Neue Zahlen zu Ausschüttungen 17.000 Künstler aus der EU knacken auf Spotify die 10.000-Euro-Marke
Spotify-Promoaktion in London: Der Dienst aus Schweden führt den Markt der Musikstreaming-Angebote an
Foto: Vuk Valcic / ZUMAPRESS / picture allianceUngefähr 17.000 Künstlerinnen und Künstler aus EU-Ländern haben vergangenes Jahr so viele Streams gesammelt, dass Spotify für die Nutzung ihrer Songs mehr als 10.000 Euro ausgeschüttet hat. Die 5000-Euro-Marke knackten 2024 immerhin 27.000 Künstlerinnen und Künstler. Das hat Spotify am Mittwoch selbst bekannt gegeben, im Kontext seines sogenannten Loud-and-Clear- Berichts. Mit der Initiative will der Dienst transparenter machen, wie viel er pro Jahr ausschüttet und wie sich die Summen verteilen.
Das schwedische Unternehmen ist der weltgrößte Audiostreamingdienst. Am Dienstag vermeldete CEO und Mitgründer Daniel Ek auf einem Presseevent in Stockholm, an dem auch der SPIEGEL teilnahm, das Erreichen von 100 Millionen zahlenden Kundinnen und Kunden allein in Europa. Weltweit steht Spotify derzeit bei rund 678 Millionen monatlich aktiven Usern, darunter ungefähr 268 Millionen Premiumkunden.
Der Dienst ist damit eine gigantische Netzbühne für Musiker und Bands, die auch die Geldflüsse in der Musikbranche massiv prägt: So hat Spotify den neuesten Zahlen zufolge 2024 rund 1,7 Milliarden Euro für Songs von Künstlerinnen und Künstlern aus EU-Ländern ausgeschüttet, ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bereits vor einigen Tagen wurde bekannt, dass rund 480 Millionen Euro dieser Lizenzzahlungen an Musiker und Rechteinhaber aus Deutschland geflossen sind. Weltweit hat Spotify 2024 ungefähr zehn Milliarden Dollar ausgeschüttet, was derzeit umgerechnet 8,8 Milliarden Euro entsprechen würde.
Es gibt auch viel Kritik
Immer wieder jedoch wird dem Dienst auch vorgeworfen, viel zu wenig Geld an Künstlerinnen und Künstler auszuschütten und es ihnen schwer zu machen, von ihrer Kunst zu leben. Im »Zeitmagazin« gab die Popkünstlerin Balbina kürzlich zu Protokoll, 2024 über Spotify gerade einmal 343,36 Euro verdient zu haben. Ihren Angaben zufolge waren ihre Songs auf der Plattform im Jahresverlauf rund 116.400-mal gehört worden.
Im Schnitt brachte ihr jeder Stream also knapp 0,3 Cent ein – eine Größenordnung, die sich mit anderen Quellen zum deutschen Markt deckt. Feste Auszahlraten pro Abruf hat Spotify aber ausdrücklich nicht, der Dienst setzt auf ein sogenanntes Pro-Rata-Modell.
Vereinfacht dargestellt werden dabei rund zwei Drittel des Geldes, das Spotify in einem Monat durch Abo- und Werbeeinnahmen einnimmt, über eine Art Pool für Lizenzzahlungen wieder ausgeschüttet. Für jeden regionalen Markt wird dabei der Prozentsatz errechnet, den der Katalog beispielsweise eines Labels in Relation zur Gesamtzahl aller Streams dieses Monats ausmacht. Das Label hat dann Anspruch auf diesen Prozentsatz des Royalty-Pools.
357.000 Songs sammelten weltweit jeweils mehr als eine Million Wiedergaben
Es kommen aber noch verschiedene Faktoren hinzu, durch die Auszahlungen stark variieren können. So macht es etwa einen Unterschied, ob die eigene Musik primär von Premiumkunden oder Usern der kostenlosen Spotify-Version angehört wurde und aus welchem Land oder welcher Region der Welt die Streams kamen. Große Labels dürften mitunter auch spezielle Vereinbarungen mit Spotify haben, losgelöst von Tools wie dem sogenannten Discovery Mode. Dieses direkte Angebot der Plattform wiederum bietet Labels die Option, bei bestimmten Songs auf einen Teil der Lizenzgebühren zu verzichten – für die Gegenleistung, dass jene Songs mit höherer Wahrscheinlichkeit zum Beispiel in »Mixtapes« oder in Spotifys Autoplay- und Radiofunktionen auftauchen.
Spotifys Ausschüttungssystem ist somit schwer durchschaubar. Bei der Einordnung jedoch, ob Balbinas 116.400 Streams verglichen mit anderen Künstlern eher viel oder eher wenig sind, helfen die Loud-and-Clear-Daten, die Spotify über die vergangenen Wochen hinweg häppchenweise veröffentlicht hat, durchaus. So heißt es im Begleittext zu den Daten unter anderem, dass allein im Jahr 2024 weltweit mehr als 357.000 Songs mehr als eine Million Mal gestreamt wurden. Zudem wurde die Musik europäischer Interpreten der Plattform zufolge allein von der europäischen Hörerschaft mehr als 351 Milliarden Mal gestreamt.
Das lässt erahnen, wie hoch der Konkurrenzdruck auf Spotify ist, wo prinzipiell jeder Song direkt mit jedem anderen um Aufmerksamkeit, Abrufe und damit auch Ausschüttungen konkurriert. Da kann sich der Upload eines eilig zusammengeklöppelten, zweiminütigen TikTok-Technosongs, der gut in Dauerschleife gehört werden kann, mehr lohnen als eine aufwendige Orchesterproduktion mit etlichen Beteiligten. Was künstlerisch das wertvollere Produkt ist, ist dabei natürlich Geschmackssache.
10.000 »generierte« Euro? Die landen nicht unbedingt beim Künstler
Wichtig zu wissen ist außerdem, dass die von Spotify genannten Summen in vielen Fällen nur anteilig beim Künstler oder der Künstlerin ankommen, auf der Basis individueller, von Spotify unabhängiger Vereinbarungen. Denn die Lizenzzahlungen des Unternehmens gehen üblicherweise nicht direkt an die Personen, die nach außen für die Songs stehen, sondern an die sogenannten Rechteinhaber, oftmals sind das Labels und Distributoren.
Wenn Spotify also angibt, eine bestimmte Anzahl Künstler habe Einnahmen in einer bestimmten Höhe »generiert«, wie es die Plattform formuliert, heißt das in der Regel nicht, dass dies direkte Einnahmen der Künstler sind.
Zugleich verdienen die meisten Musiker nicht nur über Spotify Geld, sondern auch über Konkurrenzangebote wie Apple Music, Amazon Music oder YouTube und YouTube Music. Dazu kommen oft noch Liveauftritte, klassische Tonträgerverkäufe, Fanartikel oder auch Gema-Ausschüttungen.
Wenn es um Plattformen wie Spotify, Twitch, YouTube oder TikTok geht, hört man oft davon, wie viel ohnehin stark in der Öffentlichkeit stehende Künstler und Creator verdienen. Für künftige Artikel interessiert uns beim SPIEGEL aber auch, was Personen verdienen, deren Arbeit weniger im Rampenlicht steht: Produzenten von Baby-Einschlafmusik zum Beispiel oder die Menschen, die gesichtslos hunderttausendfach angeklickte Tutorial- oder Spielzeug-Unboxing-Videos ins Netz stellen.
Falls Sie sich bei diesem Thema angesprochen fühlen und prinzipiell an einem Austausch mit dem SPIEGEL über Ihre Einnahmen interessiert wären, schicken Sie Netzwelt-Redakteur Markus Böhm (markus.boehm@spiegel.de) gern eine E-Mail mit dem Betreff »Streaming-Einnahmen«. Etwaige Einsendungen dienen uns zunächst nur als Rechercheansätze, sie werden nicht veröffentlicht.
Reich und vor allem reicher werden kann man prinzipiell aber auch nur über Spotify, das selbst 2024 zum ersten Mal in seiner Firmengeschichte durchgehend schwarze Zahlen schrieb. So haben laut den Angaben der Plattform vergangenes Jahr weltweit zumindest rund 1500 Künstlerinnen und Künstler Ausschüttungen in Höhe von mehr als einer Million Dollar generiert – diese Kategorie umfasst logischerweise auch Weltstars wie Taylor Swift.
Freundlicherweise verrät Spotify in seiner Loud-and-Clear-Übersicht aber auch, wie populär man auf der Plattform ungefähr sein muss, um die Marke von einer Million Dollar zu knacken. Um sich ihr zu nähern, benötige man rund vier bis fünf Millionen monatliche Hörerinnen und Hörer, skizziert Spotify, oder alternativ rund 20 bis 25 Millionen Streams. Nicht pro Jahr wohlgemerkt, sondern pro Monat.