Moskau Stadt der Widersprüche
Die ersten Schneeflocken überzuckern die Straßen Moskaus, junge Frauen tragen Stiefel und kurze Röcke. Recht warm sei es noch für Anfang November, sagen echte Moskauer. Der eisige Wind am Flughafen fühlt sich anders an. Kyrillische Schriftzeichen, russische Sprache, Warteschlangen, reservierte Gesichter, überarbeitete Beamte und strenge Polizisten. Erster Eindruck: fremde Welt.
Auf der Stadtautobahn reihen sich die Rücklichter schmutzergrauter Autos aneinander, es geht nicht voran. Ein Lastwagenreifen dreht neben dem Taxi bedrohlich klapperig seine Runden, alte Ladas tuckern vor sich hin, Limousinen überholen rechts und hupen. Stop-and-go-Verkehr in Moskau. Das Warten zehrt an den Nerven. Zwei Stunden in der Schlange für die Passkontrolle, eine Stunde Fahrt in die Innenstadt.
In Moskau zur Ruhe kommen, ein Ding der Unmöglichkeit. Wo nach offiziellen Angaben zehn Millionen Menschen leben, tummeln sich tatsächlich wohl rund zwölf Millionen Menschen. Sie teilen sich eine Fläche, die kaum größer ist als Berlin. Hier geht es schneller und geschäftiger zu als in deutschen Großstädten. Bis spät in die Nacht schieben sich Menschenströme durch die Straßen. In den warmen Hallen und Gängen der Metrobahnhöfe treffen sich viele junge Moskauer, bevor sie ausgehen. Mindestens alle zwei Minuten fahren die Metros in die teils prunkvollen Marmorbahnhöfe, Relikte aus Stalinzeiten, ein. Leute raus, Leute rein, Türen zu und nach wenigen Sekunden fahren sie wieder ab. Bis zu neun Millionen Menschen werden so täglich abgefertigt. In der Metro, auf den Gehsteigen, auf den Straßen, im Moskauer Leben gilt eines: ohne Ellenbogen geht es nicht.
In Moskau konzentrieren sich 80 Prozent des Finanzpotenzials des Landes, an jeder Ecke gibt es eine Bank. Der Rubel rollt, die Stadt ist teuer. Wechselstuben gibt es in den meisten größeren Straßen, nachts haben aber nur wenige geöffnet. Der erste Abend in der Stadt: in einer sehr belebten Einkaufsstraße weist ein kleines Schild mit der Aufschrift Change" den Weg in einen schäbigen Flur. An dessen Ende eine Eisentüre mit einer Klingel. In die kleine Kabine passen höchstens zwei Leute. Die Tür muss geschlossen werden. Ein Mann mit düsterem Blick nimmt die Euros entgegen, zählt auf Russisch das gewechselte Geld und reicht es uns. Tagsüber bei größeren Banken Geld zu wechseln gestaltet sich als weniger abenteuerlich.
Es ist schon dunkel und bitter kalt, als wir uns auf die Suche nach einem Supermarkt begeben. In einem Schaufenster stehen Schuhe und Taschen, die mehr als 4000 Euro kosten. Edelkarossen parken vor den Luxusboutiquen. Die Autos zwängen sich hupend durch die Straßen. Vor einem der wenigen Supermärkte steht ein bettelnder Junge. Am Straßenrand der Einkaufsstraßen sitzen immer wieder alte Babuschkas und jammern. Die Lebensmittel im Supermarkt stehen in verschnörkelten Holzregalen, die hellen Wände haben Fenster mit Rundbögen, überall funkeln goldene Verzierungen.
Außer Fastfood findet man hier kaum Essen für den Studentengeldbeutel. Einzig das Restaurant Jolki Palki am Puschkin-Platz mit gutem und billigem Essen war ein guter Tipp. Ein einziges Mal haben wir dort gegessen. Als wir am nächsten Morgen vorbeilaufen, wird gerade das Firmenschild von der Wand gerissen und die Inneneinrichtung ausgebaut. Das Restaurant muss weichen, wahrscheinlich zahlt ein Investor mehr Miete als die Restaurantkette.
Andrej Batrak ist Dolmetscher und arbeitet für die Redaktionsvertretung des SPIEGEL in Moskau. Als sachkundiger Historiker führt er uns durch das Historische Museum. In Moskau kann man nicht leben. Die Stadt ist für zwei Millionen Menschen ausgelegt", meint er. Zum Arbeiten fährt er lieber 30 Kilometer in die Stadt, als dort zu wohnen. Beim Landeanflug auf den Flughafen Scheremetjewo im Norden der russischen Metropole fliegt man über kleine Siedlungen aus Backsteinhäusern und Holzhütten. Hierhin, in die Datschen, flüchten sich viele Moskauer an Wochenenden und in den Ferien. Viele verlegen wie der Dolmetscher Batrak gar ihren Wohnsitz hinter die Stadtgrenzen. Auch Wladimir Putin pendelt zwischen Kreml und seinem Wohnsitz außerhalb Moskaus. Mit Blaulicht und Eskorte rast er dann über die Autobahn. Nur wer viel Geld hat, kann sich eine freie Bahn und Blaulicht auf dem Dach erkaufen, Lizenzen dafür haben die wenigsten.
Um als Student an der Moskauer Universität zugelassen zu werden, muss man ordentlich schmieren, erzählt der SPIEGEL-Korrespondent Uwe Klußmann. Mit einer Tasse Kaffee, in Wollpulli und Jeans sitzt er am Konferenztisch der Redaktionsvertretung des Nachrichtenmagazins. Er ist schon seit acht Jahren in Moskau, mit einer Russin verheiratet und spricht fließend Russisch. Gemeinsam mit uns will er einen Oppositionspolitiker aus der Staatsduma der ersten Kammer des Parlaments interviewen.
Kein Bewusstsein für Demokratie"
Lupenreiner Demokrat? Für diese Aussage muss Putin Gerhard Schröder wohl eine Menge Geld gezahlt haben", sagt Wladimir Ryschkow. Er ist um die 40 Jahre alt, einer von fünf oppositionellen Abgeordneten in der Staatsduma. Er sitzt uns in einem schlichten grauen Anzug gegenüber. Die russische Bevölkerung hat für Demokratie kein richtiges Bewusstsein. Nach den demokratischen Ansätzen Gorbatschows ist Russland unter Putin wieder ein autoritär regiertes Land geworden."
Bei den nächsten Dumawahlen wird es außer den Kommunisten keine oppositionellen Abgeordneten mehr geben, prophezeit Ryschkow. Putin hat dafür gesorgt: die Fünf-Prozent-Klausel wurde zu einer Sieben-Prozent-Hürde erweitert, die keine oppositionelle Partei überspringen kann. Direktkandidaten wie Ryschkow können nicht mehr gewählt werden. Jetzt gibt es nur noch Parteilisten. Das nenne ich Putins Dresdner System, es erinnert an die DDR, wo sich die SED ein gelenktes Mehrparteiensystem organisierte", meint Ryschkow. Der Präsident habe ein Regime errichtet, das der Zarenmacht ähnele. Beide Kammern des Parlaments sind ihm hörig. Und das vom Kreml gelenkte Staatsfernsehen sorgt dafür, dass Kritiker nicht zu Wort kommen."
Das Hauptgebäude des ersten staatlichen Fernsehkanals befindet sich direkt neben dem Moskauer Fernsehturm. Das Gebäude wirkt von innen teils baufällig, man hat es schnell hochgezogen. Der Redaktionsleiter der Sendung Drugije Nowosti", was so viel wie Andere Nachrichten" heißt, Michail Grinkow, führt uns durch enge Gänge in das Redaktionszimmer seiner Sendung. Zwischen Tür und Angel beantwortet er unsere Fragen. Immer wieder hetzen seine Mitarbeiter mit Videokassetten in den Händen vorbei. Zu empfangen ist das Erste Fernsehen in ganz Russland. Für manche Russen, die in Abgeschiedenheit leben, ist das Fernsehen die einzige Informationsquelle. Unsere Aufgabe ist, der breiten Masse die Beschlüsse unserer Regierung verständlich zu erklären, nicht die Beschlüsse kritisch zu hinterfragen", so beschreibt Grinkow die Aufgabe eines Journalisten. Mit dem Aufzug fahren wir eine Ebene nach oben zu den Fernsehstudios. Grinkows Sendung wird hier aufgezeichnet und
dann live übertragen. Politik spielt in den Anderen Nachrichten" keine große Rolle, sie bringen Softnews, nahe am Leben". Der Redaktionsleiter hat nicht viel Zeit, nachdem die Sendung vorüber ist, gehen wir. Als wir unsere Jacken abholen, sehen wir an einem Türrahmen ein kleines Schild kleben. Darauf eine Zeichnung, die Putin mit einem erhobenen Zeigefinger zeigt: Ich sehe, wie ihr arbeitet!"
Angst unter Regierungskritikern wächst
Kritische Medien gibt es in Russland nur wenige, und die couragierten Journalisten haben es hier nicht einfach. Nach dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja, die sich durch kritische Berichterstattung auszeichnete, am 7. Oktober 2006 ist die Angst unter Regierungskritikern noch gewachsen. Wir haben alle Angst", sagt Wladimir Ryshkow. Er ist selbst Autor der Nowaja Gaseta", für die Politkowskaja schrieb. Es gab Versuche Kreml-konformer Abgeordneter, in der Ethik-Kommission der Duma meine Kolumnen als Beleidigung von Ehre und Würde darzustellen", erzählt Ryschkow.
Mit ähnlichen Problemen hat Valeriy Jakov zu kämpfen. Er ist Chefredakteur einer der wenigen kritischen Zeitungen Russlands, der Nowije Iswestija", den Neuen Nachrichten". Als wir in sein Büro geführt werden, sitzt er in einem braunen Ledersessel, seine Augen sind glasig und leer. In Russland währt nichts ewig, auch Stalin wurde gestürzt. Irgendwann wird es Pressefreiheit geben, da bin ich Optimist."
Erst zuletzt bekam er zu spüren, wie man gegen Regierungskritiker vorgeht: Das Gesundheitsministerium durchsuchte eineinhalb Monate lang die Redaktion und beanstandete dort die Arbeitsverhälnisse. Zuvor kritisierte die Nowije Iswestija" den russischen Gesundheitsminister. Wir mussten für jeden Mitarbeiter Fußstützen kaufen, die nicht einmal bequem sind", erzählt der Chefredakteur Jakov. Für die Zukunft seines Blatts hat Jakov ein bescheidenes Ziel : Wir wollen weiterhin objektiv und kritisch informieren!" Eine kritische Bevölkerung, die Schikanen der Regierung anprangert, vermisst Jakov: Dem Volk ist das Geschehen gleichgültig. Das sieht man auch an der geringen Anteilnahme bei der Beerdigung Politkowskajas."
Sightseeing in Moskau führt uns in die Zeit des Kommunismus zurück. Der Held der Kommunisten, Lenin, kann auf dem Roten Platz noch immer besucht werden. Der Gang ist dunkel, der Boden schwarz. Treppe für Treppe steigen wir abwärts in das Reich des Toten. Polizisten bewachen jede Ecke, es darf nicht geredet werden, wir müssen hintereinander gehen. Wir betreten den Raum, in der Mitte liegt er aufgebahrt da wie eine Puppe. Das Licht lässt die Haut unnatürlich wirken. Der Weg steigt wieder einige Treppen, wir laufen um den aufgebahrten Lenin herum. Für zehn Sekunden streifen unsere Blicke den leblosen Körper, dann führen die Treppen wieder ins Helle. Ein Gefühl wie bei einer Beerdigung. Doch Lenin ist seit über 80 Jahren tot die Russen müssen sehr an ihm hängen. Draußen gehen wir entlang der Kremlmauer an einigen Gräbern vorbei, auch an dem Stalins.
In viele Gebäude sind Bildnisse Lenins eingemeißelt. Sein Gesicht ist allgegenwärtig. Wir wundern uns, dass auch Stalin manche Gebäude ziert. Wir werden den Eindruck nicht los, dass in Russland die Zeit des Kommunismus noch nicht komplett aufgearbeitet wurde.
Immer häufiger erleben wir, dass Stalin uns als verdienstvolle Figur der russischen Geschichte präsentiert wird", meint Wladimir Ryschkow. Es sieht aus, als sei die Haltung des Kreml gegenüber Stalin ethisch neutral: Er war im Ganzen nicht gut und nicht schlecht, hatte helle und dunkle Seiten."
Auf dem Roten Platz sammelt sich eine Menge alter Frauen und Männer. Einige von ihnen tragen die Flagge der Sowjetunion. Gemeinsam marschieren sie zum Lenin-Mausoleum. Voraus geht ein Fahnenträger, aus einem kleinen Radio ertönt übersteuerte Volksmusik. Eine Frau ruft uns zu: Ihr seid noch jung, ihr habt das Leben noch vor euch!"
Vor den Mauern des Kreml finden wir einen deutschen Touristenführer. Er heißt Wladimir. Die Straßen des Kreml sind von Polizisten bewacht. Besucher dürfen sich nur auf Gehsteigen und Zebrastreifen bewegen. Es ist keine gute Idee, nicht auf sie zu hören", sagt Wladimir. An einer riesigen Kanone halten wir an. Gegenüber befindet sich Putins Regierungsgebäude. Nur dort darf die Flagge mit einem Adler hängen", erklärt der rüstige Führer. Die Kanone sei ein Beispiel für russischen Größenwahnsinn. Wegen des riesigen Durchmessers habe sie natürlich nie funktioniert. Wir gehen weiter, vorbei an einer monströsen Kirchenglocke, die wie gestrandet auf dem Gehsteig steht. Sie war zu schwer für einen Kirchturm.
Wladimir führt uns zu den Kathedralen des Kreml. In der einen Kirche wurden die Zaren getauft, in der anderen heirateten sie und in dieser wurden sie begraben", erklärt Wladimir, als wir in die Erzengel-Kathedrale eintreten. Die Wände der Kirche sind rundum bemalt, viele golden verzierte Elemente und die hohe Kuppeldecke machen auf uns einen mächtigen Eindruck. Die Besucher reden gedämpft, alle Gespräche verstummen, als ein fünfköpfiger Chor mit Engelsstimmen den Raum erfüllt. Der Duft von Weihrauch wabert durch die Luft. Die Kirche in Russland ist anders als in Deutschland, sie ist sinnlicher. Viele junge Russen zieht es in die Kirchen, anders als in Deutschland stirbt die Kirche nicht aus, sie wächst.
Die Menschen stehen während den Gottesdiensten und kommen und gehen während der Messe. Allein den Zaren war es erlaubt, während den Messen Platz zu nehmen. Dafür gab es Holzkabinen, die vor der Ikonenwand auch heute noch stehen. In den Kabinen steht ein kleiner Schemel, darüber hängt Moskaus Wappen, der doppelköpfige Adler. Wladimir interpretiert: Das Schild mit dem Reiter, im Herzen des Adlers, steht für Liebe, Glaube und Hoffnung. Der eine Kopf steht für die Religion. In der Sowjetzeit wurde dieser Religionskopf abgehackt, aber er ist jetzt wieder gewachsen. Der Präsident kommt auch hierher zum Beten. Der andere steht für die Monarchie. Und dieser Kopf wächst gerade auch wieder nach. Ihr werdet noch miterleben, wie Russland wieder das mächtigste Land der Welt wird!"
Mehr Selbstbestimmung fürs Volk?
Wir verlassen Moskau und wissen nicht, ob wir in die kommunistische Vergangenheit Russlands gereist sind oder in eine pulsierende Weltmetropole der westlichen Welt. In der Hauptstadt dieses riesigen Landes existieren Kapitalismus, Korruption, zentralistische Strukturen, Oligarchen und bettelnde Kinder nebeneinander. In Moskau verwischen Vergangenheit und Gegenwart zu einer unwirklichen Realität. Ob sich die Vergangenheit mit ihren alten Strukturen von Unterdrückung und Fremdbestimmung durchsetzt oder eine Opposition dem Volk zu mehr Selbstbestimmung verhelfen kann? Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit wurde maßgeblich von der 68er-Generation vorangetrieben. Der oppositionelle Ryschkow bestätigt unseren Eindruck: Wir haben diesen Weg nur zur Hälfte hinter uns gebracht."