Breitbandausbau und Funklöcher: Macht Sie das Netz in Deutschland auch so wütend? - DER SPIEGEL
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Judith Horchert

meinung •Abrechnung zum Jahresende Macht das Netz in Deutschland nur noch mich wütend?

Judith Horchert
Eine Meckerei von Judith Horchert
Funklöcher und Schmalspur-Internet gibt es in Deutschland schon so lange, dass sich kaum noch jemand darüber aufregt. In Teil drei unserer Serie von Netzwelt-Rants macht unsere Autorin ihrer Wut Luft.
Mobil oder stationär: Ohne Netz ist schlecht
Mobil oder stationär: Ohne Netz ist schlecht

Mobil oder stationär: Ohne Netz ist schlecht

Foto: ljubaphoto / E+ / Getty Images

Fürs nun anbrechende neue Jahr bin ich kurz davor, ein neues Symbol für unseren Ressortdienstplan einzuführen. Neben Symbolen für Abwesenheit oder Nachrichtenschichten bräuchten wir nämlich noch ein weiteres Zeichen, das besagt: Dieser Redakteur befindet sich im markierten Zeitraum im Zug zwischen Hamburg und Berlin, auf dem Weg von einem SPIEGEL-Büro ins andere. Das bedeutet nämlich, dass derjenige für diesen Zeitraum als offline gilt und selbst telefonisch nur sporadisch erreichbar ist.

»Ich könnte allenfalls meinen Text fertig schreiben«, bietet ein Berliner Kollege für solche Reisen von Funkloch zu Funkloch gern an. Oder er könne etwas lesen, sofern der Text nicht online aufgerufen werden müsse. Selbst wenn die Kollegen innerhalb Berlins unterwegs sind, bekomme ich Textnachrichten wie diese: »Ich bin noch in der U-Bahn, aber gleich bin ich da und habe wieder Netz.«

Wie kann es sein, dass man selbst in der Hauptstadt mancherorts kein Netz hat? Wie kann es sein, dass man an irgendeinem Ort in Deutschland kein zeitgemäß schnelles Internet hat?

Aufschub um Aufschub, Versprechen auf Versprechen

In unserer kleinen Serie schreiben wir zum Jahresende über Digitalthemen, die uns wütend gemacht haben. Bei mir ist das die Internetversorgung in Deutschland, mobil wie stationär. Allerdings hat mich das Thema nicht nur 2021 aufgeregt. Es nervt mich seit einer Dekade.

Mehr als elf Jahre ist es her, dass ich ein Praktikum beim SPIEGEL gemacht habe. Damals schlug ich den schleppenden Breitbandausbau als Thema vor, weil die Regierung schon damals ihre Versprechen nicht halten konnte. Nun arbeite ich seit fast zehn Jahren im Netzwelt-Ressort und bin das Thema immer noch nicht los: Es folgte Aufschub um Aufschub, Versprechen auf Versprechen – unser Kolumnist Sascha Lobo hat die Reihe der Verheißungen und Enttäuschungen hier einst skizziert. »Wirklich jedes einzelne Versprechen wurde hier gebrochen«, fasste auch Digitalexperte Markus Beckedahl kürzlich im SPIEGEL-Gespräch  das Thema Breitbandausbau in der Ära Merkel zusammen. Und immer wieder müssen wir vermelden, wie weit Deutschland beim Ausbau im Vergleich zu anderen Ländern hinten liegt – das letzte Mal übrigens am Dienstag.

Abrechnung zum Jahresende – so heißt die kleine Serie, in der die SPIEGEL-Netzwelt über das schreibt, was sie in diesem Jahr am meisten am Internet, an der Technik allgemein, am Job genervt hat.

Zuvor bereits erschienen ist:

Ich erzähle Ihnen also nichts Neues – ich frage mich bloß: Warum platzen Sie nicht vor Wut?

Ich beobachte lediglich die Erleichterung der Reisenden, wenn sie etwa am Berliner Hauptbahnhof aussteigen und endlich wieder ihr Handy benutzen können – offenbar aber nicht, um sofort erbost eine E-Mail an ihren Netzbetreiber, die Bahn, das zuständige Ministerium oder den SPIEGEL zu schicken. Ich sehe die Menschen auch nicht demonstrierend auf der Straße, sondern höre sie leise vor sich hin fluchen und hastig Gespräche abbrechen mit dem unironischen Hinweis, man sei gerade unterwegs und wisse nicht, wie lange die Verbindung halte. »Hallo? Jetzt bist du weg...«.

Nach so einem alltäglichen, aber doch inakzeptablen Vorfall wird womöglich kurz bitter über das Digitalversagen Deutschlands gescherzt. Das Wort »Neuland« könnte fallen. Zum Schluss weist vielleicht noch jemand darauf hin, dass das Internet in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nicht nur besonders schlecht ist, sondern auch noch besonders teuer. Das war's dann aber.

Irgendwie gilt es hierzulande dann doch noch als normal, dass es im Zug kein stabiles Netz gibt, während Bahnreisende in der Schweiz durch die dicksten Berge düsen und dabei auch im Tunnel problemlos surfen. Im kanadischen Wald oder am norwegischen Fjord kann man sich mit der Welt verbinden, hier reicht schon ein Ausflug ins Berliner Umland, um ohne Netz dazustehen und nicht mal den Mietwagen verriegeln zu können. Als wäre Brandenburg, ein Bundesland im Herzen Europas, so wahnsinnig abgelegen. Und selbst wenn: Internet muss in Deutschland als Grundversorgung gelten wie Strom und fließendes Wasser. Es sind schließlich auch nicht ganze Orte ohne Dusche, Licht oder Straße, bloß weil sie ländlich liegen.

Wir brauchen: Fiber to the milk can

Beim Internet wird eine Unterversorgung allerdings oft stoisch hingenommen, sei sie nun durch den schleppenden Netzausbau entstanden oder durch veraltete Technik, Unwissen, Unwillen oder einen undurchdringbaren Vertragsdschungel. In manchen Ferienhäusern gilt eine schnelle Internetverbindung noch immer als Feature, das gern extra aufgeführt wird. Merke: Es kann durchaus romantisch und gesund sein, mal eine Weile offline zu bleiben. Es ist aber nie romantisch, offline sein zu müssen.

Vielleicht erinnern Sie sich an das zwischenzeitlich berühmt gewordene Zitat der damaligen Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU)  aus dem Jahr 2018: »5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig.« Auch wenn es mit dem 5G-Ausbau im ländlichen Raum tatsächlich so eine Sache ist , offenbart der Satz doch eine merkwürdige Einstellung, die ich nicht nur von Politikern kenne: die abwartende Abwehrhaltung. Warum sollte man sich bei Einführung einer modernen Technologie zuallererst Gedanken machen, wo man sie – vermeintlich – nicht braucht? Vielleicht liegt hier auch der Ursprung vieler Fehler der Vergangenheit: Wir bräuchten nämlich auch Glasfaser bis zu jeder Milchkanne. Fiber to the milk can (FTTMC)!

Nun gibt es ja eine neue Regierung, vielleicht geht es da etwas schneller voran. Allerdings reichte bereits ein Tweet, um mich daran zweifeln zu lassen. Mitte Dezember hat die FDP-Fraktion ihre Top-Ten-Liste mit Vorhaben »aus dem Bereich Verkehr und Digitales« getwittert, und die sah so aus :

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Auf Platz eins steht »kein Tempolimit«. Die beiden Punkte »Glasfaser-Ausbau« und »Abdecken von Mobilfunklöchern« belegen die beiden letzten Plätze, neun und zehn – deutlich hinter den Punkten »Start-ups unterstützen«, »kein Verbot des Verbrennungsmotors« oder »Neue Gesetze Digitalisierungscheck unterziehen«. Allein diese Priorisierung nimmt mir die Hoffnung.

Deshalb hier mein eigener kleiner »Digitalisierungscheck«: Wer die Digitalisierung in Deutschland voranbringen will, sollte systematisch vorgehen. Es gibt so viele digitale Quatschprojekte, die öffentlich gefördert werden, von teuren und nutzlosen Apps über unsichere Lernplattformen bis hin zu fragwürdigem Blockchain-Gedöns. Dabei brauchen wir den meisten Kram gar nicht. Wir brauchen erst mal Internet.

Mein Wunsch für 2022: Die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger mit einem modernen Netz sollte Top-Priorität haben, wenn es um die Digitalisierung geht. Ich wünsche mir schnelles Internet und stabilen, dichten, bezahlbaren Mobilfunk für alle – ob sie nun in einer Hütte wohnen, auf einer Wiese Schafe hüten oder im Bordbistro zwischen Hamburg und Berlin mittelmäßigen Kaffee schlürfen und diesen Text lesen wollen.