Kapitalismus-Drama "Cosmopolis" Blutsauger, du bist ein Zombie
Kapitalismus-Drama "Cosmopolis": Blutsauger, du bist ein Zombie
Foto: Caitlin CronenbergEric Packer ist das, was man heutzutage den ultimativen Bösewicht nennen kann. Kein Mörder, Geiselnehmer oder Kriegsverbrecher, das sind die Schurken von gestern. Viel schlimmer. Der Mann ist Anlageberater. Und reich, unvorstellbar reich. Mitglied dieses einen, obersten Prozents, das die Occupy-Bewegung zum Feindbild der Massen erklärt hat. Ein gerade mal 28 Jahre alter Superkapitalist, für den es nur darum geht, Geld zu vermehren, seines und das seiner Kunden. Wenn er dabei ein paar Existenzen zerstört, dann bekommt er es gar nicht mit. Es interessiert ihn auch nicht.
Die ganze Welt fragt sich gerade, was in solchen Menschen vorgeht. In der Hinsicht könnte "Cosmopolis", der neue Film von David Cronenberg, zu keinem besseren Zeitpunkt herauskommen. Einen Tag lang begleitet der kanadische Regisseur diesen Eric Packer, dargestellt von "Twilight"-Posterboy Robert Pattinson, durch seine kranke Welt - in einer gepanzerten Luxuslimousine mit voller Büroausstattung durch die Staus von Manhattan auf dem Weg zum Frisör.
Auf den Straßen toben Proteste gegen Menschen wie ihn, der amerikanische Präsident ist ebenfalls in der Stadt unterwegs und blockiert den Verkehr, es gibt Hinweise, dass ein Attentäter hinter Packer her ist. Auch das ist ihm egal. Er will einen neuen Haarschnitt, und er will ihn eben in diesem einen Laden am anderen Ende der Stadt. Und was er will, bekommt er auch, er kennt es nicht anders.
Der Habitus des falschen Helden
Kapitalismusdrama "Cosmopolis": Im Kopf des ultimativen Bösewichts
Und so sitzt er da mit leerem Blick, in seiner Festung von einem Auto, auf den schicken Ledersesseln, umringt von blinkenden Monitoren, der Wirklichkeit entrückt, die auf der anderen Seite der getönten Fensterscheiben tobt. Hin und wieder steigt jemand ein, mit dem er sich über die Dinge unterhalten kann, die ihn beschäftigen, also vor allem Geld: zwei Technik-Nerds, die für ihn arbeiten und ihn mit der virtuellen Welt vernetzt halten; seine Kunsthändlerin (Juliette Binoche), die ihm von möglichen Investitionen berichtet und sich für einen Quickie zur Verfügung stellt; ein Arzt, der ihm im Auto die Prostata untersucht; seine neue Ehefrau (Sarah Gadon), die er kaum kennt und mit der er trotzdem gern mal schlafen würde; seine Finanzberaterin (Samantha Morton), die ihm erzählt, dass sein Vermögen sich womöglich auflöst. Letzteres beschäftigt ihn von allen Dingen am meisten, aber nicht weil ihn das traurig machte oder wütend. Zu solchen Gefühlen ist er nicht fähig. Er findet es einfach interessant. Wenigstens einer, der das interessant findet. Denn Cronenberg erzählt die Geschichte nach dem gleichnamigen Roman von Don DeLillo mit einer betont künstlichen Gleichgültigkeit, die einerseits wunderbar zum Habitus des falschen Helden passt, die es andererseits schwer macht, auch nur irgendetwas in diesem Film packend zu finden. Je näher er sich an Eric Packer herantastet und die Untiefen seiner Seele zu ergründen versucht, desto klarer wird, dass da nichts ist, was es zu ergründen gibt. Nur ein bisschen Einsamkeit, ein Hauch melancholischen Bedauerns und unendliche innere Leere. Das macht "Cosmopolis" sehr schnell zu einer sehr ermüdenden Angelegenheit, zu einem Film, der im Schneckentempo gegen die Wand fährt. Es ist, als würde man Zeuge einer langwierigen und aufwendigen Ausgrabung mit dem Ziel, den heiligen Gral zu finden. Und am Ende liegt im Loch nur eine zersprungene Kaffeetasse.
Ist der billige Look Absicht?
Wobei es "aufwendig" in diesem Fall auch nicht richtig trifft, denn der Film sieht teilweise ganz schön billig aus. Um Kosten zu sparen, wurde in kanadischer Studiokulisse gedreht, nicht in Manhattan, und so musste das New Yorker Stadtbild ganz altmodisch in die Autofenster projiziert werden - was manchmal so amateurhaft aussieht, dass es eigentlich Absicht gewesen sein muss, denn einem Stil-Gott wie David Cronenberg sollte so etwas nicht einfach so passieren. Immerhin ist das der Mann, der nahezu perfekte Filme wie "Die Fliege" oder "A History of Violence" gemacht hat. Und bei den nicht so perfekten ("Eine dunkle Begierde") zumindest dafür gesorgt hat, dass sie gut aussehen.
Aber dafür ist hier nur Robert Pattinson zuständig. Und viel mehr tut er auch nicht, seine Interpretation der Rolle beschränkt sich darauf, mit halb abwesendem, ansatzweise verwundertem Blick an seiner Umwelt vorbeizuschauen. Man kann das brillant finden, denn er trifft damit ziemlich genau den Charakter seiner Figur, zu einem spannenden Menschen macht das Eric Packer aber nicht. Und immer, wenn richtige Schauspieler auftauchen wie Juliette Binoche oder ganz am Ende Paul Giamatti, wirkt Pattinson ein bisschen hilflos und setzt einen besonders angestrengt abwesenden Blick auf.
Don DeLillo hat seinen Roman "Cosmopolis" 2003 veröffentlicht, als bitteren Kommentar auf den zusammenbrechenden New-Economy-Hype. In heutigen Occupy-Zeiten wirkt er wie eine traurige Prophezeiung, die ihre Erfüllung gefunden hat. Cronenbergs Film aber wirkt nur wie das blasse Porträt eines Langweilers, dessen Zeit längst abgelaufen ist.