und dann steht da auf einmal Keanu Reeves. Sekunden zuvor noch als Computerfigur im neuen Trailer zu "Cyberpunk 2077" aufgetaucht, grüßt der "Matrix"-Star jetzt leibhaftig von der Xbox-Bühne. Besucher springen aus ihren Sitzen, reißen ihr Smartphone nach oben. Schon ist vergessen, dass das gerade gezeigte Video zum Spiel nicht gerade vor Originalität strotzte.
Ein viel bejubelter Auftritt: Schauspieler Keanu Reeves beim Xbox-Event
Foto: Etienne Laurent/EPA-EFE/REXAls Reeves mit dem Begriff "atemberaubend" vom Scifi-Titel schwärmt, ruft ihm jemand zu , er selbst sei "atemberaubend". Und Reeves antwortet: "Du bist atemberaubend! Ihr seid alle atemberaubend!".
Dieser Moment, niedlich und irgendwie cool zugleich, wird wohl für die E3 2019 stehen, sollte Nintendo in seinem noch ausstehenden Videostream keine Wunder mehr vollbringen. Ein solches Meme-Potenzial wie Reeves' Auftritt hat höchstens noch eine Podiumsdiskussion am Donnerstag, auf der Elon Musk mit Bethesda-Chefentwickler Todd Howard ("The Elder Scrolls") über "Videospiele, Autos, Weltraum und alles dazwischen" sprechen wird.
Dass ein Hollywoodstar mehr Eindruck hinterlässt als praktisch alle großen Games-, Service- und Hardware-Ankündigungen, zeigt, dass sich die Branche in einem Übergangsjahr befindet. Es geht in Richtung neuer Technologien und Spieleplattformen, aber wirklich große Enthüllungen lassen gerade auf sich warten. Für Begeisterung bei den Spielern sorgte am ehesten noch die Detailvorstellung des "Final Fantasy 7 Remake" auf dem Event von Square Enix: Im Theater vor Ort und im Netz wurde jede Szene dieser Präsentation bejubelt. Das Spiel selbst ist vor vier Jahren auf der E3 angekündigt worden, es interpretiert einen 22 Jahre alten Klassiker neu.
Games-Neuheiten: Die spannendsten Spiele der E3 2019
Während Sony der Messe in Los Angeles diesmal ganz fernbleibt, machte Microsoft am Sonntag zumindest Andeutungen, wo es Ende 2020 mit der Xbox hingeht. Die Vorstellung des Projektes "Scarlett" entpuppte sich aber als Ansammlung von Marketingschlagwörtern. Wirklich Konkretes gab es nicht zu hören oder sehen.
Ähnlich wirkten viele Games-Neuankündigungen. Von Ausnahmen wie "Watch Dogs Legion" abgesehen, bekamen die Fans statt Gameplay-Eindrücken oft wenig aussagekräftige Cinematic-Trailer vorgesetzt. Bei "Marvel's Avengers" etwa war vielen Fans nach dessen Enthüllungsvideo nicht einmal klar, um was für eine Art Spiel es sich handelt. Dafür holten sich die Macher billigen Applaus, indem sie betonten, beim Onlinemodus auf Lootboxen und "Pay-2-Win"-Elemente zu verzichten - heutzutage ist es offenbar schon ehrenwert, wenn man Spielefans zumindest nicht auf diese umstrittenen Arten an den Geldbeutel will.
Und klar, dass George R. R. Martin ("Das Lied von Eis und Feuer") mit From Software ("Dark Souls") ein Fantasyspiel namens "Elden Ring" entwickelt, ist spannend. Nur: Hätte man nicht einen Tick mehr preisgeben können als im Wesentlichen die Existenz des Spiels?
Irgendwas mit Fantasy: Szene aus dem "Elden-Ring"-Trailer
Foto: Bandai NamcoDie Frage, wie man in Zukunft spielt, scheint dieses Jahr ähnlich präsent wie die Frage was. Fast jede größere Firma will offenbar im Bereich Spielestreaming und Games-Flatrates mitmischen. Auch dabei werden erstmal mehr Visionen als konkrete Produkten vermarktet. Denn bis es wirklich Alltag ist, Blockbusterspiele aus der Cloud auch aufs Handy zu streamen, wird wohl noch Zeit vergehen, Projekten wie Googles Stadia oder Microsofts xCloud zum Trotz (in Deutschland angesichts des Netzausbaus erst recht).
Spiele-Flatrates wie Microsofts Xbox Game Pass, den es jetzt auch für PC gibt, oder Ubisofts neues Paket Uplay+ werfen da weniger Fragezeichen auf. Doch auch hier gilt: So ein Abo behält nur, wer glaubt, dass es sich auch in Zukunft lohnt. Und dafür braucht es vor allem eines: die Aussicht auf Nachschub an spannenden neuen Games. Auf Games, die nicht nur in Hochglanzvideos für die E3 atemberaubend wirken.
Seltsame Digitalwelt: Das traurigste Handy der Welt
eine Anekdote von Sonja Peteranderl
Vor kurzem hatte ich mein Handy verlegt und suchte im ganzen Redaktionsgebäude danach - am Schreibtisch, in der Cafeteria, im Fitnessstudio. Dann fragte ich am Empfang. "Ist es das, das von einem Lastwagen überfahren wurde?", fragte der Mitarbeiter. Seine Kollegen und er erzählten, sie hätte sich gerade erst über das dort abgegebene Smartphone lustig gemacht.
Zugegeben: Es sieht aus wie nach einem Einsatz im Kriegsgebiet. Es hat ein völlig zersplittertes Display mit Quasi-Einschusslöchern - und ein paar Glassplitter finde ich ab und zu in meinem Finger. Selbst Selfies haben automatisch einen Art Filter, weil die Kamera angeschlagen ist.
Ich kann mich mittlerweile nicht mal mehr erinnern, wie oft es heruntergefallen ist. Irgendwann ist das auch egal, weil gefühlt nicht mehr viel kaputt gehen kann. Um Schönheit geht es hier längst nicht mehr. Und immerhin: Niemand will mir mein Handy klauen. "Es ist das traurigste Handy, das ich je gesehen habe", rief der Empfangsmitarbeiter mir noch hinterher. Aber egal, Hauptsache es ist wieder da.
App der Woche: "Audm"
getestet von Tobias Kirchner
Sie mögen Audioformate wie Podcasts und hören sich gern journalistische Inhalte auf Englisch an? Dann ist Audm etwas für Sie. In der App finden sich zahlreiche Artikel aus englischsprachigen Magazinen, die von professionellen Sprechern eingesprochen wurden. Die meisten Texte stammen aus Zeitschriften wie "The New Yorker", "The Atlantic", "Wired", "Esquire" und "Rolling Stone". Audm ist nach einem Testzeitraum kostenpflichtig. Dafür bietet die App einige Komfortfunktionen wie einen Offlinemodus.
Kostenlose Testversion, monatliche Kosten von 7,49 Euro: iOS , Android
Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien (Games-Edition)
- "Unsere schönsten und schlimmsten E3-Erinnerungen " (Podcast, 79 Minuten)
Für mich ist die diesjährige E3 die fünfte vor Ort - einige Kollegen können da viel weiter zurückblicken. In dieser Podcast-Folge des Spielemagazins "Gamestar" erinnern sich mit Petra Schmitz, Markus Schwerdtel und Michael Graf drei Messeveteranen an ihre Los-Angeles-Trips. - "Der seltsame Fall des Wilhelm Franke " (vier Leseminuten)
Electronic Arts gab kürzlich bekannt, dass ein General im Shooter "Battlefield 5" umbenannt wird. Dominik Schott hatte zuvor auf "ArchaeoGames" dokumentiert, dass der ursprüngliche Name der Figur "Wilhelm Franke" für einen Nazi-Kämpfer äußerst unpassend war. Genau so hieß nämlich ein stadtbekannter Dresdner Antifaschist.
- "Banned Fortnite Streamer Admits He's 12 " (Englisch, drei Leseminuten)
Davon, professionell "Fortnite" zu spielen oder als Streamer des Spiels reich zu werden, träumen viele Fans. Doch es gibt Regeln, was das Mindestalter für solche Karrieren angeht, wie "Kotaku" anhand des Falls von "H1ghSky1" aufzeigt. Weil er noch nicht 13 ist, flog "H1ghSky1" von Twitch - jetzt filmt er sich für YouTube.
Ich wünsche Ihnen eine verspielte Woche,
Markus Böhm