Preisgekröntes Interview: Vater tot, Mutter weg - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Preisgekröntes Interview Vater tot, Mutter weg

Eine ungeheure Geschichte: Ein elfjähriges Mädchen verliert bei einem Autounfall den Vater, dann beginnt die Mutter zu trinken und verschwindet plötzlich spurlos. In einem preisgekrönten Schülerzeitungs-Interview erzählt Lea, 13, wie sie mit diesem Schicksal umgeht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Wie alt war dein Bruder beim Unfall deines Vaters, und wohin hätte die Fahrt gehen sollen?

Lea M.: Er war ein Jahr alt. Wir wollten eigentlich einen Ausflug unternehmen zu unseren besten Freunden in Sittensen.

Frage: Hattest du schon beim Einsteigen ein mulmiges Gefühl, oder war alles wie sonst?

Lea: Nein. Es war alles wie immer. Keiner hätte gedacht, dass die Fahrt so endet. Deswegen war der Schock umso größer. Wir dachten uns überhaupt nichts, als wir ins Auto gestiegen sind.

Frage: Ist dir auch etwas passiert?

Lea: Nein, meiner Mutter auch nicht. Nur mein kleiner Bruder hatte einen gebrochenen Arm.

Frage: Wo und von wem wurde dir gesagt, dass dein Vater tot ist?

Lea: Es war gleich am Unfallort. Ich habe es von meiner Mutter erfahren. Sie sagte zu uns: "Euer Vater kommt nicht wieder…" Es hat mich sehr getroffen. Meinen Bruder nicht, da er es ja nicht einmal verstanden hat.

Frage: Als dein Vater tot war, hast du das dann begreifen können? Und was war dein erster Gedanke, als du bemerkt hast, dass dein Vater nicht mehr lebt?

Lea: Erstmal dachte ich, er lebt noch, weil er sich noch bewegt hat. Aber ich konnte es nicht begreifen. Ich habe nur gedacht: Oh scheiße, was soll ich jetzt nur machen? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Es war einfach schlimm.

Frage: Was hat dann deine Mutter zu dir gesagt?

Lea: Dass ich mir keine Sorgen machen sollte und dass es meinem Vater gut geht da oben.

Frage: Hat dir dieser Gedanke ein wenig geholfen?

Lea: Er hat schon ein wenig geholfen, da ich ja auch noch kleiner war. Aber es hat natürlich nicht ganz geholfen, es zu verstehen und zu verkraften.

Frage: Wie war die Zeit danach? Bist du dann gleich wieder in die Schule, oder hast du Zeit gebraucht, das zu verkraften? Wie war das so?

Lea: Ja also die Zeit danach war für mich sehr schlimm. Weil ich es erst mal realisieren musste. Na ja, und ich bin nicht gleich in die Schule gegangen. Es war einfach ein Scheißgefühl, zu wissen, nur noch eine Person zu haben die meine Eltern sind.

Frage: Wie haben sich deine Freundinnen dem gegenüber verhalten?

Lea: Sie haben mir immer beigestanden und waren an meiner Seite, als ich sie brauchte. Und sie haben mich abgelenkt…

Frage: Wie wie ging es deinem Bruder damit? Hat er nach deinem Vater gefragt?

Lea: Ja, er hat immer nach ihm geschrien. Er wusste ja nicht, was passiert ist. Er konnte, und ich glaube sogar, er wollte es nicht verstehen. Richtig verstanden hat er es erst nach ein paar Monaten, als er dann gemerkt hat, dass unser Vater nicht wiederkommen wird.

Frage: Wie ging deine Mutter damit um?

Lea: Sie fing halt an, das Problem mit Alkohol aus der Welt zu schaffen. Sie hat es einfach nicht verkraftet, dass ein Mensch, mit dem sie so viele gemeinsame Jahre verbracht hatte, jetzt einfach so von der einen Sekunde auf die andere weg ist.

Frage: Hat die restliche Familie davon gewusst?

Lea: Zunächst wussten sie es nicht, aber ich denke, sie haben es irgendwann von alleine gemerkt. Weil man kennt ja seine Familie, und da merkt man dann ja, wenn einer auf einmal sehr viel mehr Alkohol als sonst trinkt. Und wenn man Alkoholiker ist, dann verändert man sich ja auch von seiner Art her. Also denke ich schon, dass sie es gemerkt haben.

Frage: Wie war es für dich, als deine Mutter anfing, zur Alkoholikerin zu werden?

Lea: Es war sehr strapazierend für mich. Vor allem, weil ich zu dieser Zeit auch sehr viele eigene Probleme hatte. Ich musste ja auch erst verstehen, dass mein Vater nicht wiederkehrt. Aber sie sah es einfach nicht ein. Sie war total aggressiv, auch wenn es nur um kleinste Dinge ging. Das heißt, ich musste mich natürlich auch mehr um meinen Bruder kümmern und wurde wie eine Ersatzmutter für ihn. Es war aber auch schwer, trotz des ganzen persönlichen Stress auch noch gut in der Schule zu sein. Aber ich habe es geschafft, und meine Noten haben sich nicht viel verschlechtert, worauf ich auch stolz bin.

Frage: Danach kam ja dann der Abschiedsbrief deiner Mutter. Hattest du so etwas schon geahnt oder war für dich sehr überraschend?

Lea: Nein. Irgendwie hat es mich gar nicht so sehr überrascht. Sie war ja schon die ganze Zeit fertig mit den Nerven und war teilweise auch nicht mehr richtig zurechnungsfähig. Aber es hat mich sehr überrascht, dass sie meinen kleinen Bruder nicht mitgenommen hat. Ich habe mich gefragt: "Wie kann eine Mutter ihr kleines Kind alleine lassen? Wo ist denn da die Mutterliebe?" Aber ich denke mal, dass sie so weit schon gar nicht mehr gedacht hat.

"Ich war so glücklich über die Adoption"

Frage: Was war dein erster Gedanke, als du dann nach Hause kamst und nur der Zettel da auf dem Tisch lag?

Lea: Ich dachte nur, das kann jetzt nicht wahr sein! Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich musste mich erst mal hinsetzen.

Frage: Was hast du dann gemacht? Zur Polizei gegangen? Und was hast du mit deinem kleinen Bruder gemacht?

Lea: Ich bin dann direkt zu Steven, meinem Freund, gegangen und habe natürlich meinen Bruder mitgenommen. Und danach zur Polizei. Ich war dann erst mal bei uns in der Wohnung, in der mein Bruder, meine Mutter und ich gemeinsam gewohnt hatten, und dann habe ich mich erst mal bei Steven ausgeheult.

Frage: Und weißt du noch genau, was die Polizei gesagt hat? Hatten sie Verständnis dafür?

Lea: Sie hatten sehr viel Verständnis dafür, aber sie haben mich auch ein wenig sehr vorsichtig behandelt, als sei ich eine ganz dünne Glasvase.

Frage: Was haben sie dann gemacht?

Lea: Sie haben meine Mutter gesucht, mit Suchtrupps. Und sie haben überhaupt nix gefunden!

Frage: Hat man inzwischen irgendetwas gefunden?

Lea: Nein. Aber es verwundert mich auch ein bisschen, dass man GAR NICHTS gefunden hat. Es kann doch nicht sein, dass meine Mutter sich so schnell aus dem Land gemacht hat.

Frage: Wie hast du das dann deinem Bruder beigebracht?

Lea: Ich hab mit ihm geredet. Er konnte mich kaum verstehen, aber ich habe ihn auf meinen Arm genommen und habe ihm gesagt, dass Mama weg ist und dass sie wahrscheinlich nicht wiederkommt. Aber er hat es nicht kapiert.

Frage: Wie alt war er da?

Lea: Er war gerade mal drei Jahre alt.

Frage: Was hast du dann später gedacht? Also hast du dir gedacht, dass du dann ins Kinderheim musst oder hast du nur an deine Mutter gedacht?

Lea: Ich dachte über mein ganzes Leben nach. Ich dachte auch über das Kinderheim nach, und wie es dort werden würde. Aber vor allem dachte ich darüber nach, was aus mir werden würde und so.

Frage: Wie war die Zeit im Kinderheim?

Lea: Sie war sehr schön, vor allem, weil ich und mein kleiner Bruder ein gemeinsames Zimmer hatten. Ich habe auch viele neue Freunde dadurch gefunden.

Frage: Hast du auch gemerkt, dass ein paar dieser typischen Kinderheim-Vorurteile stimmen?

Lea: Nein, ganz im Gegenteil. Es war sehr schön. Meine einzige Angst war, dass mein Bruder getrennt von mir adoptiert werden könnte. Deswegen war ich auch umso froher, als dann mein Bruder und ich von Stevens Familie adoptiert wurden.

Frage: Gab es dort auch Kinder, denen ähnliches wie dir widerfahren ist?

Lea: Es gab ein Mädchen, bei dem die Eltern bei dieser großen Überschwemmung damals an Weihnachten umgekommen sind. Das hat mich sehr mitgenommen.

Frage: Wie fandest du es dann, als du von der Familie deines Freundes adoptiert wurdest?

Lea: Ich fand das total toll. Das hat mich so gefreut! Man freut sich dann einfach, wieder in eine Familie zu kommen. Einen kleinen Kreis von Menschen, der sich einfach nur lieb hat, und der einem Geborgenheit gibt. Es war nicht schlimm im Kinderheim, aber irgendwie hat das da ein bisschen gefehlt.

Frage: Nennst du deine Adoptiveltern auch Mama und Papa oder wie viele andere Adoptivkinder bei Vornamen?

Lea: Nein. Ich nenne sie Mama und Papa. Sie sind ja sozusagen meine Ersatzeltern. Aber meine leiblichen Eltern habe ich natürlich nicht vergessen.

Frage: Wie ist es mit den anderen Kindern deiner Adoptiveltern? Siehst du sie als deine eigenen Geschwister an oder nur wie Stiefgeschwister?

Lea: Nein. Ich sehe sie schon als meine richtigen Geschwister an. Wir sind auch schon wie eine richtige Familie geworden, und wenn mich einer fragt, ob ich noch Geschwister habe, dann nenne ich nicht nur meinen kleinen Bruder, sondern auch die anderen. Ich komme auch sehr gut mit ihnen aus.

Frage: Du bist ja immer noch mit Steven zusammen, und du sagst ja, dass er wie ein Bruder für dich ist. Ist es da nicht komisch, mit seinem "Bruder" zusammen zu sein?

Lea: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber, wenn man mal so anfängt darüber nachzudenken, ist es schon ein bisschen komisch. Ausmachen tut es uns aber nichts.

Frage: Aber du denkst manchmal bestimmt: "Zuhause bei meinen richtigen Eltern hätte ich es viel besser gehabt!"

Lea: Ich denke, dass darüber schon jeder nachgedacht hat. Ich tue es auch manchmal. Es ist hier zwar auch sehr schön, aber man denkt einfach öfter noch zurück in die "gute alte Zeit". Aber ich finde nicht unbedingt, dass ich es zu Hause viel besser hatte als hier.

Frage: Für kleine Kinder ist es schwer, in eine neue Familie zu kommen. Wie ging es deinem Bruder?

Lea: Es war nicht sehr schwer für ihn. Er wurde hier auch sehr lieb aufgenommen, und er mag sie auch alle sehr und hat sie auch sehr ins Herz geschlossen. Aber es war schon eine große Umstellung für ihn. Auf einmal war seine Mutter nicht mehr da, es waren die ganze Zeit andere Menschen um ihn herum, es war eine ganz andere Umgebung. Es war für ihn einfach komplett anders! Aber mittlerweile hat er sich sehr gut eingelebt. Er nennt unsere Adoptiveltern auch Mama und Papa.

Frage: Wie war es für dich auf einmal in der anderen Familie? War es für dich auch eine sehr große Umstellung?

Lea: Ich habe mich schnell an alles gewöhnt. Es war eigentlich auch einfacher für mich als für meinen Bruder, da ich ja die Familie durch Steven schon kannte.

Frage: Wie meist du, wird es in Zukunft wohl weitergehen? Denkst du ihr werdet weiterhin gut miteinander auskommen?

Lea: Ja, das denke ich auf jeden Fall. So gut, wie wir schon zusammengeschweißt sind, bringt uns da nicht mal schnell ein kleiner Streit auseinander. Und es gibt nur selten Streit. Also denke ich, wird es weiterhin friedlich sein.

Frage: Dann noch alles Gute, und danke für das Interview!

Lea: Bitte, gern geschehen.