Streamingfahrplan Welche Serien und Filme im September starten – und was sich jetzt schon lohnt
Kinoerfolge, die endlich im Netz zu sehen sind, TV-Klassiker, die eine neue Staffel bekommen: Jeden Monat fassen wir zusammen, welche Serien und Filme neu bei Netflix und Co. sowie in den Mediatheken zu sehen sind. Der Streamingfahrplan.
Worauf wir uns im September freuen
»Babylon Berlin« ist zurück
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Beinahe zehn Jahre ist es her, dass die ersten Folgen des bis dahin teuersten deutschen Serienprojekts ausgestrahlt wurden. Mit Erfolg. »Babylon Berlin« sei Fernsehkunst mit brandaktueller Botschaft, ein großes schwindelerregendes Gesellschaftspanorama der Weimarer Republik, heißt es 2017 im SPIEGEL. Deutschland, wie es taumelnd vor dem Abgrund steht. Im September schauen wir nun noch tiefer hinein: Die fünfte und letzte Staffel »Babylon Berlin« begleitet die ersten Monate des Jahres 1933, als die Nazis die Macht ergriffen. Auch diesmal ist der Gegenwartsbezug der Serie offensichtlich, schon des Stoffes wegen. Aber auch, weil die neuen Folgen kurz nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erscheinen. Ab 10. September gibt es alle Folgen in der ARD-Mediathek.
»Meine traurigen Toten« auf Netflix
Szene aus »Meine traurigen Toten«
Foto: Pablo Larraín / NetflixMariana Enríquez ist eine der spannendsten Schriftstellerinnen, die die argentinische Literatur aktuell zu bieten hat. In ihren Geschichten fließen Geistergeschichten und Gesellschaftskritik zu feministischer Horrorliteratur zusammen. Ihre Kurzgeschichte »Meine traurigen Toten« ist erzählt aus Sicht der 60-jährigen, zurückgezogen lebenden Ärztin Emma, die Tote sehen und hören kann. Als ihre Nichte mit der gleichen Gabe Emma besucht, kommt es zum Ungleichgewicht zwischen den Lebenden und den Geistern der Vergangenheit. Es geht um persönliches Trauma, um Staatsgewalt und soziale Brennpunkte.
Auf Netflix erweckt diese Geister der chilenische Regisseur Pablo Larraín (»Spencer «, »El Club«, »Neruda«) zum Leben. Zu sehen ist das als Miniserie ab dem 24. September.
»City of Blood« auf Disney+
David Schütter in »City of Blood«
Foto: Julie Vrabelova / DisneyAuch die neue deutsche Serie »City of Blood« will einen das Fürchten lehren. Und hat sich viel vorgenommen: Da ist ein Berlin der Zukunft, in der Hitze der Klima-Apokalypse kaum bewohnbar. Da ist ein blutverschmierter Lars Eidinger mit Raverbrille. Und da sind zwei Schwestern, die die Machenschaften faschistischer Vampire aufdecken. Nachempfunden ist der ambitionierte Plot der Grafic-Novel-Reihe »Berlinoir«, einer Politparabel von 2003. Ob Faschismus, Klimakrise und Vampire die perfekte Mischung für ein sehr deutsches »Vampire« abgeben, zeigt sich ab 16. September auf Disney+.
»JAŸ-Z in ∞« auf Mubi
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Bei Mubi sitzen unterdessen Pop-Guru Rick Rubin und der US-amerikanische Rapper Jay-Z vor einem Mischpult in einem pompösen Pariser Saal. Stilvoll in Schwarz-Weiß versteht sich. Sie reden und reden: über Musik, prägende Erfahrungen, Einflüsse und künstlerische Innovationskraft. Ein wenig wie ein Videopodcast, nur etwas ambitionierter, mit Archivmaterial und renommiertem Kameramann.
Jay-Z zählt zu den einflussreichsten Musikern im Hip-Hop. Rubin hat bereits Legenden wie Johnny Cash oder Neil Diamond an die Essenz ihrer Musik herangeführt. Mit acht Folgen ist ihr Gespräch der entschleunigte Gegenentwurf zu den aktuell so beliebten, schillernden Personenkultdokus und Biopics. Ein bisschen »Deep Talk«, ein bisschen Chronismus, ein bisschen Prätention. Wie tief es wird, zeigt sich ab 19. September bei Mubi.
Was im September anläuft – die Übersicht
Was sich aktuell lohnt (und was nicht)
»Tip Toe«
Jackson Connor als Clives Sohn George in »Tip Toe«: Unterwegs in der queeren Szene von Manchester
Foto: Channel 4 / HBO Max / dpaSichtbarkeit war lange ein großes Stichwort, wenn es um queere Lebensrealitäten ging. Doch sie kann auch angreifbar machen. Rechte Stimmen instrumentalisieren und politisieren Sexualität. Angriffe und Gewalt nehmen wieder zu. Die Vorsicht, mit der sich Menschen der LGBTQ-Community bewegen müssen, ist titelgebend für »Tip Toe«, eine neue britische HBO-Serie von Russell T. Davies. Der Fünfteiler erzählt vom Nachbarschaftsstreit zweier einsamer Männer: Leo, ein fast 60-jähriger schwuler Barbesitzer, und Clive, verbitterter Familienvater, der sein berufliches und privates Scheitern queeren Menschen wie Leo anlastet. Ihr Streit eskaliert. Das tragische Ende von Leo ist die erste Sequenz in »Tip Toe«.
Regisseur Davies wurde als Showrunner des britischen TV-Lieblings »Doctor Who« bekannt und drehte 1999 »Queer as Folk«, eine damals revolutionäre Serie über das Leben schwuler Männer in Manchester. Kämpfte »Queer as Folk« noch für Sichtbarkeit, so ist »Tip Toe« heute ein trauriges Zeugnis der Gegenwart – und eine wütende Mahnung an unsere Gesellschaft. Seit August zu sehen bei HBO Max.
»Familiengeheimnisse« in der Arte-Mediathek
Auch die spanische Serie »Familiengeheimnisse« (im Original »Pubertat«) lässt sich als Mahnung verstehen – vor Radikalisierung, Pornografie, generell vor dem Einfluss des Internets auf junge Menschen. Alles beginnt mit der Johannisnacht, der Revetlla de Sant Joan, die in Katalonien den Beginn des Sommers einleitet. Den buchstäblichen Höhepunkt bildet im Dorf der Castell, ein Menschenturm, den die Vereinsmannschaft jedes Jahr errichtet. Die Jüngsten stehen ganz oben, die Älteren bilden das Fundament. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können, um nicht einzustürzen.
Doch in der Nacht kommt es zu einem sexuellen Übergriff unter einer Gruppe Jugendlicher. Drei Jungen im Alter von 13 und 14 Jahren geraten unter Verdacht. Die Stabilität der Gemeinschaft gerät ins Wanken. Leticia Dolera erzählt feinfühlig von der Realität der Kinder und der Hilflosigkeit ihrer Eltern. Davon, wie kompliziert es ist, Kinder zu schützen, und wie schwer es den Erwachsenen fällt, egal welche Werte sie auch mitbringen. Die sechs Folgen leuchten das wankende Konstrukt klug aus – und fragen, ob man dennoch Vertrauen zurückgewinnen und als Gemeinschaft über sich hinauswachsen kann.
In Spanien sorgte der Sechsteiler bereits für Debatten. In Deutschland ist er seit August in der Arte-Mediathek zu sehen und gehört auf jeden Fall zu den besten Neustarts des Monats.
»Braunschlag 1986«
Bei so viel düsteren Themen und Mahnungen über den Einfluss des Internets würde man am liebsten alle mobilen Endgeräte einfach verbannen. Früher war doch schließlich alles besser – oder etwa nicht? »Braunschlag 1986« spielt diesen Gedanken durch. Nach ihrer selbst inszenierten Marienerscheinung in der Vorgängerserie 2012 suchen Bürgermeister und Diskobesitzer erneut nach einem Trick, um den Tourismus anzukurbeln. Diesmal schreiben sie das Jahr 1986. Die niederösterreichische Marktgemeinde wird zu einer Art Achtzigerjahre-Themenpark. Alles aus dem 21. Jahrhundert wird verbannt. »Endlich eine Serie mit Achtzigerjahre-Ästhetik, die nicht nervt«, schreibt SPIEGEL-Autorin Eva Thöne in ihrer Rezension.
Klar, die verschrobenen Dorfbewohner, die sich in der Vergangenheit verschanzen, das sind wir alle. Vielleicht nicht ganz so grantig, vielleicht mit weniger Humor. Und doch lehren uns Richy, Gerry und Co. maximal unterhaltsam (und beizeiten etwas wirr), nicht verklärt im Gestern zu schwelgen. Selbst wenn uns das Gestern »kalte Muschi« (Cola und Rotwein) serviert. Unbedingt ansehen! Seit August auf HBO Max.
Streamingtipp aus dem Archiv
»In die Sonne schauen« in der ZDF-Mediathek
»In die Sonne schauen« machte die deutsche Regisseurin Mascha Schilinski berühmt. Mit einem kunstvoll geschichteten Konstrukt aus Zeitsprüngen, erzählt Schilinski die Geschichten verschiedener Frauen zu verschiedenen Zeitpunkten: kurz vor dem Ersten Weltkrieg, während des Zweiten, in den Achtzigern und in der Gegenwart. Epische Bilder erzählen, wie Traumata mehrere Generationen überdauern. In ihrer Rezension schreibt Hannah Pilarczyk 2025 über den Film : »Er ist so offenkundig brillant, dass er von Cannes ganz richtig in eine Reihe mit den Großen des zeitgenössischen Kinos einsortiert wurde.«
»In die Sonne schauen« ist online im Prime Video Channel »Neue Visionen Plus« zu sehen und ab dem 28. September kostenlos in der ZDF-Mediathek.