Schnappschuss aus Cambridge: Same procedure as last century - DER SPIEGEL
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Schnappschuss aus Cambridge Same procedure as last century

Schwarzer Umhang und lateinisches Gebet, Toast auf die Queen und Märchenstunden im Pyjama - Traditionen sind nicht ganz unwichtig in Cambridge. Aber daran gewöhnt man sich schnell, auch weil die Antwort auf Nachfragen stets gleich lautet: Das haben wir schon immer so gemacht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Neulich lud ein Kommilitone zum Dinner im King's College ein - gab aber leicht verlegen zu bedenken, dort trage niemand beim Abendessen schwarze oder dunkelblaue Umhänge, die gowns, weil es das liberale College nicht so mit Traditionen habe. Wir schauten ihn lange an, mit einem Gesichtsausdruck, als habe er soeben verkündet, zum Abendessen serviere King's regelmäßig kleine Kinder.

Abendessen ohne gowns? Skandal! Revolution! Kommunismus! Und einer von uns sagte auf dem Heimweg, nun wundere ihn nicht mehr, wie es in den achtziger Jahren im King's College zur Ausrufung der sozialistischen Zone gekommen sei.

Dinner unterm Ölgemälde

Vielleicht ist es so mit Traditionen: In den ersten Tagen spöttelt man noch über sie, nennt sie gar anachronistisch - und bald sind sie so verankert, dass ein Leben ohne sie kaum lebenswert erscheint. Der gown, ein nicht sehr spektakulärer, aber leider selbst gebraucht 60 Pfund teurer Umhang, ist eines der sichtbarsten Zeichen solcher Traditionspflege.

Mittlerweile holen ihn die Studenten zwar in den meisten Colleges nur noch zu den Abendessen heraus, zu hohen Gottesdiensten und natürlich zur Graduierung. Bis in die fünfziger Jahre galt jedoch noch das Gebot, dass Studenten auf der Straße den gown zu tragen hätten - überwacht wurde dies von grimmigen bulldogs, die durch die Gassen patrouillierten und auch Verfolgungsjagden nicht scheuten, um für saftige Strafen die Personalien der "nackten" Studenten aufzunehmen.

Spätestens seit 1968 rebellische Studenten wirklich nackt unter dem Umhang durch die Stadt sprangen, sind die Kleiderregeln viel liberaler. Allerdings können selbst vehemente gown-Gegner nicht abstreiten, dass die altmodischen Gewänder durchaus harmonieren mit den silbernen Kerzenleuchtern und den langen Holzbänken, auf denen die Studenten beim Dinner unter Ölgemälden sitzen  - mehr oder weniger ehrfürchtig aufblickend zum leicht erhöhten Tisch des College-Lehrpersonals.

Verspätung gilt als Todsünde

Es gibt ein lateinisches Eingangsgebet (was allerdings wegen der gewöhnungsbedürftigen englischen Aussprache abwechselnd eher nach indonesisch oder slowenisch klingt), gelegentlich einen Toast auf die Queen und natürlich hektisches Aufspringen, wenn sich die akademischen Lehrer zu Kaffee (und Port) in andere Räume verlagern.

Ursprünglich sollten diese Essen nicht nur die College-Gemeinschaft sicherstellen, sondern auch wenigstens eine ordentliche Mahlzeit pro Tag für die Studenten. Ganz früher war die für 11 Uhr morgens angesetzt, zu Jane Austens Zeit noch um vier Uhr nachmittags. Heute wird nicht nur später diniert (um 19.30 Uhr), sondern oft auch in kleinerem Kreis. Denn viele Studenten schätzen den steifen Rahmen mit Bedienungen nicht sonderlich und entziehen sich den Dinners so oft wie möglich.

Wenn sie aber hingehen, ist Verspätung eine Todsünde. Deshalb sieht man kurz vor 19.30 Uhr abends oft festlich gewandete Studenten hektisch durch die Colleges sprinten. Sie könnten oft erheblich abkürzen, wenn sie einfach über die riesigen Rasenflächen flitzen würden. Aber das wäre etwa so, als ob man an deutschen Unis auf dem Sommerfest mit der Frau des Rektors knutschen würde: eher nicht karriereförderlich.

Denn eine ganze Phalanx besorgter Augen späht über die heiligen Grünflächen: Gärtner, die neugierige Touristen würdevoll bescheiden, es sei einfach, so einen Rasen zu bekommen, man müsse einfach jeden Tag drübermähen - 200 Jahre lang. Strenge Hausmeister, die im besonders noblen Trinity College gar Bowler-Hüte tragen und deren Chef dort angeblich immer ein unehelicher Spross der Royal Family ist (man sollte solche Gerüchte nicht zu leicht nehmen. Denn der Scherz, dass eine Kuhherde hinter King's College grase, weil die Krone das Land nur unter der Auflage von Viehhaltung abgegeben habe, erstirbt jedem, der die Kühe dort das erste Mal sieht). Und natürlich stolze Studenten selbst, obgleich es wohl bloß ein Gerücht ist, dass manche mit Luftgewehren auf Touristen zielen, die sich aufs Gras wagen.

Darf's noch ein Apfelküchlein sein?

Es muss wohl schon deshalb ein Gerücht sein, weil solche Waffen dem bedmaker auffallen würden, der sich in vielen Colleges darum kümmert, dass das Bett ordentlich gewechselt wird. Solche Betreuungstraditionen können auch in anderen Fällen durchaus rührend werden - etwa wenn die Tutorin per E-Mail mahnt, es sei doch Zeit, Licht am Fahrrad anzubringen. Oder ein paar Apfelküchlein anbietet, sie habe zu viel gebacken.

Noch besser aufgehoben fühlen kann man sich eigentlich nur in einer society. Davon gibt es eine ganze Menge in Cambridge, neben den schon häufiger erwähnten drinking societies auch welche für alle möglichen Länder, für Blumenliebhaber oder Theaterfreaks. In einer Märchensociety treffen sich Studenten in Schlafanzügen und lesen Geschichten vor - und als der "Herr der Ringe" startete, analysierte die "Herr der Ringe"-Society den Film im Detail.

Einer meiner Kommilitonen hat Tolkiens Buch 30-mal gelesen, aber er fühlte sich unter diesen Experten wie ein Ignorant. Allerdings war ihm deren Erklärung für ihr Fachwissen ein gewisser Trost: Ab 16, erzählten sie ihm, seien andere mit Mädchen ausgegangen, sie dagegen hätten sich auf Fantasy konzentriert. Und daran habe sich an der Uni eigentlich nichts geändert.

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