Online-Angriff WikiLeaks-Website zeitweise blockiert
WikiLeaks-Gründer Assange (Juli 2011): "Ein klassisches Ablenkungsmanöver"
Foto: Sang Tan/ APHamburg - Die Enthüllungsplattform WikiLeaks steht in der Kritik - und wird angegriffen: Die US-Regierung wirft Julian Assange und seinem Team vor, mit der Veröffentlichung von geheimen Botschaftsdepeschen Menschenleben zu gefährden. Kurze Zeit später war die Website von WikiLeaks nicht erreichbar, über den offiziellen Twitter-Account meldete die Gruppe einen Cyber-Angriff und verwies Nutzer auf Ausweichangebote. Zur Stunde lässt sich die WikiLeaks-Seite wieder aufrufen.
WikiLeaks hatte vor einer Woche begonnen, Zehntausende US-Botschaftsdepeschen direkt ins Internet stellen, und dazu aufgerufen, sie selbst nach interessantem Material zu durchsuchen. Schon da kam es zu einer Blockade der WikiLeaks-Seite .
Die US-Regierung warf der Enthüllungsplattform vor, mit der Veröffentlichung tausender neuer Dokumente Menschenleben zu gefährden. Die Publikation vertraulicher US-Depeschen belasteten nicht nur die diplomatischen Beziehungen, sondern gefährdeten auch das Leben von Menschen, kritisierte US-Außenministeriumssprecherin Victoria Nuland am Dienstag.
Offenbar sind Teile des Materials von WikiLeaks-Helfern bearbeitet worden - nur nicht sorgfältig genug: Die "New York Times" kritisierte , bei einigen dieser Dokumente seien die Namen von Quellen enthalten. Die Nachrichtenagenturen AP und AFP stellten mehreren zufällig ausgewählten Dokumenten ebenfalls fest, dass die Namen von Einzelpersonen und Firmen trotz des Vermerks "Protect source" (Quelle schützen) nicht unkenntlich gemacht wurden.
Daten bei WikiLeaks nicht sicher?
Bisher hatte WikiLeaks die rund 250.000 Dokumente nur an einige ausgewählte Medien gegeben, darunter auch an den SPIEGEL, die bei ihrer Berichterstattung über den Inhalt der Depeschen sorgsam darauf achteten, keine Tippgeber oder Quellen zu verraten, deren Sicherheit man damit in Gefahr gebracht hätte.
Neun Monate nach den WikiLeaks-Enthüllungen der internen Mitteilungen sind die unredigierten Originaltexte allerdings auch unbearbeitet im Internet aufgetaucht. Nach SPIEGEL-Informationen kursiert seit dem Jahreswechsel eine verschlüsselte Originaldatei mit den rund 251.000 Dokumenten aus dem State Departement, die WikiLeaks im Frühjahr 2010 zugespielt worden waren. Im Frühjahr wurde das Passwort von einem Vertrauen Assanges offenbar versehentlich veröffentlicht.
Die Wochenzeitung "der Freitag", die mit dem ehemaligen WikiLeaks-Sprecher für Deutschland, Daniel Domscheit-Berg, zusammenarbeitet, warf WikiLeaks in der vergangenen Woche vor, "selber Leck geschlagen" zu sein . Das WikiLeaks-Projekt wies am Dienstag die Darstellung zurück, für die Panne verantwortlich zu sein. "Es gab keinen WikiLeaks-Fehler", twitterte die Enthüllungsplattform. Fehler gebe es nur in der Berichterstattung von Mainstream-Medien.
Streit mit Domscheit-Berg geht weiter
WikiLeaks-Gründer Julian Assange wirft dem im Streit geschiedenen Domscheit-Berg nun den Bruch von Absprachen und Selbstverpflichtungen sowie "ein gesteigertes Maß an Niedertracht" vor. Domscheit-Berg habe Journalisten Hinweise zur Öffnung der verschlüsselten Dateien gegeben, heißt es in einem Schreiben des Berliner Anwalts von Assange, Johannes Eisenberg, das der Nachrichtenagentur dpa vorliegt. "Mit Ihrem Tun gefährden Sie möglicherweise das Leben und die rechtlichen Interessen Dritter." Das Verhalten Domscheit-Bergs sei "in hohem Maße geeignet, die von Ihnen angeblich befürchteten Gefährdungen überhaupt erst herbeizuführen". Konkrete juristische Schritte gegen Domscheit-Berg werden in dem Brief des Anwalts nicht angekündigt.
"Aus meiner Sicht ist das Schreiben ein klassisches Ablenkungsmanöver", erwiderte Domscheit-Berg in einer E-Mail an die dpa. Im Umgang mit den Botschaftsdepeschen habe WikiLeaks nun mehrfach Fehler gemacht, zum Teil wegen "des fahrlässigen Handelns von Herrn Assange". Nun seien sie für alle verfügbar. Außerdem seien Teile der Botschaftsdepeschen "durch offizielle Vertreter von WikiLeaks weitergegeben und verkauft" worden, warf Domscheit-Berg der Enthüllungsplattform vor. Er habe nun "mit einem Journalisten meines Vertrauens" über das Problem der öffentlich verfügbaren Originaltexte gesprochen.
Domscheit-Berg hat mit ungenannten Helfern eine eigene Enthüllungsplattform mit dem Namen OpenLeaks gestartet, die unter anderem mit dem "Freitag" und der "taz" kooperiert.