Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
meinung •Deutsche Bahn und ihre Probleme Eine neue App macht noch keinen Sommer
Neulich habe ich am Kölner Hauptbahnhof einen Geisterzug gesehen. Nicht den alternativen Karnevalszug, der dort jedes Jahr durch die Straßen zieht, sondern einen Nahverkehrszug, der augenscheinlich eine Existenz jenseits der rein physischen Ebene hatte.
Auch wer direkt vor dem Fahrplanaushang steht, soll sich besser digital informieren
Foto: Soeren Stache / dpaZunächst wurde er in der Bahn-App und auf der Bahnsteiganzeige als pünktlich angezeigt, doch – wie leider derzeit zwischen Köln und Düsseldorf üblich – traf er nicht ein. Andere Züge belegten den Bahnsteig, mein Regionalexpress blieb jedoch auf der Anzeigetafel –, bis er plötzlich aus der Auflistung verschwand.
Ich zückte mein Smartphone und beobachtete fasziniert, wie der Zug in der offiziellen App der Deutschen Bahn, dem DB Navigator weiterzufahren schien. Der Zug, der meines Wissens nie im Kölner Hauptbahnhof eingetroffen war, wurde an den folgenden Stationen weiterhin als pünktlich angezeigt. Der digitale Zwilling des am Kölner Bahnhof nie aufgetauchten Regionalexpress sollte demnach jeweils pünktlich in Köln-Mülheim, Leverkusen, Düsseldorf-Benrath eintreffen, seine Ankunftszeit verschwand jedoch immer wenige Minuten vor der vermeintlichen Ankunft in den verschiedenen Bahnhöfen aus der App. Ob der Zug tatsächlich existiert hat oder ob er nur eine digitale Fahrplan-Fantasie war, werde ich nie erfahren.
Digitale Grundausstattung oder Notwehr?
Die Deutsche Bahn hat nun eine neue Version Ihres DB-Navigators veröffentlicht. Früher als geplant wurde die komplett neu programmierte App inzwischen fast allen Nutzerinnen und Nutzern per Update zur Verfügung gestellt. Dafür lobt sich das Unternehmen selbst außerordentlich. »Die Systeme zeichnen sich durch eine hohe Stabilität und Zuverlässigkeit aus.« Und: »Der Navigator gehört mittlerweile für viele Millionen Reisende zur digitalen Grundausstattung in Deutschland.«
Dass die App so verbreitet ist, hängt natürlich auch damit zusammen, dass die Fahrpläne inzwischen nur noch grobe Orientierungen bieten, wie eine Reise mit der Bahn ablaufen kann. Wer heute Bahn fährt, kennt die Beispiele wahrscheinlich zur Genüge. Züge, die eine Stunde verspätet eintreffen, werden bis zuletzt als pünktlich angekündigt. Gleiswechsel werden erst dann gemeldet, wenn ein anderer Zug bereits den Bahnsteig blockiert – und Hunderte Menschen drängen auf das andere Gleis, wo sie dann die Türen blockieren.
Die Digitalisierung geht zweifellos voran, ich liebe etwa die Infobildschirme, die ständig besser Bescheid geben als die Durchsagen des Zugchefs: Verspätung, nächste Haltepunkte, auf welcher Seite der nächste Ausstieg ist. Ich checke mich auch gern per App im ICE ein und erspare mir so die Fahrkartenkontrolle. Wenn es funktioniert, ist es klasse. Wenn nicht, eine Qual. Zu oft weiß der eine Teil der Bahninfrastruktur nicht, was im anderen vor sich geht.
Digitalisierung braucht gute Infrastruktur
Früher hatte ich bei Dienstreisen eine eiserne Regel: Fahre immer so früh ab, dass ein Zug ausfallen kann und du immer noch pünktlich ankommst. Diese Regel lautet nun anders: Fahr so früh du nur kannst, egal ob du am Ziel vielleicht zwei Stunden in einem zugigen Unterstand warten musst. Eine Verbindung mit Umstiegszeit von unter 10 Minuten? Lieber gar nicht erst versuchen!
Als ich im vergangenen Jahr mit dem 9-Euro-Ticket probeweise zwischen Köln und Düsseldorf pendelte, hatte ich mir einen ganzen Zoo an unterschiedlichen Apps zugelegt, um immer die aktuellste Information und den besten Weg angezeigt zu bekommen: Natürlich den DB Navigator, die Apps der Kölner-Verkehrsbetriebe, des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg, der Rheinbahn, dazu noch Ticket.NRW, das ebenfalls aus dem DB-Konzern stammt, aber mir andere Verbindungen ausspuckte als der DB Navigator.
Ich habe vor, der neuen App eine Chance zu geben. Mögen die anderen Apps im Einzelfall besser liegen, ich habe keinen Job als ehrenamtlicher Digitalisierungsmanager des deutschen Schienenwesens. Doch damit das Reisen wieder Spaß macht, muss die Deutsche Bahn noch viel, viel aufholen.
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