TV-Experiment auf ZDFneo: Eine Woche Senderchef sein! - DER SPIEGEL
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TV-Experiment auf ZDFneo Eine Woche Senderchef sein!

Endlich selbst entscheiden, was im Fernsehen läuft - diesen Wunsch erfüllt jetzt ZDFneo. Der junge Digitalkanal stellt zehn neue Formate vor, unter anderem mit Stars wie Sarah Kuttner. Was davon in Serie geht, bestimmen allein die Zuschauer. Ein Modell, das bald Schule machen könnte.
Joko (links) und Klaas stellen im TVLab-Studio die Formate und ihre Macher vor
Joko (links) und Klaas stellen im TVLab-Studio die Formate und ihre Macher vor

Joko (links) und Klaas stellen im TVLab-Studio die Formate und ihre Macher vor

Foto: ZDF
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Eine böse Überraschung könne es am 3. September um 15.30 Uhr gar nicht geben, sagt ZDFneo-Chef Norbert Himmler. Zu diesem Zeitpunkt wird er kurzfristig arbeitslos sein, denn dann entscheiden Internetuser, welches Format sein Sender als nächstes produzieren wird. Trotzdem ist Himmler entspannt: "Wir fühlen uns durch jedes der Formate sehr gut verstanden."

"TVLab" heißt das einzigartige Fernsehexperiment, das Neo am kommenden Samstag startet: Innerhalb von einer Woche zeigt der Digitalkanal zehn frisch produzierte Pilotsendungen. Die Bandbreite reicht dabei von einer Puppen-Comedy über eine Datingshow bis zu einem Filmmagazin (ausführlich kommentiert in der Fotostrecke), und genauso breit gestreut scheint nach den ersten Eindrücken auch die Qualität der Sendungen zu sein. Als Zuschauer kann man sein Urteil aber nicht nur auf dem Fernsehsofa fällen, sondern auch im Internet. Auf tvlab.zdfneo.de  stehen die Formate zur Bewertung an - und welches am besten abschneidet, wird in Serie gehen.

Fotostrecke

TVLab: Diese zehn Formate sollen Zuschauer überzeugen

Foto: ZDF

"3 Monate vom Pitch bis zum Dreh. Das geht wohl nur mit ZDFneo", stöhnt Regisseur Dominic Müller im Blog des TVLabs. Zusammen mit Autor Andreas Knop verantwortet er die Krimiserie "Scharfe Hunde", das einzige fiktionale Format im Wettbewerb. Im Februar 2011 hatte Neo seinen Aufruf an deutsche Produktionsfirmen gestartet, sich mit neuen Formaten fürs TVLab zu bewerben. Inhaltliche Vorgaben gab es keine, nur Kopien oder Adaptionen waren verboten. 91 Vorschläge wurden schließlich eingereicht, zehn von ihnen dann von den ZDFneo-Redakteuren für die Endrunde ausgewählt. "Es waren einige Perlen dabei, nach denen wir tauchen mussten", kommentiert Frank Zervos, der Projektleiter des TVLabs, den Auswahlprozess.

Auf der Suche nach einem Profil

Auch wenn die Produktionsfirmen von den engen Zeitvorgaben gehetzt sind: Für Neo kommt das TVLab zum besten Zeitpunkt, denn der Sender braucht mehr Aufmerksamkeit. Nach dem Start im November 2009 hatte der Digitalsender zwar durch Ankäufe von US-amerikanischen Qualitätsserien wie "Mad Men" oder "30 Rock" für Wirbel gesorgt. Die katastrophalen Quoten, die man damit anfangs einfuhr, wurden aber legendär: "Die Show, die eine Einschaltquote von 0,0 Prozent im deutschen Fernsehen erzielte" bewirbt sich "30 Rock" selbstironisch auf den neuesten DVD-Boxen.

Die tiefsten Quotentiefs hat man mittlerweile hinter sich gelassen. An guten Tagen erreicht Neo schon mal 400.000 Zuschauer. Das ist vergleichbar mit manchen Sendungen auf 3sat oder in den dritten Programmen - wobei diese nicht mit der Hürde zu kämpfen haben, nur digital und damit stark eingeschränkt empfangbar zu sein. Jenseits der Technik zeigt sich bei Neo aber langsam ein anderes Problem: Nach knapp zwei Jahren Laufzeit hat der Kanal noch immer kein eigenständiges Format hervorgebracht, das ihm ein unverwechselbares Profil verleiht.

"Um einen Sender zu positionieren", sagt Norbert Himmler, "muss man Fiktionales produzieren. Aber bei einem Jahresbudget von rund 30 Millionen Euro sind Filme oder Serien, die unseren hohen Qualitätsansprüchen genügen, schlichtweg zu teuer." Die Krimiserie "Scharfe Hunde" wäre denn auch die einzige Produktion, bei der Neo Probleme mit der Finanzierung bekäme, sollte sie beim TVLab gewinnen. "Dann müsste der Hauptsender uns finanziell unterstützen", sagt Himmler.

Was genau mit dem Format passiert, das am 3. September als Sieger hervorgeht - ob ganze Staffeln produziert werden und ob diese wöchentlich oder monatlich kommen - ist noch nicht klar. Perspektivisch könnte wohl aber mehr als ein Format aus dem TVLab in Serie gehen. "Sollten wir uns entscheiden, zwei oder drei Formate fortzuführen, wäre das ein sehr guter Schnitt", sagt Himmler. Er selber zeigt sich sehr angetan von "Bambule", dem Großstadtmagazin mit Sarah Kuttner. "Das trifft unsere Zielgruppe der 30- bis 40-Jährigen ins Mark." Aber vielleicht ergeben sich auch Synergieeffekte innerhalb der Senderfamilie, und das Filmmagazin "Moviacs" feiert seine Premiere bei Neo, wird aber bei ZDFkultur fortgeführt.

"Two and a Half Men" für Deutschland

Für Neo hat sich das TVLab in jedem Fall schon gelohnt. Neben der Aufmerksamkeit, die das Experiment zweifellos verdient hat, hat es auch jede Menge Formatideen kostengünstig nach Mainz gebracht. Zwar hat sich der Sender je nach Aufwand an den Produktionskosten der Pilotfolgen beteiligt. Doch das ändert wenig daran, dass die Formatentwicklung letztlich aus dem Sender an die Produktionsfirmen ausgelagert wurde - eine Tendenz, die Produzenten in Deutschland schon länger kritisieren, da dies für sie oft große finanzielle Risiken birgt und selten die nötige Anerkennung liefert.

"Wir nehmen die Produzenten gern beim Wort", sagt Himmler angriffslustig zu solcher Kritik. "Dann sollen sie uns doch zeigen, wie kreativ wir zusammen sind." Gleichzeitig will er den Anteil seiner Redakteure, die oft mehrere Posten innerhalb der Senderfamilie innehaben - auch er ist neben Neo noch als Spielfilmchef beim ZDF tätig - nicht geschmälert wissen. "Ins TVLab ist von Redaktionseite viel Herzblut geflossen. Da hieß es nicht einfach: 'Puppen-Comedy? Ja, macht mal'! Das wurde gemeinsam weiterentwickelt."

Einen großen Fan hat das TVLab in jedem Fall schon: den künftigen ZDF-Intendanten Thomas Bellut. Bei einer kleineren Pressekonferenz, bei der die Neo-Verantwortlichen das Projekt vorstellten, ließ er es sich nicht nehmen, persönlich zu erscheinen. Das sollte zum einen zeigen, dass der neue ZDF-Chef hinter den Spartenkanälen und ihren Programmexperimenten steht. Zum anderen preschte Bellut mit einer überraschenden Nachricht vor: Schon im kommenden Jahr könnte ZDF-Hauptprogramm ebenfalls ein TVLab starten. Für den Sendeplatz um 19.25 Uhr suche man neue Ideen, außerdem brauche man dringend eine eigene Comedy. "So etwas wie 'Two and a Half Men' muss auch in Deutschland möglich sein. Wir haben doch gute Autoren", sagte Bellut.

So viel Experimentierfreude, noch bevor die erste Entscheidung im TVLab gefallen ist: Beim ZDF scheint man wirklich keine Angst vor bösen Überraschungen zu haben.


"TVLab": vom 27.8. bis 2.9., Start täglich ab ca. 22.25 Uhr mit dem Magazin "TVLab Studio", danach Premierensendungen und Wiederholungen. Alle Sendungen am Stück am 3.9. ab 10.30 Uhr, Verkündung des Siegerformates: 3.9., 22.30 Uhr, jeweils ZDFneo.