Nicolas Benz, Staatsanwalt in Hamburg:
»Es geht vor allem darum, wer hat und wer teilt die extremsten Inhalte.«
Kash Patel, FBI-Direktor:
»We’re going after the new form of what I refer to as modern-day terrorism in America: 764-Crimes.«
Übersetzung: »Wir gehen gegen das vor, was ich als ›modernen Terrorismus in Amerika‹ bezeichne: 764-Kriminalität.«
764. Hinter diesem Code verbirgt sich eine Onlineszene von meist jungen Tätern. Täter, die gezielt psychisch labile Jugendliche suchen, um sie zu manipulieren und zu schlimmsten Taten zu treiben – gegen sich und andere. Das passiert live in Chats und Videocalls auf Plattformen wie Discord. Der wohl bekannteste aus dieser Szene nennt sich »White Tiger«. Dahinter steckt mutmaßlich ein junger Mann aus Hamburg: Shahriar J.
In unserer investigativen Podcastserie Menschenjagd rekonstruieren wir einen Fall, in dem Shahriar J. einen 13-jährigen Jungen zum Suizid gedrängt haben soll. Deshalb steht er gerade vor Gericht. Ihm wird in diesem Fall ein Mord vorgeworfen. Außerdem soll er als »White Tiger« mehr als 200 weitere Taten begangen haben, darunter 5 versuchte Morde – das alles übers Netz. Seine Anwältin hält die Mordvorwürfe für nicht haltbar. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Der SPIEGEL recherchiert seit rund 3 Jahren zur Szene rund um »764«. Die Taten folgen dabei keiner konkreten politischen Ideologie. Es ist eine Form des extremen Menschenhass. Und »White Tiger« ist nur ein mutmaßlicher Täter.
Wir haben bei der Recherche rund Todesfälle entdeckt, von denen anfangs wohl nicht mal die Polizei weiß, dass sie mit »764« zu tun haben. Und wir haben eine junge Frau gefunden, die selbst in »764«-Chatgruppen aktiv war. Sie hat uns erklärt, warum die Gewalt immer weiter eskaliert.
»FMLK«, 764-Aussteigerin:
»The game is who does worse than the other person. i didn't care about someone else's being. I didn't value other people's lives.«
Übersetzung: »Das ›Spiel‹ besteht daraus, schlimmer zu sein als die anderen. Mir war das Leben anderer Menschen egal. Ich habe das Leben anderer Menschen nicht geschätzt.«
In der Szene nannte sie sich »FMLK«, das ist eine Abkürzung für den rassistischen Spruch »Fuck Martin Luther King«, damit wollte sie damals in den Chats provozieren. Heute ist sie 19, studiert in Osteuropa und ist mittlerweile ausgestiegen. Deswegen ist sie bereit, anonym über ihren Weg in die Szene zu sprechen. Alles beginnt damit, dass sie sich als Teenager einsam fühlt.
»FMLK«, 764-Aussteigerin:
»You get involved because you're bored, because you're a social recluse, you don't have any friends in real life, you don't really talk to many people, right? So you start to go online in search for the type of groups where you can feel at home, because you don't feel at home in your actual world. It's like an escape.«
Übersetzung: »Man macht mit, weil man gelangweilt ist. Weil man ein sozialer Außenseiter ist, der im echten Leben keine Freunde hat und nicht wirklich mit vielen Leuten redet, oder? Man fängt also an, im Internet nach Gruppen zu suchen, in denen man sich zu Hause fühlen kann, weil man sich in der realen Welt nicht zu Hause fühlt. Es ist wie eine Flucht.«
Das passiert damals mitten in der Coronazeit: Während der Schulstunden auf Zoom öffnet sie einen zweiten Tab. Sie taucht ab und ist vor allem auf Discord unterwegs. Da entdeckt sie zuerst sogenannte »Gore«-Inhalte. Das sind grausame Gewaltvideos und Bilder. Zum Beispiel von Unfällen oder Tiertötungen.
»FMLK«, 764-Aussteigerin:
»Titles like ›please don't watch this‹. It would have like the opposite effect on you. You would click on it, and you would watch it. Because it told you not to. It's like if you see a car crash, but you can't really look away from it.«
Übersetzung: Überschriften wie ›Bitte nicht anschauen‹ haben genau den gegenteiligen Effekt. Man klickt drauf und schaut es sich an. Gerade, weil einem gesagt wird, dass man es nicht tun soll. Es ist, als würde man einen Autounfall sehen und einfach nicht wegschauen können.«
Auf Discord stößt sie auch einen Server namens »764«. Eine Community, in der man Anerkennung dadurch bekommt, dass man möglichst grausam ist.
Falk Schnabel, Hamburger Polizeipräsident:
»Dieses Strafverfahren zeigt uns Abgründe fast unvorstellbarer, sexuell motivierter Gewalt auf, die nur schwer auszuhalten sind.«
Jan Hieber, LKA Hamburg:
»Die Details dieses Falles waren auch für sehr erfahrene Ermittlerinnen und Ermittler schockierend.«
Discord hat in der Vergangenheit bestritten, zu wenig gegen das Phänomen »764« getan zu haben. Vertreter der Plattform haben betont, dass man entschieden gegen schädliche Inhalte vorgehe und Maßnahmen ergreife, Nutzer zu finden und zu entfernen, die solche Inhalte erstellen.
Aufnahmen, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen ein Muster in den »764«-Chats: In den Gruppencalls hat in der Regel nur das Opfer seine Kamera an. Die Täter kommentieren, lachen und geben Anweisungen.
O-Töne im Voice-Call:
»Show your arms«.
»I don’t trust you, fucking lying bitch«.
»And big shoutout to FMLK«
Übersetzung:
»Zeig deine Arme.«
»Ich vertraue dir nicht, du verlogenene Schlampe.«
»Und ein großes Dankeschön an ›FMLK‹.«
So zwingen sie sogar Kinder dazu, sich zu verletzen oder sexuelle Handlungen an sich selbst durchzuführen.
Dazu gehören auch sogenannte »Cutsigns«: Dabei werden die Opfer dazu gezwungen, die Namen der Täter sichtbar auf der Haut zu hinterlassen. Fotos davon gelten in der Szene als Trophäen.
So ein Foto fordert »White Tiger« auch von »FMLK«. Sie hat ihn in den »764«-Gruppen kennengelernt. Und berichtet von einem privaten Chat mit ihm. Der Nachrichtenverlauf der beiden liegt dem SPIEGEL vor: Er enthält massive Grenzüberschreitungen: Von misogynen Vorstellungen bis hin zu Vergewaltigungsfantasien. Trotzdem bricht »FMLK« damals den Kontakt nicht ab. Sie bleibt in den »764«-Chatgruppen. Heute erklärt sie das so:
»FMLK«, 764-Aussteigerin:
»Sometimes the only thing that you want to be is noticed.«
Übersetzung: »Manchmal möchte man einfach nur wahrgenommen werden.«
Die Opfer bekommen Anerkennung vorgetäuscht – das gehört zur Taktik vieler Täter in den »764«-Gruppen. Im nächsten Schritt spielen sie oft eine Liebesbeziehung vor, manchmal lassen sie sich Nacktbilder schicken, um die Opfer dann damit zu erpressen. Täter wie mutmaßlich »White Tiger« scheinen dabei keine Grenzen zu kennen.
Die Hamburger Staatsanwaltschaft glaubt, dass Shahriar J. unter anderem für den Suizid von Jay Taylor verantwortlich ist – das ist ein 13-Jähriger aus der Nähe von Seattle. Shahriar J.s Anwältin hält die Mordvorwürfe für »nicht haltbar«.
Auch der Fall spielt in der Coronapandemie. Die Isolation tut Jay nicht gut. In Online-Foren sucht er nach Anschluss.
Colby Taylor, Vater von Jay:
»What drew Jay was the connection to other humans. And it was a portal into like-minded folks that Jay could interact with, like most notably the crocheting.«
Übersetzung: »Jay suchte immer den Kontakt zu anderen Menschen. Die Foren waren ein Zugang zu Gleichgesinnten, mit denen Jay in Kontakt treten konnte. Vor allem über das Häkeln.«
Jay Taylor, in einem Video:
»This is, what I’m crusheting right now. I’m pretty much almost done.«
Übersetzung: »Das häkele ich gerade. Ich bin fast fertig.«
Jay liebt Häkeln, filmt sich oft dabei. Im Netz tauscht sich Jay mit anderen Häkel-Fans aus. Aber er geht offenbar auch in Selbsthilfe-Foren für Menschen, die sich selbst verletzen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er dort ein Mädchen kennenlernt. Sie ist erst zwölf Jahre alt und sie soll selbst von White Tiger gequält worden sein.
In dem Forum sucht das Mädchen wohl gezielt nach potenziellen Opfern für die »764«-Szene. Und findet Jay.
Colby Taylor, Vater von Jay:
»Jay was comfortable communicating and sharing any mental health thoughts that he was having. And we... You know, thank goodness we had that connection with our child. We were working through Jay's mental health for almost two years. […] And then one night, within one hour and crack our defense potentially, these folks got access to Jay.«
Übersetzung: »Jay fühlte sich wohl dabei, über seine psychische Gesundheit zu sprechen, seine Gedanken mit uns zu teilen. Gott sei Dank hatten wir diese Verbindung zu unserem Kind. Wir haben fast zwei Jahre lang an Jays psychischer Gesundheit gearbeitet. Und dann, eines Nachts, innerhalb einer Stunde – und möglicherweise einem Riss in unserer Abwehr – haben diese Leute Zugang zu Jay bekommen.«
Gemeinsam mit »White Tiger« soll das Mädchen Jay so extrem manipuliert haben, dass er innerhalb von Stunden beschließt, sich das Leben zu nehmen. Vor laufender Kamera in einem Gruppencall auf Instagram.
Colby Taylor, Vater von Jay:
»The most painful of all this is to see Jay applying all the coping mechanisms that we had developed over 500, 600 days get wiped away over the span of a one hour conversation with someone online. That's a level beyond which I think is reasonable for us to have expected that an organized group that are looking for specific folks they think are vulnerable and that they can talk into taking their own lives.«
Übersetzung: »Das Schlimmste ist mitanzusehen, wie all die Bewältigungsstrategien, die wir über einen Zeitraum von 500 bis 600 Tagen entwickelt hatten, zunichtegemacht werden, innerhalb eines einstündigen Gesprächs mit jemandem online. Das geht weit über das hinaus, womit wir vernünftigerweise hätten rechnen können: Dass eine organisierte Gruppe gezielt nach Menschen sucht, die sie für verletzlich halten. Und die sie dazu überreden können, sich das Leben zu nehmen.«
Dem SPIEGEL sind noch fünf weitere Suizide bekannt, die wohl mit der Szene in Verbindung stehen. Und 764 ist nicht die einzige Gruppe dieser Art, inzwischen haben Behörden diese Szene auf dem Schirm.
Der Tod von Jay steht exemplarisch für hunderte Opfer weltweit, die in Chats zu schlimmsten Taten getrieben wurden. Es gibt weltweit mehr als 80 Festnahmen. Auch in Deutschland laufen bundesweit Ermittlungen.
»White Tiger« wird im Juni vergangenen Jahres festgenommen – dreieinhalb Jahre nach Jays Tod. Bei der anschließenden Pressekonferenz wird deutlich, wie ahnungslos die Behörden lange Zeit waren.
Jan Hieber, LKA-Chef:
»Wir haben uns mit der Gruppierung 764 erst einmal auseinandersetzen müssen, weil wir da vorher noch keine konkreten Berührungspunkte hatten.«
Die Gewalt eskaliert weiter – auch offline: Inzwischen gibt es Täter, die Messerattentate verüben und diese Taten live streamen. Immer wieder werden neue Chatgruppen gegründet. Auch »764« ist längst nicht gestoppt.
Was uns eine ehemalige Mitschülerin über Shahriar J. berichtet – und wie ein FBI-Agent die Hamburger Behörden überzeugen musste, überhaupt zu ermitteln. Das hört ihr in unserem investigativen Podcast »Menschenjagd«. Das ist eine fünfteilige Serie, in der wir tief in die »764«-Szene eintauchen und den Fall »White Tiger« rekonstruieren. Die ersten Folgen von »Menschenjagd« hört ihr ab sofort überall, wo es Podcasts gibt. Die ganze Serie findet ihr schon jetzt auf SPIEGEL.de.