Lagebericht des BSI Cyberkriminelle sind professionell, aggressiv – und haben immer leistungsfähigere Technik
Nationales IT-Lagezentrum des BSI: Einsatz für mehr Resilienz
Foto: Oliver Berg / picture alliance / dpa»Die Lage der IT-Sicherheit in Deutschland war und ist besorgniserregend.« Zu dem Schluss kommt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in seinem neuen Lagebericht. BSI-Chefin Claudia Plattner präsentiert den Bericht gemeinsam mit Innenministerin Nancy Faeser (SPD) am Dienstag. Er lag dem SPIEGEL vorab vor.
»Die Bedrohungslage im Bereich der Cybersicherheit ist unvermindert hoch«, schreibt Deutschlands oberste IT-Sicherheitsbehörde in dem 114 Seiten langen Papier. Zwischen Juni 2023 und Juli 2024 seien täglich durchschnittlich 309.000 neue Schadprogramm-Varianten bekannt geworden, 26 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Viele neue Programme hätten insbesondere auf Schwachstellen bei Windows- und Android-Systemen abgezielt.
Kabel an einem Server: Hohe Bedrohungslage
Foto: Julian Stratenschulte / picture alliance / dpaAggressive Cyberkriminelle
Im vergangenen Jahr sah das BSI sogenannte Ransomware-Attacken als größte Bedrohung für Unternehmen und Behörden . Dazu heißt es nun: »Cyberkriminelle professionalisieren ihre Arbeitsweise, sind technisch auf dem neuesten Stand und agieren aggressiv.«
Bei Ransomware-Attacken verschaffen sich Angreifer Zugang zu den Computersystemen ihrer Opfer und verschlüsseln Daten, um anschließend Lösegeld (auf Englisch »ransom«) zu erpressen. Falls die Opfer nicht auf die Forderung eingehen, so die Drohung der Hacker, seien die Daten verloren oder würden im Internet veröffentlicht, um die Opfer bloßzustellen.
Das BSI zählte für den vergangenen Berichtszeitraum allein bei den fünf größten Ransomware-Gruppen 89 Fälle, in denen diese Daten von Opfern veröffentlichten. Die Höhe der erpressten Lösegelder sei ebenfalls weiter gestiegen. Weltweit erbeuteten Täter demnach 1,1 Milliarden US-Dollar Lösegeld, die Dunkelziffer liege wahrscheinlich deutlich höher. Potenzielle Opfer seien Institutionen jeder Art und Größe, vom Kleinstunternehmen über Schulen und Krankenhäuser bis zu internationalen Konzernen.
Im vergangenen November etwa hatte Ransomware einen IT-Dienstleister von mehr als 70 Kommunen lahmgelegt. Ein Angriff beeinträchtigte auch Teile der Hochschule Hannover.
Alarmierende Entwicklung bei DDoS-Angriffen
Bei DDoS-Angriffen sieht das BSI eine alarmierende Entwicklung. Täter bombardieren einen Server bei solchen Attacken gezielt mit so vielen Anfragen, dass das System wegen Überlastung nicht mehr funktioniert. Insbesondere im ersten Halbjahr 2024 habe die Zahl solcher Angriffe zugenommen, schreibt das BSI. Der Anteil bandbreitenstarker Angriffe habe sich dabei von 6,5 auf 13 Prozent verdoppelt. »Sollte sich dieser Trend fortsetzen, ließe dies auf eine nachhaltig leistungsfähigere Angriffsinfrastruktur der Angreifer schließen«, heißt es.
DDoS-Angriffe können etwa finanzielle Schäden für Dienstleister oder Onlineshops verursachen, wenn diese nicht erreichbar sind. Andere Folgen können laut BSI etwa Imageschäden oder gegebenenfalls Unsicherheit in der Bevölkerung sein. »Nicht zuletzt werden DDoS-Angriffe (Überlastangriffe) weiterhin insbesondere von Unterstützern des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges genutzt, um – im Wesentlichen – Propagandaeffekte zu erzielen«, schreibt BSI-Chefin Claudia Plattner.
Präventionsstelle Cyberkriminalität beim LKA Niedersachsen: Einsatz gegen Hackergruppen
Foto: Julian Stratenschulte / picture alliance / dpaHackergruppen machen Propaganda
Weiter heißt es, Desinformation, Hacktivismus, Spionage und Sabotage seien sowohl im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie direkt nach dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 festgestellt worden. Ein großer Teil dieser Aktivitäten sei aber regional begrenzt gewesen. Hackergruppen hätten ihren Hacktivismus und Cybersabotagen oftmals mit Desinformation und Propaganda begleitet, dabei hätten sie die meist wenig nachhaltigen Schäden übertrieben dargestellt. Das BSI schlussfolgert daraus, dass die Täter vor allem darauf abgezielt hätten, eine diffuse Unsicherheit in der öffentlichen Wahrnehmung zu erzeugen.
Hackergruppen hätten aber auch mit Cyberspionage-Angriffen auf deutsche Behörden, insbesondere der auswärtigen Angelegenheiten, der Verteidigung sowie der öffentlichen Sicherheit und Ordnung abgezielt.
Sorge um kritische Infrastruktur
Auf die kritische Infrastruktur in Deutschland blickt das BSI mit Sorge. »Die Gefährdungslage für Unternehmen bleibt angespannt, die Zahl der Cybervorfälle steigt«, heißt es im Bericht. Eine mutmaßlich prorussische Gruppierung etwa habe Phishing-Kampagnen im Energiesektor durchgeführt. »Ziel dieser Kampagnen war es, die Opfer dazu zu bringen, Schadsoftware herunterzuladen, die dem Informationsdiebstahl dient.« Bei Phishingmails täuschen die Täter vor, dass die Mail von einem vertrauenswürdigen Absender kommt. Infolge eines DDoS-Angriffs auf einen Energiebetreiber sei es zudem zu einem vorübergehenden Teilausfall der kritischen Infrastruktur beim Vertrieb von Kraftstoff und Heizöl gekommen, so das BSI.
Auch das Risiko durch künstliche Intelligenz erwähnt das BSI in seinem Bericht. Man habe allerdings eine steigende Bekanntheit von Modellen wie ChatGPT oder CoPilot im Alltag beobachtet, das öffentliche Bewusstsein für Chancen und Risiken sei gestiegen. Ein genanntes Risiko: KI könne etwa genutzt werden, um Desinformationen zu gestalten, insbesondere vor Wahlen.
»Das Gebot der Stunde ist, Deutschlands Resilienz gegenüber Cyberbedrohungen und -vorfällen drastisch zu erhöhen«, schreibt das BSI weiter. Strafverfolgern seien etwa Schläge gegen Ransomware-Gruppen gelungen. 140 von 671 Betreibern kritischerer Infrastrukturen hätten ihre IT-Sicherheit nachweislich verbessert. Und das BSI habe täglich durchschnittlich 15 Schwachstellenwarnungen an betroffene Behörden der Bundesverwaltung übermittelt. Der Lagebericht belege, dass die Maßnahmen zur IT-Sicherheit Wirkung zeigten, schreibt BSI-Chefin Plattner. Nun dürfe man nicht nachlassen.