promotion-Veranstaltungen und später die Einsicht, dass zwei Jobs zur selben Zeit womöglich einer zu viel sind. "Ich bin abends aus der Bank nach Hause gegangen und hatte danach an fünf, sechs Tagen in der Woche Auftritte - von Stuttgart bis Dortmund. In der Mittagspause hab ich mir Plätze gesucht, wo man mal ein halbes Stündchen schlafen konnte." Also hat er den Job gekündigt und sich aufs Moderieren konzentriert.
Weil er als Kandidat bei Rudi Carrells "Herzblatt" dabei war, kannte Pflaume das Fernsehen schon. Und als ihn eine Casterin für eine neue RTL-Show haben wollte, wieder als Teilnehmer, meinte er ein bisschen vorlaut: "Die nächste Show, in die ich gehe, ist meine eigene." Er hatte recht: Einige Monate später unterschrieb er den Vertrag für eine neue Show namens "Nur die Liebe zählt", weil sich die Casterin an ihn erinnerte.
"Das war mir eine Lehre"
Unfassbare 18 Jahre moderierte Pflaume die Sendung - wahrscheinlich kommt daher auch sein Image als freundlich-langweiliger Beziehungsonkel aus dem Fernsehen. Er wundert sich trotzdem: "Ich hab ja außer 'Nur die Liebe zählt' auch viele andere Shows für Sat.1 moderiert und bin manchmal schon erstaunt, wenn Leute sagen: 'Der ist ja auch lustig und kann mit Kindern umgehen!'" Ja, das kann er. Sogar ziemlich gut. Es erinnert sich nur kaum jemand mehr an die vielen anderen Shows, die Pflaume da Jahr für Jahr bei Sat.1 duchschleuste.
Acht Geschäftsführer sind in seiner Sat.1-Zeit gekommen und gegangen, jeder hat eine neue Vision für den Erfolg mitgebracht. Und während sich Öffentlich-Rechtliche und Private gegenseitig die Moderatoren abjagten, schien Pflaume für Sat.1 immer selbstverständlich zu sein. Ein bisschen zu selbstverständlich.
Aber das war nicht der Grund für den Wechsel, sagt der Moderator - ganz diplomatisch natürlich: "Diese Wertschätzung in der Öffentlichkeit, dass der Geschäftsführer sagt: Kai Pflaume ist für uns der Größte - so bin ich nicht, das brauch ich nicht. Ich lese keine Interviews und frage mich am Ende: Warum bin ich da nicht erwähnt? Wenn am Ende keiner sieht, was ich mache, bringt mir das auch nix." Genau das ist aber irgendwann passiert.
Dass Pflaume sich bei Sat.1 zuletzt nicht mehr so richtig wohlfühlte, vor allem unter dem (längst wieder geschassten) Geschäftsführer Guido Bolten, ist trotzdem kein Geheimnis. Er habe fast nie Sendungen moderieren müssen, die ihm nicht gepasst hätten, sagt er. Aber "Yes we can Dance", die billige Kopie des RTL-Erfolgs "Let's Dance" aus dem Herbst 2009, ist ihm dann doch ziemlich übel in Erinnerung. "Aus verschiedenen Gründen war ich nicht so intensiv in die Vorbereitung integriert wie bei anderen Shows - das war mir eine Lehre", sagt er.
Das Angebot der ARD ist genau zur richtigen Zeit gekommen. Weil Sat.1 zum Schluss überhaupt nicht mehr gewusst hat, was der Sender mit ihm anfangen sollte. Und weil im Ersten jetzt alles eine Nummer größer ist: das Studio, das Publikum - die Herausforderung. Für seinen neuen Arbeitgeber ist Pflaume unbestritten die Nummer eins. Niemand sonst wird die Unterhaltung im Ersten dieses Jahr so sehr prägen wie er.
"Wenn man sich die Entwicklung eines Aktien-Index mal anschaut, ist es ja auch so, dass jedem neuen Aufschwung eine Delle vorausgeht", sagt er. "Da wird sozusagen Schwung geholt." Wenn das so ist, erlebt der Pflaume-Index wohl gerade sein Allzeit-Hoch.
"Star Quiz mit Kai Pflaume", Samstag, 20.15 Uhr im Ersten.