Zwei Fahrradstädte, zwei Welten Radeln in Münster – nicht übel. Aber waren Sie schon mal in Utrecht?
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Die Fahrradsaison hat begonnen. Jetzt im Frühling steigen wieder mehr Menschen aufs Rad. Wir schauen uns an, wie komfortabel es sich in der angeblich fahrradfreundlichsten Stadt der Welt radelt – im niederländischen Utrecht. Zunächst aber wir fahren durch die Deutschlands Vorzeigefahrradstadt. Also: Helm auf und los geht’s!
Benjamin Eckert, DER SPIEGEL:
»Wir haben uns jetzt mal ein Leihrad besorgt und schauen, ob die Fahrradstadt Münster ihre Versprechen auch halten kann und wie gut man hier von A nach B kommt.«
Berühmt ist die »Promenade« in Münster, eine rund 4,5 Kilometer lange Fahrrad- und Fußgängerstraße, die rund um die Altstadt führt – DAS Aushängeschild für die Stadt, wenn es um den Radverkehr geht. Hier stößt Jan Steinberg zu uns. Der Münsteraner ist leidenschaftlicher Radler und bloggt vor allem über das Lastenradfahren.
Steinberg ist kein großer Fan der Promenade. Denn der Rundweg hat so seine Tücken, vor allem bei den insgesamt elf Straßenquerungen.
Szene Kreuzung:
Jan Steinberg, Lastenrad-Blogger:
»Es gibt welche mit Ampel, es gibt welche wie diese hier – Vorfahrt achten, Zebrastreifen – eine Unterführung haben wir, und tatsächlich an einer einzigen Stelle hat die Promenade Vorfahrt. Jetzt sehen wir: Die Radfahrer setzte sich alle in Bewegung.«
Beim Blick von oben wird deutlich, dass an den Querungen der Promenade bei allen Verkehrsteilnehmenden die Unklarheit mitfährt: Die Autos haben Vorfahrt, müssen nur am Zebrastreifen für den Fußverkehr halten. Die Fahrräder sind aber meist in der Überzahl und bahnen sich ihren Weg. Das Ergebnis: Stop and Go in alle Fahrtrichtungen.
Nach eigenen Angaben unternimmt die Stadt viel für ihre »Leeze«. So heißt das Fahrrad hier in Münster.
Imagefilm Fahrradstadt 2.0:
»Münster. Hier dreht sich alles um die Leeze. Von ganz früh morgens bis spät abends.«
475 Kilometer Radwege. Auf etwa 310.000 Einwohnerinnen und Einwohner kommen in Münster 500.000 Fahrräder. 44 Prozent aller Fahrten, so sagt die Stadt selbst, werden hier mit dem Rad zurückgelegt – so viele wie nirgends sonst in Deutschland. Münster beheimatetmit 3300 Stellplätzen das bis heute größte Fahrradparkhaus der Nation.
Gerade erst wurde die Stadt wieder für ihre Bemühungen belohnt: Platz eins im Fahrradklima-Test des ADFC. Zwar haben die Teilnehmenden der nicht repräsentativen Umfrage die Fahrradfreundlichkeit auch hier im Schnitt nur als befriedigend bewertet. Doch Münster schneidet immerhin besser ab als die meisten anderen Städte und Gemeinden.
Jan Steinberg zeigt uns eines der Fahrrad-Pilotprojekte in der Stadt. Mit Hilfe des Grüne-Welle-Assistenten »Leezeflow« sollen Radfahrende auf der Promenade frühzeitig ihre Geschwindigkeit auf dem Weg zur Ampel anpassen können. Laut einer Evaluation im Auftrag der Stadt kommt die Zusatzampel gut an und soll deshalb bald an zehn weiteren Standorten aufgestellt werden. Dem Vielfahrer Steinberg reicht das nicht.
Jan Steinberg, Lastenrad-Blogger:
»Ich verstehe nicht ganz, warum die Stadt hier sowas Eigenes basteln muss, was dann so mäßig gut funktioniert, anstatt sich einfach funktionierende Systeme zu nehmen. Ampeln, die auf herannahenden Radverkehr über Induktionsschleifen oder Kameras reagieren und dann Grün geben, das ist ja nichts Neues.«
Wie Ampeln auf sich nahende Fahrradfahrende reagieren und nicht umgekehrt, schauen wir uns später noch in den Niederlanden an.
Zunächst aber will Jan Steinberg uns noch – auch seiner Meinung nach – positive Beispiele der Radinfrastruktur in Münster zeigen. An einer Schule fahren wir durch eine Fahrradstraße. Auf der Mittelinsel parkt verkehrswidrig ein Auto, aber immerhin. Etwas außerhalb entstehen Stück für Stück 27 Kilometer verkehrsberuhigte Kanalpromenade.
Benjamin Eckert, DER SPIEGEL:
»Rein in die Stadt geht das hier eigentlich alles ganz bequem. Zumindest an dieser Strecke am Dortmund-Ems-Kanal. Super-breite Fahrradstraßen mit rotem Asphalt. Klar gibt’s auch Autos, aber viel befahren ist es hier nicht.«
Auf dem neuesten Abschnitt der Kanalpromenade fährt es sich so, wie Jan Steinberg es am allerliebsten hat: Von Autos weit und breit keine Spur. Der motorisierte Verkehr sollte in der Stadt ohnehin eine untergeordnete Rolle spielen, findet der Familienvater.
Jan Steinberg, Lastenrad-Blogger:
»In dem Moment, wo du alle Menschen, die jetzt Auto fahren, aber auch Radfahren könnten, aufs Fahrrad bringst, ist ja für die, die übrig bleiben, die wirklich Auto fahren müssen, automatisch viel mehr Platz da!«
Eine Fahrradstadt bei unseren Nachbarn hat diesen Zustand bereits erreicht...
Utrecht, in den Niederlanden. Die Stadt hat etwa genauso viele Einwohnerinnen und Einwohner wie Münster, kann aber mit weit mehr Fahrrad-Superlativen auftrumpfen. Utrecht wird in internationalen Rankings immer wieder zur fahrradfreundlichsten Stadt der Welt gekürt.
Wir haben uns ein Hollandrad gemietet und treffen einen Promi: Jelle Bakker ist der offizielle Fahrrad-Bürgermeister von Utrecht.
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Willkommen in Utrecht.«
Jelle begleitet uns heute durch die Stadt. Meinen Helm bräuchte ich dabei nicht, sagt er. Trage hier auch sonst kaum jemand.
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Natürlich dürfen die Leute hier einen Helm tragen, wenn sie möchten. Aber ich glaube, viele Leute denken, dass die Straßen und Radwege hier so sicher sind, dass sie keinen Helm brauchen. Man sieht, dass manche Menschen hier einen Helm tragen – Ältere oder Menschen, die besonders verletzlich sind. (…) Außerdem gibt es auch das Argument, dass die Leute das Fahrrad bei einer Helmpflicht seltener nutzen. Weil sie denken, dass es nervt, den Helm aufzusetzen und ihre Haare durcheinanderzubringen – und sie dann weniger Fahrrad fahren wollen.«
Benjamin Eckert, DER SPIEGEL:
»Da tragen welche Helm.«
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Sieh mal an. Ich glaube das sind Deutsche.«
Dafür trägt Jelle eine Fahrradkette um den Hals. Die hat der 28-Jährige bekommen, als er vor zwei Jahren Fahrradbürgermeister wurde. Seitdem vertritt er die Interessen der Utrechter Radfahrer*innen – und das sind viele. 98 Prozent der Menschen hier besitzen schon ein oder mehrere »Fietsen«. Jelle will sich vor allem für die einsetzen, die noch nicht an der Fahrradstadt teilhaben können: Kinder, Ältere und Menschen mit Behinderung.
Für alle anderen sei das Fahrradfahren hier meistens ein großer Spaß, sagt Jelle.
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Wir sollten jetzt erstmal zur Perle der Fahrradstadt, und das ist das Fahrradparkhaus – das größte der Welt. Also schnappt euch die Räder und kommt mit, es ist gleich um die Ecke.«
Benjamin Eckert, DER SPIEGEL
»Was macht man, wenn man sein Fahrrad nicht wiederfindet?«
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Ich hab’ ehrlich gesagt keine Ahnung. Suchen, bis man es wiederfindet, vermutlich.«
Weiter geht’s durch die City: Utrecht baut hier immer mehr Autostraßen mit Fahrradwegen zu Fahrradstraßen um.
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Fahrradstraße. Wie fühlt sich das für dich an?«
Benjamin Eckert, DER SPIEGEL
»Für mich ist es seltsam, sich beim Fahren unterhalten zu können. In Deutschland sind die Fahrradwege viel enger.«
Fahrradstraßen kennen wir ja schon aus Münster. Auf denen muss man sich als Fahrradfahrender bewusst Platz nehmen.
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Stell dir vor, du radelst mit Kindern oder du fühlst dich im Verkehr unterlegen, dann kann es sehr, sehr anstrengend werden, wegen des vielen Verkehrs. Manche Radfahrer fahren wirklich schnell, zum Beispiel auf den E-Bikes. Und die Autos sind immer noch da und sie hängen dir im Nacken. Deshalb sagen manche Leute, man solle einfach die normalen getrennten Fahrradwege beibehalten, wo es nur Radfahrer gibt und man nicht mit den Autos rechnen muss.«
Jelle Bakker tritt nach fast zwei Jahren seine letzten Wochen als Fahrradbürgermeister an. Eine Nachfolgerin gibt es schon, doch bis er sein Amt übergibt, hat er noch etwas vor.
Jelle Bakker, Utrechts Fahrradbürgermeister:
»Ich suche noch einen Junior-Fahrradbürgermeister. (Roller fährt vorbei). Das ist nicht erlaubt. Ich werde ihn nachher auftreiben. (…) Es gibt es auch viele junge Leute in Utrecht, die es attraktiver finden, sich einen Roller oder ein Elektrofahrrad zu holen. Und ich möchte, dass mir jemand aus dieser Zielgruppe hilft, der weiß, was junge Leute denken und wie sie sich verhalten, um auch in dieser Gruppe Radfahren attraktiver zu machen. Einfach um sicherzustellen, dass wir auch in Zukunft eine so gute Fahrradstadt bleiben.«
Jelles Ehrenamt scheint kein allzu harter Job zu sein: Das Fahrradfahren gehört in Utrecht einfach dazu. Diese Radkultur ist über Jahrzehnte gewachsen und lässt sich nicht so einfach auf deutsche Straßen übertragen.
Lukas Harms will das ändern. Er ist der Geschäftsführer der Dutch Cycling Embassy. Die Stiftung hat es sich zum Ziel gemacht, Menschen, Organisationen und Städten aus dem Ausland holländische Radfahr-Standards näherzubringen. Erst kürzlich war der ADFC zu Besuch. Wir radeln zu einem Kanal, der vor wenigen Jahren noch eine mehrspurige Autobahn mitten in der Stadt war.
Lucas Harms, Dutch Cycling Embassy:
»Das Fahrrad ist ein simples Mittel, um die Stadt zu transformieren und sie zu einem viel lebenswerteren Ort zu machen, an dem man auch Räume wie diesen schaffen kann. Denn wenn man sich von den Autos befreit und fahrradfreundlicher wird, kann man seine Stadt auch neu erschaffen.«
Das Auto hat in Utrecht an vielen Stellen schlechte Karten. Parken am Straßenrand kostet rund 5,50 Euro pro Stunde. Viele Straßen sind gar nicht direkt mit dem Auto erreichbar.
Lucas Harms, Dutch Cycling Embassy:
»Das Paradoxe ist, dass fahrradfreundliche Städte oft auch autofreundlicher sind, denn weil so viele Menschen mit dem Fahrrad fahren, wird auch Platz für Menschen geschaffen, die keine Alternative haben und auf das Auto angewiesen sind.«
An einer Kreuzung am meistbefahrenen Radweg der Niederlande verdeutlicht Harms, was hier beim Straßenbau anders läuft.
Lucas Harms, Dutch Cycling Embassy:
»Hier kann man sehen, dass Radfahrer diagonal kreuzen können, aber auch auf gerader Strecke auf die andere Seite der Buslinien. Es gibt also mehrere Möglichkeiten für die Radfahrenden, und sie haben in alle Richtungen gleichzeitig Grün. Das wirkt dann fast wie ein Vogelschwarm, der von einer Seite der Kreuzung auf die andere wechselt. Aber es ist wirklich sehr gut organisiert, und es gibt ausreichend Platz für Radfahrende.«
Aus der Luft wird der Unterschied noch deutlicher: Fahrräder haben mehr Platz an roten Ampeln – oder sie kommen komplett getrennt und gut geschützt von Autos zum Stehen. Oft registrieren Sensoren herannahende Fahrräder und sind an der Ampelsteuerung beteiligt. Busse werden in ihre eigenen Bahnen gelenkt. Wo Platz ist, gibt es Radwege mit zwei Fahrtrichtungen. Es ist längst nicht alles perfekt, aber manchmal sehr kreativ umgesetzt: um für eine angenehme Steigung auf dem Weg zu einer Fahrrad- und Fußgängerbrücke im Westen der Stadt zu sorgen, haben findige Architekten einen Radweg auf das Dach einer Grundschule gebaut und die Schleife mit einem öffentlichen Park kombiniert.
Utrecht investiert jedes Jahr 132 Euro pro Einwohner in die Radinfrastruktur. In Münster sind es 100 Euro weniger.
Benjamin Eckert, DER SPIEGEL:
»Also, Fahrradfahren ist hier in Utrecht wirklich ein komplett andere Geschichte als in Deutschland. Zwar sagen die Menschen, mit denen wir heute gesprochen haben, dass das alles total normal ist, aber ich finde es alles andere als normal. Wenn man hier mit dem Rad unterwegs ist, kommt man schnell von A nach B, muss nur selten überhaupt anhalten, wenn man irgendwo hinmöchte. Und man fühlt sich dabei eigentlich immer total sicher. Dass ich den Helm gebraucht hätte, das Gefühl hatte ich heute gar nicht.«
Zurück in Münster. Auch hier wurde vor kurzem ein Brückenneubau fertiggestellt.
Nur, der Fahrradweg, der Richtung Brücke führt, endet genau davor.
Jan Steinberg, Fahrrad-Blogger:
»Wenn man sich jetzt überlegt, dass die Brücke nagelneu ist, hätte man sich ja in der Breite vielleicht ja noch eins zwei Meter gönnen können.«
Benjamin Eckert, DER SPIEGEL:
»Also bis zur Brücke würde ich sagen, im Verhältnis zu vielen anderen Orten in diesem Land: Alles traumhaft. Hier oben dann versteht man die Welt nicht mehr.«
Jan Steinberg, Fahrrad-Blogger:
»Vor allem wieder vor dem Hintergrund, dass das hier den Anspruch hat, eine Fahrradstadt zu sein.«
Fahrradfreundlichkeit – da denken viele zunächst an Sicherheit. Statistisch gesehen ist das Radfahren in Deutschland und den Niederlanden etwa gleich sicher, die Gefahr eines tödlichen Unfalls gering. Sicherer gefühlt habe ICH mich im Sattel aber in Utrecht – mit Abstand. Wohl wegen der wenigen Autos.
Vermeintliche Fahrradstraßen wie diese zeigen: Es hakt noch in Münster. Die Stadt fühlt sich – vor allem im Vergleich zu Utrecht – weniger wie eine Fahrradstadt an als einfach wie eine Stadt mit sehr vielen Fahrrädern. Dabei hat Münster ja schon vergleichsweise viel getan.
Das ist, finde ich, das eigentlich Schockierende: an anderen Orten in Deutschland ist die Situation für Fahrradfahrende im Umkehrschluss noch verheerender. Und das sind in Sachen Verkehrswende wirklich keine guten Nachrichten. Beim Fahrradfahren können wir uns noch das eine oder andere bei unseren Nachbarn abschauen.