Ein E-Auto qualmt.
Feuerwehrmann:
»Notfall. Raus, egal wie.«
Feuerwehrmann:
»Da steht einer auf dem Schlauch. Hier, runter vom Schlauch.«
Feuerwehrmann:
»Ein Fahrzeug in Vollbrand. Das Fahrzeug, es könnte sich um ein E-Fahrzeug handeln.
Die Feuerwehr im hessischen Frankenberg probt heute den Ernstfall.
Birgit Großekathöfer, DER SPIEGEL:
»Warum üben Sie das den heute?«
Andre Hesselbein, Feuerwehrmann:
»Na gut, es wird immer mehr mit den E-Fahrzeugen und da muss man auch darauf vorbereitet sein, damit man weiß, was man macht und die Gefahren kennt.«
Immer mehr E-Autos – das bedeutet in Zukunft auch: Immer mehr Unfälle mit Batterie betriebenen Fahrzeugen. Grundsätzlich gilt: E-Autos brennen zwar nicht häufiger als Benziner aber anders. Kennen die Einsatzkräfte die Risiken nicht, bringen sie sich und auch die Unfallopfer in Lebensgefahr.
Christian Kern, Kursleiter:
»Wir haben zum Beispiel gerade thermisch, aber auch chemisch zusätzliche Gefahren und da muss man leider doch sagen, die sind nicht ohne.
Brennt ein E-Auto, muss es sehr schnell gehen: Entzündet sich die Lithium-Ionen-Batterie kann Flusssäure entstehen, eine der gefährlichsten Säuren der Welt. Atmen Einsatzkräfte oder verunglückte Personen den Rauch ein, können Atemwege und Lunge schwere verätzt werden. Eine mögliche Folge: Atemstillstand. Außerdem kann die farblose Flüssigkeit die Haut angreifen – mit dramatischen Konsequenzen: Es drohen Kreislaufzusammenbruch und sogar Tod.
Die Schulung bereitet deshalb 15 Feuerwehrleute aus dem gesamten Landkreis auf Besonderheiten bei verunglückten E-Autos vor. In verschiedenen Unfall-Szenarien wird geprüft, ob die Einsatzkräfte im Ernstfall richtig handeln würden.
Feuerwehrmann:
»Ja, genau. PKW gegen Baum. Eine Person eingeklemmt.«
Erfahrung mit verunglückten Elektroautos haben hier die wenigsten. Müssen eingeklemmte Unfallopfer beispielsweise aus dem Auto geschnitten werden, ist wichtig zu wissen, wo genau die Stromkabel verlaufen, ansonsten riskieren die Rettungskräfte einen Stromschlag.
Feuerwehrmann:
»Der hat ein E-Kennzeichen. Könnt ihr uns mal die Rettungskarte für QSLO 112E schicken? Bitte kommen!«
Die Rettungskarten zeigen, wo die Stromkabel entlanglaufen und die Batterien ausgeschaltet werden können. Diese Infos sind auch auf den Websites der PKW-Hersteller zu finden oder über bestimmte Apps, die sich die Einsatzkräfte runterladen können.
Johannes Dübbert, Freiwillige Feuerwehr
»Alles anders. Jedes Fahrzeug ist anders. Früher war Verbrenner, da gab es einen Motor, eine Auspuffanlage. Bei jedem Elektrofahrzeug ist es aktuell ein anderer Standard.«
Feuerwehrmann:
»Tür geht auf.«
Erstmal alles richtig gemacht, aber noch ist die Gefahr nicht gebannt.
Christian Kern, Kursleiter:
»Kann das fahrbereit sein in dem Zustand? «
Gordon Kalhöfer, Freiwillige Feuerwehr:
»Bei dem Fahrzeug wissen wir halt nicht, wenn wir ankommen, ob es noch wegrollen oder wegfahren kann oder nicht, weil man hört es ja nicht. Wir haben es dann erkundet und zum Glück stand vorne im Display, dass »Highvoltage disabled« ist. Das heißt also, das Fahrzeug war nicht mehr fahrbereit «
Wie wichtig es ist, zu prüfen, ob das Auto wirklich nicht mehr losrollen kann, zeigt dieses Video aus den USA. Ein Feuerwehrmann versucht das Auto zu stabilisieren, doch der Fahrer kommt versehentlich aufs Fahrpedal. Bei einem Verbrenner hätten die Helfer gehört, ob der Motor noch läuft.
Zurück ins hessische Frankenberg: Hier werden die Feuerwehrmänner und Frauen auch mit der technischen Ausstattung eines E-Autos vertraut gemacht. So soll ausgeschlossen werden, dass sie bei einem Unfall etwas anfassen, das unter Strom stehen könnte.
Christian Kern, Leiter der Schulung:
»Grundlegend: Hände weg von Orange, wenn man es sich mal ganz einfach merken möchte. Und solange ihr nicht an eine orange Leitung fasst, kann euch auch kein Stromunfall ereilen.«
Doch es gibt weitere Gefahrenquellen: Eine defekte Batterie kann sich auch noch Stunden oder Tage nach einem Unfall entzünden. Denn in einer Lithium-Batteriezelle ist eine sogenannte Separatorfolie. Ist die durch einen Unfall beschädigt, können sich Minus- und Pluspol berühren. Ein Kurzschluss entsteht und damit so große Hitze, dass sich die Batteriezelle entzündet. Und weil es in einem Batterieblock mehrere Zellen gibt, können nach und nach alle entflammen.
So geschehen in einer Halle in Burghausen bei einem Elektrobus. Die Feuerwehr hat keine Chance das Fahrzeug zu retten, lässt es kontrolliert abbrennen. Brennende Batterien mit gängigen Löschmethoden zu bekämpfen, funktioniert nicht. Im Vergleich zum Benziner ist ein Vielfaches an Löschwasser nötig, um die Batterie runterzukühlen und den Brand zu löschen. Hier nutzt die Feuerwehr deswegen einen Bauschuttcontainer – sozusagen als Abklingbecken.
Christian Kern, Leiter der Schulung:
»Overheating. Was bedeutet das?«
Feuerwehrmann, Freiwillige Feuerwehr:
»Es ist zu heiß. Es könnten jetzt Gase austreten.«
Droht ein Brand, muss es schnell gehen. Hochspannung, reaktive Metalle in Batterieblöcken – und dazu Wasser: eine brisante Mischung, die sowohl Opfer als auch Helfer in Lebensgefahr bringen könnte.
Das zeigt ein Feuerwehreinsatz in Sachsen-Anhalt: Hier ist hochgiftige Flusssäure beim Löschen entstanden. Ein Elektrofahrzeug der Deutschen Post geriet in Brand, die Zustellerin konnte sich aus dem Auto retten und blieb unverletzt. Als einer der Feuerwehrleute Verätzungen an der Hand spürt und sich bei einem anderen Kollegen die Stiefel auflösen, wird aus dem Autobrand ein Chemieeinsatz und die gesamte Umgebung muss aufwändig gereinigt werden.
Und wie läuft es bei der Übung in Frankenberg?
Andre Hesselbein, Freiwillige Feuerwehr:
»Es war sehr informativ, habe viel gelernt und die Angst wurde uns ein bisschen genommen.«
Gordon Kalhöfer, Freiwillige Feuerwehr:
»Die Handgriffe müssen sich jetzt noch einschleifen, aber es war auf jeden Fall gut und wir werden so unsere Feuerwehren sicherlich als Multiplikatoren gut weitergeben können.«
Bis 2030 sollen auf Deutschlands Straßen mindestens 15 Millionen E-Autos fahren. So steht es im Koalitionsvertrag der Ampelregierung. Der Bedarf an Weiterbildung – gerade für die freiwilligen Feuerwehren – wird in Zukunft also steigen.