Neue ARD-Serien: Krimis und Kichern am Vorabend
ARD-Vorabendoffensive Ein bisschen Krimi, ein bisschen Hihi
Mit dem Beweis, dass schwarze Löcher nicht nur im All, sondern auch im Fernsehen vorkommen können, schrieb die ARD Geschichte: Jahrelang verschluckte ihr Vorabendprogramm alles, was von den Verantwortlichen an Serien, Shows und Doku-Soaps hineingestopft wurde - ohne dass es irgendwen interessiert hätte. Das soll jetzt ein Ende haben. Der Vorabend wird komplett renoviert. SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.
Worum geht's überhaupt? Um Aufmerksamkeit, natürlich! Also das Gegenteil von dem, was der Vorabend im Ersten bisher für sich reklamieren konnte. Zugegeben: Es ist nicht alles gefloppt, was in den vergangenen Jahren gezeigt wurde. Nur die Serie "Zwei Engel für Armor", die Stylingshow "Bruce", die Kuppelshow "Ich weiß, wer gut für dich ist!", die Telenovela "Sophie - Braut wider Willen", die Soap "Alle für eine", die Spielshow "Das Duell im Ersten", die Doku-Soap "Bräuteschule 1958" und die Tier-Soap "Die Tierretter von Aiderbichl". Erst mit dem Weggang von Jörg Pilawa zum ZDF und dem Ende für "Das Quiz" ist den Planern allerdings bewusst geworden, dass es helfen könnte, wieder so etwas wie eine Strategie zu entwickeln, um Zuschauer zurückzugewinnen.
Was ist das genau für eine Strategie? Künftig setzt das Erste weniger auf Shows und Soaps, sondern will sein Publikum mit regionalen Krimis ködern. Dazu sind gleich fünf neue Serien in Auftrag gegeben worden, die sich am Erfolg des "Großstadtrevier" orientieren, das schon seit einer halben Ewigkeit montags um 18.50 Uhr läuft. Jede Serie spielt in einer anderen Ecke Deutschlands - eine in der oberbayerischen Provinz, eine an der Nordseeküste, eine im Münsterland. "Crime & Smile" heißt die Strategie, was so viel bedeutet wie: Es soll auch ein bisschen lustig werden. Und mit humorvollen Serien kennt sich die ARD ja bestens aus.
Und, wird das was? Na ja, die Grundidee ist nicht übel. Anstatt wieder nur die Privaten zu kopieren oder das uralte Quizprinzip zum hundertsten Mal aufzuwärmen, traut sich die ARD nun wirklich was Neues. Frank Beckmann, Programmdirektor beim NDR, sagt, der Erfolg des "Tatort" sei ein Indiz dafür, dass es funktionieren könnte: Der ist ja auch Krimi und lokal. Inspiration war wohl auch die bitterböse Ironie aus "Mord mit Aussicht", das sich permanent über die Piefigkeit der eigenen Charaktere lustig macht. Zu befürchten ist jedoch, dass die Vorabendserien aus Massentauglichkeitsgründen deutlich derber werden. In "Hubert und Staller" spielen Christian Tramitz und Helmfried von Lüttichau zwei Dorfpolizisten, die viel zu schwierige Fälle anpacken. "Nordisch herb" setzt auf das bekannte Prinzip höchst unterschiedlicher Bullen (einer vom Land, einer aus der Großstadt), die im Team arbeiten müssen. Und "Alles Klara", in der Wolke Hegenbarth eine Sekretärin spielt, die sich dauernd in die Polizeiarbeit einmischt, kündigt die ARD gerade als Spitzenprojekt zweier "Erfolgsautoren" an, die sonst für "Um Himmels Willen" und "Forsthaus Falkenau" tätig sind. Und nein, diese Ankündigung war nicht schon der erste Gag, sondern ernst gemeint.
Klingt aber doch gar nicht so schlecht. Warum ist die ARD nicht früher drauf gekommen? Weil das viel Geld kostet. Serien sind viel teurer zu produzieren als Shows. Und weil die ARD ein dämlich komplizierter Haufen ist, bei dem das - werbefinanzierte - Vorabendprogramm sich bisher völlig unabhängig vom übrigen Programm rentieren musste. Das wird jetzt geändert: Die dritten Programme finanzieren die neuen Krimi-Reihen mit und dürfen sie später wiederholen. Hätte man natürlich auch früher drauf kommen können.
Wann geht's los? Ist schon losgegangen! Ein bisschen zumindest. Nach 4053 Folgen wurde "Marienhof" Mitte Juni beendet, dafür dauert "Verbotene Liebe" ab 18 Uhr jetzt doppelt so lange. Diese Woche hat die Übergangsfrist auf dem 18.50-Uhr-Sendeplatz begonnen: Das "Großstadtrevier" läuft derzeit auch dienstags, ab sofort wird immer mittwochs das sehr lustige "Mord mit Aussicht" wiederholt, dafür kommt das "Duell im Ersten" nur noch zweimal pro Woche (Donnerstag und Freitag). Brauchen Sie sich aber alles nicht zu merken, ändert sich eh noch mal.
Und wann startet der richtige neue Vorabend? Im Herbst, verspricht die ARD. Voraussichtlich montags bis mittwochs laufen die Krimi-Serien dann immer um 18.50 Uhr nach "Verbotene Liebe", wenn's den Zuschauern gefällt, vielleicht auch donnerstags. Der Freitag ist in jedem Fall reserviert für Kai Pflaume. Der wird zwar kein Kommissar, moderiert aber nach Shows am Donnerstagabend (im Ersten) und am Samstagabend (im Ersten und im NDR) bald auch eine am Freitagvorabend (im Ersten): "Drei bei Kai". Darin sollen Kandidaten aus drei Generationen um 300.000 Euro spielen. Reinhold Beckmann war wohl auch mal im Gespräch, mag aber jetzt doch nicht. Und "Satiregipfel"-Chef Dieter Nuhr hat auch irgendeine Probesendung aufgezeichnet. Keine Ahnung, wo die ARD das dann noch hinstopfen will.
Moment mal - und was ist mit Thomas Gottschalk? Der soll doch eine Sendung am Vorabend in der ARD kriegen. Tja. Der ist dummerweise mitten in die Planung reingeplatzt als die neue Struktur längst feststand. Mit seiner Entscheidung, im Ersten ab Anfang des kommenden Jahres eine werktägliche Sendung mit den Kuriositäten des Tages zu moderieren, wirft er die Pläne der ARD-Vorderen jedenfalls wieder über den Haufen.
Welcher Sendeplatz wäre denn möglich? Na, der direkt vor der "Tagesschau". Dort läuft derzeit Börse, Wetter, "Wissen vor 8" und viel Werbung. Womöglich verkürzt das Erste diese Schiene, setzt Gottschalk unmittelbar davor und verlegt die Sendungen der übrigen Vorabendsendungen ebenfalls nach vorne. Entweder wird "Verbotene Liebe" dann wieder kürzer - oder "Brisant" (bisher eine Dreiviertelstunde ab 17.15 Uhr) muss Federn lassen. Aber wahrscheinlich wissen das die Programmverantwortlichen derzeit noch nicht mal selbst.
Soll ich also künftig früher von der Arbeit kommen, um ARD zu gucken? Nein, auf keinen Fall. Hetzen Sie sich nicht ab, kochen Sie lieber was Schönes mit der Familie, schalten Sie allenfalls mal bei "Mord mit Aussicht" rein, das wird Ihnen den Feierabend versüßen. Ob sich der Rest zu gucken lohnt, verraten wir Ihnen, sobald es losgegangen ist.
Eine Frage hätte ich noch: Wer ist eigentlich schuld, wenn's wieder schiefgeht? Frank Beckmann. Der Programmdirektor beim NDR war offenbar nicht ganz ausgelastet, und soll als Vorabend-Koordinator fürs Erste jetzt das hinkriegen, wobei vorher alle versagt haben. Jedenfalls wenn er ein bisschen Zeit findet zwischen den vielen Beteuerungen, dass er in seiner Zeit als Programmgeschäftsführer beim Kinderkanal nichts vom dortigen Millionenbetrug wusste, der seit Wochen diskutiert wird.