Tatort "Eine Handvoll Paradies": Mutti und ihre Pullermänner - DER SPIEGEL
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Saar-"Tatort": Rollerfahrer trifft Höllenengel

Foto: ARD

Rocker-"Tatort" mit Devid Striesow Mutti und ihre Pullermänner

Diese Rasselbande! Beim zweiten Einsatz an der Saar trifft Devid Striesow auf Rocker, die grimmig ihre Kutten spazieren fahren, sich aber eigentlich nur nach Liebe sehnen. Organisiertes Verbrechen auf die drollige Tour. Dieser Krimi ist ein weiterer Tiefpunkt beim "Tatort"-Trend zum groben Unfug.
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Meditieren, Arme ausbreiten, mit dem roten Roller durch die schöne bunte Saarländer Landschaft knattern: Mit den Augen von Kommissar Stellbrink betrachtet, sehnt sich die Welt doch eigentlich nur nach einem - nach einer Umarmung. Wenn einer wie Stellbrink, den der sonst so facettenreich auftrumpfende Devid Striesow mit immer gleich verhangener Glückssuchervisage spielt, Typen mit schwarzen Kutten und finstren Gesichtern sieht, fällt ihm deshalb nur eine Erklärung für deren Grimmigkeit ein: Die Ärmsten haben wohl zu wenig Zuwendung von Mutti bekommen.

Ein ganzer "Tatort" durch die Stellbrink-Brille auf der Nase könnte ein Problem sein. Zumal dann, wenn er sich mit der durchaus ernst zu nehmenden organisierten Kriminalität von Rockerbanden beschäftigt, wie jetzt die aktuelle Saar-Episode. Mag ja sein, dass die Wurzel der Gewalt bei vielen kriminellen Bikern ein Liebesdefizit in den frühen Entwicklungsjahren ist - aber müssen sie deshalb in diesem Fernsehkrimi so agieren, als würden sie nur auf die nächste Streicheltherapie warten?

Um den Therapeutenwitz auf die Spitze zu treiben, haben die Macher dieses Rocker-"Tatorts" aus Saarbrücken den Anführer denn auch gleich "Mutti" genannt. Dessen harte Jungs sind manchmal ganz weich, brutzeln wie die Strolche kleine Bratwürste überm Lagerfeuer oder behängen sich wie Kindergartenjungs mit Phantasieemblemen, und wenn sie über ihr Genital sprechen, kommt man sich vor wie mit der 2b in der Jungsumkleide. In einer Szene fragt Kommissar Stellbrink einen drogensüchtigen Rocker, wo er sich denn das Heroin hinspritzen würde. Antwortet der verdruckst: "In den Pullermann."

Unverbindlich, flach, infantil

Natürlich liegt ein komödiantischer Reiz darin, betont machistische Milieus spielerisch in ihr Gegenteil zu verkehren. Großartig etwa, wie Andy Warhol 1968 in seinem Homo-Western "Lonesome Cowboys" eine Truppe von Kuhtreibern am Lagerfeuer kuscheln, tratschen und zicken ließ. Ein Kaffeeklatsch mit Sporenklirren. Doch auch wenn die Verantwortlichen des SR dem allgemeinen Trend zum groben Unfug im "Tatort" folgen - der Mut zum echten Camp-Humor nach Warhol-Art fehlt ihnen leider.

So anarchisch will man dann doch nicht sein, schließlich hat man einen öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen. Deshalb versieht man den Nonsens-Krimi mit den Attributen des Themen-Krimis und legt Spuren in die Wirklichkeit: Streberhaft wird die Terminologie der Hells-Angels-Welt ins Drehbuch gebracht, von member über prospect bis sergeant at arms werden alle Begrifflichkeiten abgespult, und es gibt einige Hinweise auf die echte Rockerszene in Hannover. Es geht um Drogenschmuggel und Prostitution, um Genickbruch und Wasserfolter. Harter Stoff - der hier aber als Klamotte aufbereitet wird. Was im ersten Saar-"Tatort" mit Devid Striesow mit dem unbedingten Willen zur Drolligkeit begann, wird hier gnadenlos fortgesetzt. Wieder führte Hannu Salonen Regie.

Wie unverbindlich, flach, ja infantil dieser Krimi ist, wird einem vor allem bewusst, wenn man ihn mit dem brillanten Rostocker Rocker-"Polizeiruf" aus dem vergangenen Jahr vergleicht. Da gelang es tatsächlich, einigermaßen genau das Milieu nachzuzeichnen und gleichzeitig in die fragile Psyche eines der harten Kerle hinabzusteigen.

Und beim Saar-"Tatort" zum gleichen Thema? Da gibt es gegen Ende eine Szene, in der ein prospect zum member befördert wird: President Mutti macht bei dieser Gelegenheit auf Heidi Klum und vergibt die Lederkutte mit dem begehrten Abzeichen mit einer ähnlich abgekarteten Spannungsdramaturgie wie die "Topmodel"-Chefin die Fotos, mit der die Kandidatinnen in ihrer Show in die nächste Runde geschickt werden. Komisch? Eher unfreiwillig.


"Tatort: Eine Handvoll Paradies", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD