Sommer-Dschungelcamp 2015: Sarah Knappik sorgt für Entertainment - DER SPIEGEL
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"Ich bin ein Star - lasst mich wieder rein" Ängste, Phobien, ekksettera

Hurra, das kränkelnde Dschungelsommercamp hat sich berappelt: Manchmal braucht es nur einen alten Streit und ein, zwei Exzentriker. Es schadet freilich nicht, wenn einer dann noch sein Genital auspackt.
Teilnehmerin Sarah Knappik (Archiv): Machten da weiter, wo sie aufgehört hatten
Teilnehmerin Sarah Knappik (Archiv): Machten da weiter, wo sie aufgehört hatten

Teilnehmerin Sarah Knappik (Archiv): Machten da weiter, wo sie aufgehört hatten

Foto: Jörg Carstensen/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist dasselbe Glücksgefühl, diese ungläubige Staunen, das einen nur ganz selten bei täppischen Reparaturversuchen von Kleinelektronik erfüllt: Wenn man das kaputte Handrührgerät, den defekten Nasenhaarschneider mehrfach vergeblich auseinander- und wieder zusammengebaut, den renitenten Tand ein paar Mal heftig geschüttelt, schließlich voller Technikdeppen-Aberglauben mehrfach ein- und ausgeschaltet hat - und plötzlich funktioniert das Ding wieder, unerklärlich, schnurrt einwandfrei und diensteifrig. Nach vier schmerzhaften Tagen im Fegefeuer der Belanglosigkeiten, voller lähmender Langeweile und Zweifel am Dschungelformat, ratterte an Tag fünf auch die schon schrottreif geschwatzte IBES-Maschine plötzlich wieder - weil Brass glücklicherweise wie Gulasch nahezu unbegrenzt wiederaufwärmbar ist.

Aber klar, es war auch die nun wirklich legendäre fünfte Staffel, die gestern aufbereitet wurde, und endlich waren im Ersatzdschungel-Studio keine günstig einkaufbaren Randprotagonisten zu Gast, sondern jene Premium-Camper, die damals sogar IBES-Sondersendungen zur plausiblen Notwendigkeit machten: Sarah "Dingens" Knappik. Jay Khan und Mathieu Carrière. Sie ergingen sich nur kurz in staksigen Höflichkeiten und machten dann nahtlos da weiter, wo sie vor vier Jahren aufgehört hatten. Bei der Frage nämlich, ob Khan Knappik vor Beginn der Staffel zu Hause aufgesucht und ihr vorgeschlagen hatte, quotenhalber im Camp ein Liebespaar zu mimen. Im Dschungel hatte Khan dies stets brüsk abgestritten, Knappik wurde daraufhin als Lügnerin gemobbt.

Das Dschungelcamp sei "auch ne Art von Bildungsfernsehen"

Nun relativierte er seine Aussage: Er hätte ihr den Vorschlag in Wahrheit doch gemacht, allerdings "im Flachs", räumte Khan ein, und warf damit glimmenden Zunder in das seit Tagen knochentrocken gedörrte Sommercamp. "Ich rede jetzt einfach mal von der Seele weg", rief die schnellsteskalierte Kandidatin Knappik in ehrlichem Furor. "Ja, mach", bestärkte sie Moderatorin Sonja Zietlow. "JA, MACH!", jauchzten die darbenden Zuschauer.

Aufs Schönste wurde dann der alte Zwist wieder ausgerollt, angereichert durch neue Details wie Knappiks mysteriösen "Kumpel Jonas", der "im Raucherbereich" manch geplante Intrige von Khan und Carrière erlauscht habe, gemeinsam geschlürfte Latte Macchiatos, Ängste, Phobien und so weiter. "Ekksettera", würde Jay Khan sagen, der erstmals ebenfalls einräumte, die Liebelei mit Mitcamperin Indira sei, wie von Knappik stets beargt, doch nur Inszenierung gewesen: "Wo liegt der Fauxpas darin, eine gute Show zu bieten?"

Ganz einfach: Darin, dass Show-Gefühle selten so gut gespielt sind, als dass sie ebenso wunderbar unterhalten könnten wie echte Ausbrüche. Vor vier Jahren schaute man fasziniert bei den australischen Grabenkämpfen zu, weil diese Fehde alle vorab von den Insassen geplanten Showabläufe, die zurechtgelegten Requisiten, die kalkulierten Handlungsstränge mit einer hysterischen Handbewegung vom Tisch fegte. So etwas gibt es nicht mehr oft in der durchgeskripteten Fernsehrealität. Das Dschungelcamp sei "auch ne Art von Bildungsfernsehen", sagte Carrière gestern lapidar, und er hat natürlich recht. Zumindest kann es das sein, wenn die Kandidaten es zulassen. "Eine moralische Anstalt und eine Schule praktischer Weisheit", würde Schiller sagen, eine Schaubühne, die menschliche Tugenden, Torheiten, Leiden und Laster vorführt und für den Zuschauer plausibler macht. Kunst als Abhärtung, Gefühlssezierung und Lockerungsübung.

"Madonna pinkelt auf ihre eigenen Füße, wenn sie Fußpilz hat"

Schlau, dass dem Streit im Studio gestern genug Raum eingeräumt wurde. Aber selbst die lästigen Prüfungen an sonderbaren Orten machten an Tag fünf erstmals im Sommercamp-Verlauf Sinn, weil die Kandidaten sie endlich nicht mehr mäßig motiviert angingen wie indignierte Oberschüler, die man zum Wurstschnappen bittet. Als es darum ging, in einem Kühlhaus einen Eiswürfel allein durch Körperwärme zum Schmelzen zu bringen, packte Mathieu Carrière gar unverfroren das Genital aus. "Ich habe noch ein paar Asse im Ärmel", hatte er zuvor mit Fuchsgesicht verkündet und damit dann doch nur den Schniedel im Slip gemeint. Carrière pinkelte auf das Eis, patschte mit den Händen darin herum, dass es den Mitcampern grauste. "Das war sehr, sehr, sehr, sehr unerwartet", sagte der sonst so um Fassung bemühte Jay Khan, während Carrière seinen Pinkeldrall als "ganz normale Idee" verteidigte und auch an seiner Genitalentblößung nichts ungebührliches fand: "Es ist schwierig, Urin ohne Pimmel zu produzieren." Auch später im Studio hielt er an dieser Sicht fest: "Ich möchte noch den Urin verteidigen. Zwei Milliarden Menschen trinken ihren Urin. Madonna pinkelt auf ihre eigenen Füße, wenn sie Fußpilz hat." Auch die restlichen Prüfungen, eine beschwerliche Nacht im Puff, inklusive Hurennamen-Raten, störenden Touristen und Aalverkäufer-Besuch, waren durchaus amüsant.

Das Beste aber: Tag fünf im Sommercamp schuf endlich neue Momente, statt sich in der Rückschau nur in den alten zu suhlen. Der schönste zeigte Sarah Knappik, im Schneidersitz und mit schiefem Partyhütchen auf der Puffliege sitzend, am Goldfolienhals der Champagnerflasche knibbelnd, die den schlafenden Sündern Carrière und Khan die Absolution erteilt: "Ich verzeihe euch." Die Dschungelnervfluse als erschöpfter Feierheiland. Ein großes Bild, das zeigt, warum IBES so gut ist, immer noch. Und natürlich zog Sarah Knappik ins Finale ein. Wer soll sie schlagen?

Fotostrecke

Dschungelcamp im Sommer: Die Wiederholungscamper

Foto: RTL / Frank Hempel
Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL unter anderem im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.