"Wetten, dass..?"-Historie: Von Frank Elstner bis Markus Lanz
Erinnerungen an "Wetten, dass..?" Ein Sangria-Eimer voller Überraschungen
Und am Ende gewinnt das Leben
Irgendwann, es muss in den späten Achtzigern gewesen sein, gab es in meiner Heimatstadt einen leibhaftigen Wettkönig. Einen Wettkönig! Er hatte es geschafft, mit einem einzigen Stoß alle (alle!) Kugeln beim Pool-Billard zu versenken. Ein paar Jahre später begegnete ich ihm immer mal wieder in der Billard-Kneipe. Er sah noch so aus, wie ich ihn aus dem Fernsehen in Erinnerung hatte. Schnauzbart, Haare hinten lang, vorne kurz, Lederweste. Jeden Abend legte er sich die Kugeln zurecht, jeden Abend lochte er sie ein. Nur für sich, so wie damals. Mit einem einzigen Stoß. Wer bewundernd oder interessiert an seinen Tisch trat, den bellte er weg. "Wetten, dass..?" hatte den Mann in ein trauriges One-Trick-Pony verwandelt, zusammen mit seinem Kunststückchen gefangen in einer Zeitschleife. Arno Frank
Die deutsche Demo-Kultur
Wie Deeskalation funktioniert, habe ich bei "Wetten, dass..?" gelernt. Während der Liveshow im Dezember 1984 rannten Aktivisten mit einem Transparent vor die Kamera, auf dem stand: "Nicht wetten, Donauauen retten." Als Ordner sie von der Bühne zerren wollten, schritt Frank Elstner mit den Worten ein: "In meinem Studio wird keiner rausgeschmissen!" Die Demonstranten trugen ihr Anliegen vor, das sich an den österreichischen Bundeskanzler Fred Sinowatz richtete, einen der Wettpaten. Elstner sicherte eine Aussprache hinter den Kulissen zu, die Show ging weiter. So entstand die Blaupause für den Umgang mit Störenfrieden in Live-Sendungen: Günther Jauch verhielt sich vor zwei Jahren ähnlich, als ein Student die Bühne stürmte, ebenso vergangenes Jahr Markus Lanz, als nackte Aktivistinnen seine Talkshow zu entern versuchten. Alexander Kühn
Und auf Malle kam sogar Dieter Bohlen
Klar, der wahre "Wetten, dass..?"-Fan liebte die Ausgaben aus Ludwigshafen, Fulda oder Offenburg. Aus redlich-unauffälligen Orten, die durch eine mäßig verrückte Wette schon mal ziemlich verrückt aussahen. Ich war ehrlich gesagt nie "Wetten, dass..?"-Fan. Ich liebte die Momente der radikalen Entfesselung, und die gab es nun mal vor allem bei den Sommernummern auf Mallorca. Unvergesslich die Show aus dem Jahr 2007. Thomas Gottschalk, der damals einen ordentlichen Bammel vor der jungen, enthemmten privaten Konkurrenz hatte, hatte alles eingeladen, was sonst bei Pro 7 und RTL Erfolge feierte - sogar sein angestammter Quoten-Widersacher Dieter Bohlen kam mit seinem damals aktuellen "Deutschland sucht den Superstar"-Schützling Mark Medlock vorbei. Ein Sangria-Eimer voll bunter Überraschungen! Da war die Quotenwelt im ZDF noch in Ordnung, danach ging es bergab. Zurzeit sterben Bohlen und Gottschalk gemeinsam bei RTL den langsamen, gemütlichen Quotentod. Wird ihnen Markus Lanz, der seine Karriere ja bei dem Kölner Sender begann, jetzt zu RTL folgen? Christian Buß
Die alte Bundes-Saumagen-Republik
Ach, "Wetten, dass..?" - die Show als Show war mir egal. Dennoch habe ich sie irgendwie gemocht, weil sie ja fast immer auch ein wenig über dieses Land zu erzählen hatte. Weil der bescheiden joviale, durch und durch solide Unterhaltungshandwerker Frank Elstner perfekt den selbstzufrieden provinziellen Geist der alten Bundes-Saumagen-Republik unter Helmut Kohl einfing. Weil Thomas Gottschalk fast dasselbe tat, nur auf andere Art; er holte sich und uns Glitzer und Glamour aufs Sofa, er schien auf Du und Du mit den Stars aus Hollywood, doch im Ensemble der Großen dieser Welt spielte er bestenfalls eine Nebenrolle, so wie in "Sister Act 2", trotz Haus in Malibu. Weil die Wettkandidaten mit ihren strebsam gepflegten Obsessionen oft wirkten wie eigentümlich verkümmerte Schrumpfformen überspleeniger Engländer. Weil der zusehends verunsicherte und verloren wirkende Ost-Dauerlächler Wolfgang Lippert von den Westmächten im ZDF stets ungeliebt blieb - überdies fast ein wenig angewidert beäugt und verspottet oder mitleidig belächelt von den westdeutsch dominierten Medien, stellvertretend für ein ganzes Beitrittsvolk. Und weil die Sendung mit Markus Lanz zeigte, wie es sich derzeit ein bisschen mit der Berliner Republik so verhält; ehrgeizig war er, ein professioneller Alles-richtig-machen-Woller mit antrainiertem Charme, der, indem er Wetten zu "Challenges" aufblies, zu verschleiern versuchte, wie ideen- und konturlos und durchschnittlich das am Ende alles war. Thorsten Dörting
Und im Kichern waren alle vereint
Mein Lebtag nicht werde ich vergessen, wie Lionel Richie 2007 wegen einer verlorenen Wette Helium einatmen musste, und dann mit Mickey-Maus-Stimme sein "Hello!" rausquietschte. Sein auf freundlich gebotoxtes, gar nicht runzliges Gesicht unter den lackierten Locken zerbrach in so viele lange nicht mehr benutzte Lächelfalten, dass danach bestimmt ein paar Extraspritzen nachgesetzt werden mussten. Dem kitschigen "Is it me you're looking for"-Text, der durch Mollakkorde Ernsthaftigkeit impliziert, wurde damit plötzlich eine enorm starke und erfrischende Albernheitskur verabreicht. Mit der kleinen Episode offenbarten sich zwei große Stärken des Formats: Zum einen das - im TV-Business - ungewöhnlich demokratische Menschenverulken und Appellieren an die Selbstironie, ohne Berücksichtigung von Star- oder Nicht-Starsein. So vermochte die Sendung zuweilen alle Beteiligten im Kichern zu vereinen, seien sie nun Popsänger Mister Richie selbst oder Zuschauer Slow Joe from the last row. Zum anderen beweist Richies Verurteilung zum öffentlichen Mickey Mousing die große Liebe zu den ältesten und bärtigsten Witzen der Welt, die manchmal schlichtweg die besten sind. Und, nebenbei gesagt: Neuere Witze schienen den Machern ja ohnehin nie einzufallen. Jenni Zylka