Studenten über Bafög "Ich kam mir vor wie eine dumme Bittstellerin"
BWL-Studentin, 27, aus Bayern: "Das Amt sagte mir, ich solle meinen Vater verklagen"
"Schon bevor ich mit dem Studium angefangen habe, musste ich Bafög beantragen. Eigentlich wollte ich elternunabhängiges Bafög, weil ich schon gearbeitet hatte und ich zu meinen Eltern nicht den besten Kontakt habe, aber das ging leider nicht.
Schon zwei Mal wurde mein Bafög-Antrag abgelehnt, weil ich die Fristen nicht eingehalten hatte. Aber das war nicht meine Schuld. Mein Vater hat Unterschriften vergessen, Nachweise nicht erbracht, Anträge falsch ausgefüllt. Und meine Mutter lebt schon seit 20 Jahren in einer Unterkunft für psychisch kranke Menschen.
Weil ich die Fristen verpasst hatte, musste ich einige Monate ohne Einkommen überbrücken. Das war nicht leicht und ging nur mit Nebenjobs. Ich arbeite schon seit dem ersten Semester neben dem Studium - samstags und sonntags in einer Bäckerei auf 450-Euro-Basis. Wenn ich sehr sparsam lebe, brauche ich 500 Euro im Monat, aber dann kann ich mir wirklich gar nichts mehr für mich leisten.
Ich bin auch schon mehrmals umgezogen, weil die Miete zu teuer war. Mit meinem jetzigen Zimmer hatte ich großes Glück, ich zahle dafür nur 200 Euro im Monat. Mein Bafög liegt bei 350 Euro, davon gehen 92 Euro für die Krankenkasse ab.
Laut Bafög-Bescheid müsste mir mein Vater 400 Euro im Monat geben, weil er so viel verdient. Aber das macht er nicht. Das Amt sagt mir, ich sollte ihn verklagen. Aber das würde ich niemals tun, dann könnte ich ja nie wieder nach Hause fahren. Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, dass er mir 200 Euro im Monat gibt.
Meine Lebensmittel kaufe ich nur bei Discountern, ich esse viel Obst und Gemüse - aber Bio kann ich mir leider nicht leisten. Wenn ich Geld übrig habe, spare ich alles, denn bald möchte ich ein Auslandssemester machen. Aber auch dort werde ich mir wohl irgendeinen Kellner-Job suchen müssen."
Medizin-Student, 31, aus Niedersachen: "Arbeiten würde sich für mich nicht lohnen"
"Ich bekomme 1125 Euro Bafög im Monat. Das ist mehr, als die meisten anderen Studenten erhalten. Aber ich bin auch kein typischer Student. Ich bin 31 Jahre alt und studiere seit knapp drei Jahren Medizin in Niedersachsen. Jedes Wochenende fahre ich zu meiner Lebensgefährtin nach Thüringen. Wir haben zusammen drei Kinder, und sie hat noch eine älteres Kind mit in die Beziehung gebracht. Für jedes leibliche Kind erhalte ich einen Zuschlag von 150 Euro.
Den Bafög-Antrag finde ich ziemlich kompliziert, vor allem weil wir verschiedene Leistungen vom Staat erhalten - also Elterngeld, Kindergeld und Wohngeld. Eigentlich könnte ich in den Semesterferien arbeiten gehen, ich bin ausgebildeter Physiotherapeut, aber das würde sich für uns kaum lohnen. Dann riskieren wir, dass meiner Lebensgefährtin das Wohngeld gekürzt wird, weil mein Einkommen steigt. Außerdem wäre das ein riesiger bürokratischer Aufwand, weil ich jede Veränderung dem Bafög-Amt mitteilen muss.
Als ich 30 geworden bin, bin ich aus der studentischen Krankenversicherung rausgeflogen. Seitdem zahle ich hundert Euro mehr. Das finde ich ungerecht.
Ich muss schon sehr auf das Geld achten, den einzigen Luxus, den ich mir leiste, ist mein Auto - ein Skoda Kombi. Wenn ich ein neues Handy brauche, dann kann ich mir das nur von meinen Eltern wünschen. Urlaub können wir mit vier Kindern eigentlich gar nicht machen. Der letzte Urlaub war ein verlängertes Wochenende in einer Ferienwohnung in der Lüneburger Heide."
Rechts-Referendarin, 28, aus Nordrhein-Westfalen: "Ich fand es demütigend, beim Amt um Geld zu bitten"
"Bei meinem ersten Bafög-Antrag hatte ich mich mehrmals an das Amt gewandt, weil ich Hilfe brauchte. Zur telefonischen Sprechstunde erreichte ich niemanden, deswegen ging ich hin, gab alles ab, und die Bearbeiterin sagte mir, alles sei vollständig. Vier Wochen später erhielt ich ein Schreiben, dass noch Dokumente fehlten.
Ich sollte nachweisen, dass ich versucht hatte, meinen Vater - zu dem ich seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatte - zu erreichen. Ich sollte ihm einen Brief schreiben. Den schickte ich mit Einschreiben. Aber das reichte dem Amt nicht. Ich musste erneut ein Einschreiben mit Rückschein abschicken. Als er die Annahme verweigerte, erkannte das Amt an, dass er keinen Kontakt zu mir wollte.
Die Bearbeiter kümmerten sich anschließend selbst darum. Doch das Prozedere mit dem Einschreiben musste ich jedes Jahr wiederholen - auch wenn es aussichtslos war, so an Informationen zu gelangen.
Bis er die Unterlagen dann herausgab, verstrich wieder Zeit. Als ich nachfragte, warum es so lang dauerte, und erwähnte, dass ich Geld für Lebensmittel bräuchte, sagte mir jemand vom Amt, ich könne ja zur Tafel gehen, wenn ich Hunger hätte.
Unfassbar, oder? Ich kam mir ohnehin schon wie eine dumme Bittstellerin vor. Ich fand es immer sehr demütigend, beim Amt um Geld zu bitten. Eine Mitarbeiterin unterstellte mir sogar einmal, ich würde lügen, als ich sagte, ich bekäme keine Geldgeschenke von meinen Großeltern.
Insgesamt dauerte es ein halbes Jahr, bis mein Antrag genehmigt wurde und ich Geld erhielt. Nach dem zweiten oder dritten Antrag erhielt ich eine neue Bearbeiterin, bei ihr klappt dann alles ziemlich reibungslos.
Weil das Bafög nie reichte, arbeitete ich bereits seit dem ersten Semester neben meinem Jurastudium. Zuerst in einer Diskothek, später in einem Bistro, dann als Werkstudentin bei einem Anwalt. Als ich einmal einen Kurs wechseln musste, weil ich ihn nicht mit der Arbeit vereinbaren konnte, sagte mir ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, ich solle lieber BWL studieren, mit einem Nebenjob könne ich Jura vergessen. Meinen Abschluss habe ich trotzdem geschafft, allerdings brauchte ich dafür zwei Semester länger.
Ich bin dafür, dass das Bafög elternunabhängig gezahlt wird. Dann würden zwar auch diejenigen Bafög kriegen, die reiche Eltern haben, aber man würde sich sehr viel bürokratischen Aufwand sparen. Außerdem sollte das Bafög angeglichen werden: Wer in München wohnt, braucht mehr Geld zum Leben als in Greifswald."