Smartphone Edge 70 im Test Motorolas superflache Werbefläche
Motorola Edge 70: Fast so flach wie ein iPhone Air – und fast halb so teuer
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELWenn es um Millimeter geht, hat Apple gewonnen. Mit 5,64 Millimetern (mm) ist das iPhone Air (hier unser Testbericht) dünner als das neue Motorola Edge 70 (5,99 mm). Aber in vielen allen anderen Kategorien schlägt die Motorola-Flunder Apples dünnstes iPhone, jedenfalls auf dem Datenblatt. Ob es das auch im Alltag schafft, haben wir getestet. Um zu erkennen, dass das Edge 70 in mindestens einer Rubrik weit vor dem Apple-Handy liegt, genügt allerdings ein Blick in die Preisliste: Während Apple für ein iPhone Air, mit 512 GB Speicher 1449 Euro verlangt, steht das Edge bei Motorola mit 799 Euro im Katalog.
Für beinahe das halbe Geld bekommt man bei Motorola zudem doppelt so viele Kameras wie beim iPhone, also zwei. Beide sind mit 50-Megapixel-Sensoren bestückt, eine hat ein Weitwinkel-, die andere ein Ultraweitwinkelobjektiv, das man auch in einen Makromodus umschalten kann.
iPhone Air und Edge 70: Sehr dünn und sehr unterschiedlich
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELFotoqualität: mal so, mal so
Auffällig: Motorolas Foto-App lässt im Fotomodus zwischen Makromodus, 0,5-facher, 1-facher und 2-facher Vergrößerung umschalten. Im Porträtmodus bietet sie stattdessen Kleinbildäquivalente an, 24 mm, 35 mm und 50 mm. Konsistent ist das nicht.
Bei vielen unserer Testaufnahmen wirken die Farben trotz des Hamburger Herbstwetters übertrieben kräftig, in Einzelfällen aber auch zu blass (siehe Testfotos).
Motorola Edge 70 - Testfotos
Am besten gelingen Weitwinkelaufnahmen, die ordentlich scharf und kontrastreich daherkommen. Nutzt man den synthetischen Zweifach-Zoom, treten allerdings Unschärfeeffekte auf. Ultraweitwinkelaufnahmen zeigen dagegen deutliche Verzerrungen in den Randbereichen. Makrofotos, also extreme Nahaufnahmen, können dagegen gut gelingen, wenn man sein Motiv in den für solche Fotos typischen engen Fokusbereich bekommt. Mit Stillleben gelingt das naturgemäß leichter als mit bewegten oder gar belebten Motiven.
Unterm Strich kann man den Kameras attestieren, dass sie für den Alltagsgebrauch brauchbar sind, aber niemanden zum Hobbyfotografen machen werden. Das ist nicht begeisternd, aber bei diesem Preis noch vertretbar.
Der Kamerabuckel: Zwei Kameras, ein Sensor und eine LED-Leuchte
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELDer Akku kann was
Begeisternd ist dagegen schon eher die Akkulaufzeit. Motorola wirbt mit »bis zu 29 Stunden ununterbrochener Videowiedergabe« und »bis zu 66 Stunden Musikwiedergabe«. In meinem Alltag hielt das schlanke Motorola bei maßvoller Nutzung recht mühelos zwei Tage lang durch, bevor es an die Steckdose musste. Selbst wenn ich es als mein einziges Smartphone nutzen würde, käme ich damit locker über einen vollen Arbeitstag. Daran scheitern sonst auch manche dickeren Handys.
Seitenansicht: Der Farbton Bronze-Grün ist schon schick
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELVerglichen mit dem iPhone Air ist das eine stattliche Leistung. Möglich wird die in erster Linie durch den Akku. Mit einer Kapazität von 4800 Milliamperestunden (mAh) ist er für ein solch dünnes Handy ausgesprochen leistungsstark. Apple bringt es beim iPhone Air nur auf 3149 mAh. Möglich wird das, weil Motorola einen Akku auf Basis der modernen Silizium-Kohlenstoff-Technologie verwendet, die mehr Energie speichern kann als die sonst üblichen Lithium-Ionen-Akkus.
Kabellos nach alter Art
Zum Aufladen kann man das Edge 70 via Kabel mit bis zu 68 Watt betanken. Laut Hersteller sollen unter optimalen Bedingungen 15 Minuten Ladezeit ausreichen, um Energie für bis zu zwölf Stunden Laufzeit zu tanken. Das gilt jedoch nur, wenn der Akku sehr weit entladen ist und man das Gerät im Anschluss nur maßvoll nutzt. Kabellos lassen sich bis zu 15 Watt in den Akku pumpen.
Die moderne Qi2-Technik steckt aber noch nicht unter dem Deckel. Um das Edge magnetisch an einer Qi2-Ladestation haften zu lassen, muss man ihm die mitgelieferte transparente Schutzhülle mit eingebautem Magnetkranz überstreifen. Das klappt dann prima, weil die Induktionsschleifen von Ladegerät und Handy optimal übereinanderliegen. Leider verursacht die Hülle aber Schliereneffekte, die den Look der Rückseite verändern.
Motorola-Überzieher: Macht das Edge 70 magnetisch haftbar
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELGenau das möchte man aber verhindern, denn Motorola arbeitet beim Edge 70, wie seit Jahren bei anderen Modellen, mit Pantone zusammen, um passende und neue Farben zu entwickeln. Den wunderbaren »Bronze-Grün« genannten Farbton des Testgeräts würde ich nur ungern mit einer Hülle verdecken, auch wenn sie transparent ist. Außerdem: Warum sollte man sich ein superdünnes Handy kaufen, wenn man ihm dann eine dicke Hülle überstreift?
Edge 70 ohne und mit Hülle: Der Gummiüberzug verursacht Schlieren
Das hält dicht
Zumal es nicht den Anschein hat, als brauche das Edge 70 zusätzlichen Schutz. Laut Motorola ist es nach den Schutzklassen IP68 und IP69 gegen Wasser und Staub geschützt. Das bedeutet, dass es nicht nur zeitweiliges Untertauchen aushält, sondern auch einem kräftigen Wasserstrahl vom Gartenschlauch oder Hochdruckreiniger standhalten sollte. Die texturierte Kunststoffrückseite dürfte ohnehin kein Problem mit rauer Behandlung haben.
Kein Grund zum Protzen ist allerdings der Chip. Motorola baut hier den Snapdragon 7 Gen 4 ein, den Chiphersteller Qualcomm ausdrücklich als Mittelklassemodell positioniert. Im Alltag der meisten Nutzerinnen und Nutzer dürfte das freilich keinen Unterschied zu High-End-Chips ergeben. Für alle Alltagsaufgaben und die meisten Spiele ist auch dieser Chip schnell genug.
Achtung! Werbung!
Über viele Jahre hatten Motorola-Smartphones auch deshalb einen guten Ruf, weil sie mit einem weitgehend unveränderten Android-System ausgeliefert wurden. Das hatte historische Gründe, von 2012 bis 2014 gehörte Motorolas Handysparte zu Google. Viele andere Hersteller ziehen Googles Betriebssystem eigene Oberflächen über, das etwa bei Samsung One UI heißt und bei Xiaomi HyperOS.
Vorinstallierte Apps: Reichlich sogenannte Bloatware
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELIn weiten Teilen wurde auch das Android 16 des Edge 70 unverändert von Google übernommen. Allerdings strotzt das Gerät nach der Installation nur so vor vorinstallierten Apps und Spielen, der sogenannten Bloatware. Dazu zählen einerseits Motorola-Apps, wie etwa eine Spiele-App, die werbefinanzierte Minispiele bereitstellt. Daneben gibt es einige redundante Apps wie »Smart Connect«, die wohl Google Home Konkurrenz machen soll. Auch Microsofts Copilot wird installiert, die Temu-App, die des Otto-Versands sowie Spiele wie »Candy Crush Saga«. Mehr als ein Dutzend solcher Beigaben ploppen in der App-Übersicht auf. Besonders lästig ist die 1Weather-App, die teilweise zwei animierte Werbeeinspielungen gleichzeitig in ihre Prognosen einbindet.
Die Wetter-App: Eher eine Werbe-App
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELNoch schlimmer ist freilich der sogenannte Live-Bildschirm, der einem während der Installation als nettes Extra für den Sperrbildschirm angeboten wird. Hat man diese Funktion leichtgläubig aktiviert, werden in lockerer Folge Inhalte von Partnerportalen eingeblendet, die mit passenden Bildern unterlegt zum Klick und damit zu Besuch besagter Portale locken sollen. Das reicht von »Wie klug ist meine Katze? Geometrie-Test« über »Bargeld: Neue Pflicht: Das dürfen Bürgergeld-Empfänger ab Januar nicht mehr« bis »Diese WhatsApp-Regel dürft Ihr niemals brechen«.
Live-Sperrbildschirm: Ständige Klickhinweise
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELDas einzig Positive dabei: In den Einstellungen kann man das Link-Gewitter unter Start- und Sperrbildschirm / Sperrbildschirm / Live-Sperrbildschirm abschalten.
Fazit
Auch wenn die Kameras nicht die Krone der Schöpfung sind: Das Edge 70 ist ein gelungener neuer Ansatz zum Thema superdünne Smartphones. Hinsichtlich der Materialauswahl und des Prozessors ist es pragmatischer als die High-End-Varianten von Samsung und Apple. Dafür trumpft es mit einem modernen Silizium-Kohlenstoff-Akku auf, der seine Vorzüge in Form von Akkulaufzeit deutlich ausspielt.
👍 Sehr dünn 👍 Gute Ausdauer 👍 Robust | 👎 Mittelmäßige Kameras 👎 Bloatware 👎 Werbung in Apps, Games und auf Sperrbildschirm |
Doch so attraktiv der Preis auch ist, durch die vielen aufgedrängten Apps und Werbeeinblendungen kann einem das gute Gefühl ganz schön vermiest werden. Natürlich kann man die Apps deinstallieren, den Live-Sperrbildschirm abschalten und eine andere Wetter-App benutzen. Aber bis man so weit ist, hat man womöglich schon reichlich Ärger in sich hineingefressen.
Vielleicht ist es dann ja beruhigend, ein wenig an der Schachtel des Motorola Edge 70 zu schnüffeln. Denn der entströmt – kein Scherz – laut Datenblatt ein »unverwechselbarer Verpackungsduft«.