Im letzten Semester verzettelt "Hört auf, mich nach der Masterarbeit zu fragen"
Universitäts-Bibliothek
Foto: Nicolas Armer/ picture alliance / dpaWie weit bist du mit der Masterarbeit? Diese Frage löste bis vor Kurzem bei mir ein flaues Gefühl im Magen aus.
Die vergangenen Monate waren anstrengend: Ich habe mich durch verstaubte Bücher in der Bibliothek gewälzt, mich durch online verfügbare Artikel geklickt und ellenlange Studien gelesen. Im Spätsommer änderte ich mein Thema noch einmal und fing von vorne an. Wie weit bin ich also? Ich weiß es nicht. Und ehrlich gesagt, ist es mir inzwischen auch egal.
In der Schulzeit gehörte ich zu denjenigen, die ihre Klausuren als Erste abgeben. Ich hatte sehr gute Noten, in meinem Abiturzeugnis steht eine Eins vor dem Komma. Den Bachelor schloss ich ähnlich erfolgreich ab - obwohl ich die Abschlussarbeit in gerade einmal zwei Wochen herunterschrieb.
Das lag nicht daran, dass ich zu wenig Zeit gehabt hätte. Ich habe mich bei der Recherche verzettelt, gefühlt jeden wissenschaftlichen Text zu meinem Thema gelesen, mich stundenlang mit einzelnen Formulierungen und Synonymen auseinandergesetzt. Anscheinend habe ich nie richtig gelernt, wie Zeitmanagement funktioniert. Nichtsdestotrotz hat es auf den letzten Drücker geklappt.
Bei der Masterarbeit wollte ich es alles besser machen. Frühzeitig anfangen, genügend Zeit für Recherche, Lektüre und Interviews einplanen - aber vor allem: rechtzeitig schreiben und abgeben.
Das komplette vierte Semester des Masterprogramms am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg ist dafür gedacht, die Abschlussarbeit zu verfassen. Zu Beginn des Studiums belächelte ich deshalb die Kommilitonen, die im fünften Semester noch immer daran herumwerkelten. Es war für mich unverständlich, wie man länger als die Regelstudienzeit dafür brauchen konnte. Dass eine Masterarbeit viel Stress bedeutet und die anderen nebenher noch arbeiteten, daran dachte ich nicht.
In meinem Jahrgang nutzten viele das vierte Semester für Auslandssemester und Praktika. Ich entschied mich, in Hamburg zu bleiben und mich dem "Endgegner" zu stellen: der Masterarbeit. Mitte April 2016 fand ich mich also im Abschlusskandidatenseminar wieder. Hier sollten wir Ideen für die Arbeit vorstellen und später das Exposé dafür. Ende September - sprich in der Regelstudienzeit - wollte ich die Arbeit abgeben. So der Plan.
Doch Wochen vergingen, ohne dass ich auch nur ein einziges Wort geschrieben hätte. Wieder verrannte ich mich bei der Vorarbeit: Ich verwarf Ideen, verbrachte Stunden mit neuen Recherchen, schaute mir Theorien aus den Sechzigerjahren an und wurde immer verzweifelter. Der September rückte näher, ich schlief schlechter, konnte mich nicht mehr so gut konzentrieren, wurde gereizter.
Woran das lag? Genau weiß ich es nicht. Vielleicht war alles ein wenig zu viel: Ich hatte mit einem neuen Job angefangen, arbeitete viel, absolvierte ein weiteres Praktikum und bewarb mich für Stellen nach dem Master. Außerdem war ich mit meinem ersten Thema nicht zufrieden. Am Ende der Vorlesungszeit des Sommersemesters brachte ich schließlich den Mut auf, noch einmal mit einer anderen Idee von Neuem anzufangen.
Während meine Kommilitonen auf Facebook Fotos von sich mit breitem Grinsen und Masterarbeit posteten, hatte ich mit meiner noch nicht einmal richtig angefangen. Immer wieder gab es Momente, in denen ich mich wie ein Loser fühlte, mir zum Heulen zumute war und ich am liebsten alles hingeschmissen hätte. Aber ich habe weitergemacht.
Das Ziel ist zu nah, um alles aufzugeben. Was hilft, sind der Rückhalt von Familie und Freunden. Und ein gut strukturierter Arbeitsplan. Immer wieder sage ich mir, dass nicht gleich alles perfekt sein muss, dass ich einzelne Sätze auch später noch ändern kann. Hauptsache, überhaupt anfangen. Den ersten Entwurf des Exposés schickte ich an Freunde zum Gegenlesen; das Feedback motivierte mich.
Auf einer Party sprach ich neulich mit ein paar Kommilitonen - es stellte sich heraus, dass es vielen wie mir geht. Auf der Webseite unseres Instituts habe ich nun gelesen, dass die meisten in meinem Studiengang fünf Semester benötigen. Länger zu studieren, ist bei uns offensichtlich nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Wenn ich heute danach gefragt werde, wie weit ich mit der Masterarbeit bin, antworte ich ehrlich, dass ich es nicht weiß. Aber ich habe damit angefangen - und darauf kommt es an.