Donald Trump und das Chaos im Weißen Haus: Der Irrwitz regiert die USA - Kolumne - DER SPIEGEL
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Sascha Lobo

meinung •Berichterstattung über Trump In den USA regiert nicht der Präsident, sondern der Irrwitz

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Donald Trump hat seit seinem Amtsantritt 2025 keinen einzigen kohärenten, klaren, politischen Gedanken geäußert. Darüber müssen wir offen reden und schreiben, auch wenn es uns zutiefst verstört.
Hände von Präsident Trump im August 2025: Kognitiver Sturzflug
Hände von Präsident Trump im August 2025: Kognitiver Sturzflug

Hände von Präsident Trump im August 2025: Kognitiver Sturzflug

Foto: Brian Snyder / REUTERS

Nicht wahnsinnig zu werden, ist wie immer das Gebot der Stunde. Es passt aber auch hervorragend zu einer Wortschöpfung, die derzeit dringender kaum gebraucht werden könnte:

Sanewashing.

Sprachlich handelt es sich um die Zusammenziehung von »sane« mit einem ungefähren Bedeutungsraum zwischen »vernünftig«, »normal« und »geistig gesund«. Und »washing« als Wortteil, ursprünglich stammend von »whitewashing«, weißwaschen, also aktiv so zu tun, als sei etwas recht Dreckiges sauber: etwas schönreden. Ein uralter sozialer Vorgang, der Elemente der Täuschung des Publikums beinhaltet, ebenso wie Verharmlosung, Beschönigung und Bigotterie.

Die zeitgenössische, amerikanische Kommunikationskultur gehört mit ihren Wort-, Satz- und Meme-Erfindungen ohnehin zu den größten Zivilisationserrungenschaften des 21. Jahrhunderts. Ab und zu entgleisen Begriffe wie »Wokeness« und verschlachtfelden dann aktivistisch, aber ohne Bezeichnungen wie »Ghosting«, »Whataboutism« oder »Gaslighting« würden wir die Welt viel schlechter bewältigen.

Sanewashing bedeutet, Irrationalität, Extremismus und Wahn in Wort und Tat so zu behandeln, als handele es sich um rationale, gemäßigte und irgendwie normale, akzeptable Aktivitäten. Erfunden oder zumindest geprägt worden zu sein scheint das Wort um 2016 auf Twitter. Der Hauptgrund von damals ist auch heute mitverantwortlich für das derzeitige Hoch von Sanewashing: Donald Trump.

Offenkundiger Niedergang

Aber nur mitverantwortlich. Denn zum einen ist im Fahrwasser Donald Trumps Sanewashing auch anderswo salonfähiger geworden. Und zum anderen geht damit ein mediales Phänomen einher.

Sanewashing ist inzwischen skalierbar, weil es zu einer Art Verzweiflungsstandard redaktioneller Nachrichtenmedien geworden zu sein scheint. Wie soll man auch den offenkundigen Wahn anders fassen als mit spitzen Nachrichtenfingern und rationalisierendem Abstand? Ja, nein. Tut mir leid. Zwei zentrale Vorwürfe möchte ich dagegen erheben.

Erstens wird der tiefe Irrsinn der Trump-Regierung nicht im Ansatz angemessen dargestellt. Horkheimer sprach von »instrumenteller Vernunft« und meinte, dass man kollektiv so tut, als sei Werkzeugrationalität eigentlich das Gleiche wie Vernunft. Viele Leitmedien kritisieren Einzelvorgänge, aber sie tun ansonsten, als sei Trumps »Justizministerium« noch ein Justizministerium. Man dürfte es eigentlich nur in Anführungszeichen schreiben, die Justizministerin war Trumps Anwältin, und sie ist es noch.

Zweitens wird Trumps offenkundiger, geistiger Niedergang mit wenigen Ausnahmen (im Vergleich zum Gesamtnachrichtenvolumen über Trump) als Nebensache behandelt oder sogar ignoriert. Trump redet schon lange recht speziell. In den letzten vielleicht anderthalb Jahren aber hat Trump nicht einen einzigen kohärenten, klaren, politischen Gedanken öffentlich formulieren können.

Ansprüche hier, Ansprüche dort

Dass öffentlich trotzdem noch oft so getan wird, als könne man diese beiden Wahn-Aspekte der Trump-Politik ausblenden, verstört mich. Sanewashing wird zum Default-Modus der Berichterstattung. Das ist keine bloße Behauptung, wie man an der Berichterstattung rund um Grönland  zu Beginn des Jahres gut nachvollziehen kann.

Denn was ist Trumps Grönland-Episode? Ein Irrwitz in fast jeder Hinsicht. Denn jedes rationale Ziel (Bodenschätze, Militärbasen, Abwehrstrategien, selbst Kolonialismus) wäre auf andere Art schneller, sinnvoller und mit größerer Wahrscheinlichkeit zu erreichen gewesen. Mit zwei interessanten Ausnahmen: der innenpolitischen Ablenkung durch Stiftung von internationalem Großchaos und der gezielten Schwächung der Nato.

Aber selbst für diese beiden diskutablen Möglichkeiten wäre es essenziell, den absoluten Irrwitz von Trumps Grönlandiade auf den ersten Blick erkennbar zu machen. Das ist viel zu selten geschehen, auch in deutschen Leitmedien, wie die folgende Auswahl von Artikelüberschriften von tagesschau.de zeigt (exemplarisch, die Essenz gilt für viele andere Leitmedien ähnlich).

Der gesamte »Tagesschau«-Titel-Verlauf erscheint für Leute, die nicht tief im Thema sind, wie bei fast jedem anderen »normalen« Konflikt. In den dazugehörigen Artikeln wird das höchstens punktuell anders dargestellt. Der wichtigste Hintergrund – der vollkommene Irrwitz von Trumps Forderung samt Drohung – scheint kaum durch. Das Bild, das beim Publikum fast zwangsläufig entstehen muss: Ansprüche hier, Ansprüche dort, da streiten sich zwei, passiert doch oft, ist doch irgendwie normal.

Vergleichsweise geringes Kleidungsaufkommen

Schon die Existenz des Märchens »Des Kaisers neue Kleider« beweist natürlich, dass vergleichbare Schönredereien und öffentliche Kollektivlügen seit Äonen stattfinden.

Was aber die neue Komponente bei Sanewashing ist: die leitmediale Hilflosigkeit dabei, Wahn, Irrwitz und Absurdität auch klar und nachhaltig wirksam zu benennen. Manchmal mag auch Kalkül dahinterstecken: nicht von Trump verklagt zu werden, noch Staatsaufträge zu bekommen, das konservative Publikum zu umschmeicheln. Aber der mediale Junge ruft heute nicht mehr »Der Kaiser ist nackt!«. Stattdessen meldet er in Sprechlautstärke allenfalls ein vergleichsweise geringes, jedoch zunächst bitte nicht voreilig zu wertendes Kleidungsaufkommen herrschaftlicherseits.

Das beruht meiner Ansicht nach auf einem Hack des bürgerlichen Journalismus. Denn hinter dem toxischen Sanewashing stecken durchaus positive mediale Prinzipien – sie werden bloß verzerrt und missbraucht.

Während Boulevardmedien ihre publizistische Kraft aus Zuspitzung, Emotionalisierung und Sensationalisierung ziehen, haben Qualitätsmedien gegenläufige Kraftquellen. Sie funktionieren über die Essenz der Bürgerlichkeit: Mäßigung, Entemotionalisierung, Abstraktion. Das dient einerseits der objektiveren, verlässlichen Information über das Geschehen – die Basis der (politischen) Meinungsbildung in einer Demokratie. Es gibt zwar immer wieder Einzelthemen, die blitzableiterhaft funktionieren. Aber im Durchschnitt herrscht ein Mäßigungsgebot. Denn diese runtergenüchterte Darstellung der Welt hat eine wichtige Begleitfunktion: So kann das bürgerliche Publikum den ständigen Strom an eigentlich erschütternden, nervenaufreibenden und schlechten Nachrichten besser bewältigen.

Hinter Sanewashing verbirgt sich eine irgendwie falsch abgebogene oder falsch gealterte, mediale Tugend – wie häufiger bei schwierigen Medienphänomenen. Investigation kann zu Voyeurismus werden. Recherche kann zu einer Art von Mitwisserschaft werden. Transparenz kann zu Überwachungsdruck werden. Und nicht zuletzt können moralische Leitlinien zu heimlichem Aktivismus werden.

Wann wird Mäßigung zu Verschleierung?

Deshalb ist bei journalistischen Tugenden wie bei fast allen Tugenden, moralischen Ideen und Ideologien notwendig, auf die Entwicklung zu achten: Ist eine Praxis noch wirksam und zeitgemäß? Hat sie noch die ursprünglich intendierte Wirkung oder verkehrt sie sich durch die Veränderung der Welt oder die Verkrustung von Strukturen ins Gegenteil? Hat sich gar das ganze ethisch-moralische Fundament verändert?

Man kann sich fragen, ab wann die sinnvolle journalistische Praxis der Mäßigung bei der Beschreibung des Geschehens kippt in eine Verschleierung der Wirklichkeit. Man kann sich auch fragen, ob in einer durch soziale Medien radikal dekontextualisierten Welt der Aufmerksamkeitsökonomie – praktisch alles wird in nur für sich selbst stehende 25-Sekunden-TikToks verpackt – die vorsichtige Andeutung zwischen den Zeilen 34 und 35 einfach zu wenig ist.

Beim Sanewashing aber ist die Grenze zwischen bürgerlicher Medienmäßigung und passiver oder aktiver Manipulation überschritten: Medien werden – oder lassen sich formen – zu einem Instrument der Propaganda über Bande. Sie tragen passiv oder aktiv zur Normalisierung des Irrwitzes bei. Mit potenziell gefährlichen Folgen: Wo Wahn diskutabel erscheint, stirbt die aufklärerische Vernunft, und damit der letztlich einzig entscheidende Konsens einer liberalen Demokratie.

Exkurse mit Angeber- und Rachequark

Muster des derzeitigen Sanewashings werden erkennbar, und dabei geht es sowohl um den strukturellen, tiefen Wahn als auch um Trumps wahrscheinlich pathologisch-symptomatische Irrationalität.

Es scheint etwa, als würden am Anfang eines Nachrichtenthemas noch öfter realitätsnahe Pflöcke eingeschlagen. In der kurzen, ersten Phase der Berichterstattung zu Grönland war noch häufiger die Rede von Trumps abwegigen, grotesken Äußerungen und Pseudoansprüchen mit hanebüchenen Begründungen.

Aber dann gerann der Meldungsfluss zur medialen Normalschlacke, ein nachrichtliches Standardkonzept wurde eingesetzt, Typ »internationaler Konflikt«. Kein Platz für Wahn im Nachrichtenkonzept.

Nebenbei kann man sich inzwischen diverse Videos samt Transkripten von längeren Trump-Reden anschauen, um einen Eindruck der allgemeinen geistigen Gesundheit zu bekommen. Das verbale Umherirren, die zusammenhangslosen Sprach-Enden, die hundewelpige Aufmerksamkeitsspanne, die fehlende Logik, die absurd zusammengehäkelten Kausalitäten, die Wiederholungen, die ihm einfach nicht einfallen wollenden Worte samt des Drumherumschlingerns, die Exkurse mit persönlichem Angeber- und Rachequark.

Seit seinem zweiten Amtsantritt verwechselte er öffentlich unter anderem Albanien und Armenien, später Indien und Iran; in seiner Grönland-Rede in Davos sprach er neben vielen anderen Merkwürdigkeiten ständig von »Iceland«, also Island. Das ist als wiederkehrendes Muster nicht mehr leichte Schusseligkeit, das ist in Verbindung mit vielen anderen Symptomen von öffentlichem Einschlafen über plötzliche Sprachfehler bis zur auffällig vorgebeugten Körperhaltung das Zeichen einer wahrscheinlich pathologischen Verwirrtheit. Kann man, sollte man über eine so weltwichtige Rede berichten, ohne diesen Aspekt wenigstens mitzunennen?

Dass es sich bei Sanewashing nicht allein um eine trumpsche Neuerung, sondern um ein mediales Zeitgeistphänomen handelt, konnte man in der Spätzeit der Biden-Präsidentschaft erkennen. In amerikanischen Nachrichtenmedien gab es nach der Wahl eine große Debatte darüber, ob man über den geistigen und körperlichen Abbau von Biden nicht viel früher hätte berichten müssen. In amerikanischen sozialen Medien bekommen Accounts gerade viel Aufmerksamkeit, die Trumps inzwischen auch offensichtlichen kognitiven Sturzflug beschreiben. Meist geführt von Fachleuten, werden Körperhaltung, blaue Infusions-Flecken an den Händen und Bewegungsmuster, aber auch Satzbau, Sprachfluss, Gestik und Mimik analysiert. Derzeitiger Favoritentipp zu Trumps Gesundheitszustand: Frontotemporale Demenz.

Wahn ist politisch relevant

In deutschsprachigen Qualitätsleitmedien taucht der Begriff Demenz in Verbindung mit dem Namen Trump in jüngerer Zeit kaum auf. Fast nichts im SPIEGEL, kaum etwas in der »FAZ«, auf tagesschau.de, auf sueddeutsche.de, auf deutschlandradio.de, auf zeit.de, auf zdfheute.de und so fort (Stand 3. Februar 2026).

Selbst auf taz.de gibt es nur einen halbnachrichtlichen Treffer zur Wortkombination »Trump« und »Demenz«, nämlich einen herablassenden Artikel nicht etwa über Trump, sondern über einen der Instagram-Accounts, die zugegeben mit viel Getöse, aber doch auch eindeutigem Fachwissen den zerebralen Niedergang von Trump beschreiben und analysieren .

Natürlich könnte man darauf hochnotredaktionell-journalistisch antworten und sagen: Goldwater! Es ist doch nichts diagnostiziert, nichts bewiesen, nichts mit mindestens soundsoviel unabhängigen Quellen überprüfbar! Ein fahles Argument aus gleich mehreren Gründen. Wenn ein derart mächtiger Regierungschef samt Apparat so offenkundig und nachweisbar mit Lügen, Rechtsbeugung und Verunmöglichung jeder Kontrolle arbeitet, dann müssen etwa qualifizierte Vermutungen von Fachleuten journalistisch möglich sein. Und weil Wahn zwar politisch relevant, aber schwer greifbar ist. Auch das Weglassen von qualifizierten Vermutungen kann Sanewashing sein, Normalisieren durch Ignorieren, das würde doch in der Zeitung stehen, wenn Trump dement wäre!

Deshalb müssten Medien, um Sanewashing entgegenzuwirken, sich ein Herz fassen und ihre eingeschliffenen und abgeschliffenen Prinzipien aktualisieren. »Sagen, was ist«, der Wahlspruch von Rudolf Augstein, wirkt so ehern und statisch und grundsätzlich. Im SPIEGEL-Gebäude ist es passenderweise in Metall an die Steinwand genietet. Aber bei »Sagen, was ist« handelt es sich um ein Moving Target, das sich verschiebt, verzerrt, weiterentwickelt, weil sich das, was »ist« – die Realität nämlich – auch verschiebt, verzerrt, weiterentwickelt. Sagen, was sane ist, und was eben gerade nicht.