Angespielt: "Watch Dogs: Bad Blood"
"Watch Dogs - Bad Blood!" Der Rastamann macht vieles besser
Die Momente, die alles ändern, finden irgendwann in der zweiten Hälfte statt. Ein Stockwerk voller Schaufensterpuppen, die in verstörenden Posen aufgebaut sind, ein Denkmal des Todes. Ein Bruch mit den üblichen Missionen des Spiels.
Solche verstörenden Momente zeigen, dass in der Welt von "Watch Dogs" Überraschungen möglich sind. Dass das Spiel mehr sein kann als eine hüftsteife Dystopie mit guten, aber nicht ausformulierten Ideen. "Bad Blood!" ist eine wichtige Erweiterung für "Watch Dogs", die nicht nur das Gameplay strafft, sondern sich auch an einer Erzählung versucht, die der Spielwelt würdig ist. Anders als das Hauptspiel.
"Watch Dogs" wurde allein in den ersten beiden Verkaufsmonaten mehr als acht Millionen Mal verkauft, hat also für eine neue Marke erstaunliche Rekorde aufgestellt. Überzeugend ist das Spiel nur in Teilen, was vor allem an dem Protagonisten Aiden Pearce liegt.
Dieser ist eine eindimensional unsympathische Rächergestalt ohne Witz und Charme. Sein Feldzug gegen eine Geheimorganisation war wenig überzeugend, seine Auftritte sind nervtötend, sein Frauenbild mit wäre rückwärtsgewandt schonend umschrieben. Viele Nebenfiguren, von der an Stieg Larssons Lisbeth Salander angelehnten Hackerin Clare Lille bis zum Dreadlocks tragenden T-Bone Grady, sind glaubwürdiger und angenehmer als der Protagonist. Weshalb "Bad Blood!" schon dadurch Punkte sammeln kann, dass es Pearce ausmustert und T-Bone Grady an dessen Stelle setzt.
Die Grundprinzipien Hacken, Schießen, Fahren
Der sieht nicht nur anders aus, sondern fühlt sich auch anders an. Agiler wirkt er, nicht so steif wie Aiden Pearce. Wodurch auch das Gameplay flüssiger, dynamischer wirkt. Das basiert weiter auf den Grundprinzipien Hacken, Schießen, Fahren. Gerade das Hacken von Kameras und Computernetzwerken macht Spaß und bietet unkonventionelle Lösungen. Wer Gegner durch klingelnde Telefone und Druckergeräusche ablenken, Verfolger durch verrücktspielende Ampeln abhängen kann, hat viel gewonnen.
Straffer ist auch die Geschichte des Add-ons, für die man einige Stunden braucht. T-Bone ist nicht der Rächer, sondern von einem solchen verfolgt. Sind die Schauplätze anfangs recht konventionell und nicht selten aus dem Hauptspiel übernommen, so werden sie immer bizarrer, bis zum Showdown, der in einer Mischung aus Großraumdisko und Rummelplatz stattfindet. Immer wieder fragt man sich, warum Ubisoft nicht gleich auf T-Bone als Protagonisten gesetzt hat. Warum es ausgerechnet Aiden Pearce sein musste.
Aber vielleicht war dieser der Grund dafür, dass "Watch Dogs" auch auf der Metaebene funktioniert. Weil Pearce tatsächlich nicht der Mensch ist, den man an seine Daten heranlassen möchte. Die gezeigten Hacks, die Möglichkeiten, auf Netzwerke, Kameras oder auch Telefone zuzugreifen, sind einfach keine Science Fiction mehr, sondern nahe an der Realität. Überwachungsstaat, Hacker-Untergrund und die Digitalisierung des Lebens sind Themen, die im Spiel immer wieder thematisiert werden. Und über die man immer wieder kurz nachdenkt. Auch weil sich "Watch Dogs" die Mühe macht, zu jedem Menschen mit Handy, dem man begegnet, eine kleine Charakterisierung zu geben.
Spieler können entscheiden, ob sie lieber das Konto der alleinstehenden Mutter oder des drogensüchtigen Millionärs hacken. Oder sich fragen, ob das Fragen sind, die sie tatsächlich entscheiden sollten. Ob es ihnen ansteht, anhand einer kurzen Liste von Attributen über eine Person zu richten.
In "Bad Blood!" verliert man die dystopischen Ansätze leichter aus den Augen. Was dem Spiel gut tut, weil es eine gute Richtung für "Watch Dogs" aufzeigt, auch wenn es noch immer nicht das erhoffte Spielerlebnis ist.
Man kann nur hoffen, dass ein weiterer Teil der Reihe das Versprechen von "Bad Blood!" einlöst. Er nicht nur eine gute Spielwelt schafft, sondern auch eine überzeugende Geschichte.
"Watch Dogs: Bad Blood!" von Ubisoft, Add-On für "Watch Dogs" (Hauptspiel benötigt), Einzeldownload 14,99 Euro, Season-Pass 19,95 Euro