Internetstar Rewi über Influencer und Politik »Gerade ist die falsche Zeit, um den Mund zu halten«
Internetstar Rewi: In der YouTube- und Streamingszene kennt ihn so gut wie jeder
Foto: Nirén Mahajan / DER SPIEGELSPIEGEL: Rewi, wenn wir Internetstars zu Politikthemen anfragen, blocken deren Managements meist ab. Sie aber sitzen jetzt vor uns. Ist da bei der Kommunikation etwas schiefgelaufen?
Rewi: Ich wurde reingegaslightet von meinem Management... Nee, Spaß, ich habe großes Interesse an Politik und spreche auch gern darüber.
SPIEGEL: Millionen Menschen verfolgen, was Sie tun. Angenommen, Sie würden uns jetzt einfach sagen, wen Sie bei der Bundestagswahl wählen – wie viele Stimmen würde das dieser Partei bringen?
Rewi: Wie viel Einfluss das wirklich hätte, weiß ich nicht. Eine konkrete Wahlempfehlung würde ich aber sowieso nicht geben, eine Wahlentscheidung ist etwas sehr Persönliches. Und junge Menschen sollten ohnehin lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
SPIEGEL: Wie viele Follower würden Sie durch ein klares Bekenntnis zu einer Partei verlieren?
Rewi: Auf jeden Fall viele. Immer wenn ich mich auf Instagram oder in Streams politisch positioniere – auch ohne eine Partei zu nennen –, schreiben mir Leute, dass sie mir deswegen entfolgen. Mit einer direkten Wahlempfehlung würde ich viele Leute vor den Kopf stoßen und sie dann vielleicht gar nicht mehr erreichen.
Sebastian Meyer aka Rewi, Jahrgang 1992, ist gelernter Immobilienkaufmann und lebt in Köln. Sein erstes Video stellte er bereits 2011 auf YouTube. 2013 startete er seinen Kanal »Rewinside« , der heute auf 3,4 Millionen Abonnenten kommt. Auch auf X, Instagram und Twitch hat Rewi siebenstellige Followerzahlen. Er war nie ein Politik-YouTuber, äußert sich aber gelegentlich zu politischen Themen. Politisiert, sagt Rewi, habe ihn einerseits das Aufwachsen in einem kleineren Dorf, in dem es politisch extreme Splittergruppen gab. Andererseits sei er durch seine Eltern früh mit auf Demos gegangen. Zum Internetstar wurde Rewi mit Gamingvideos. Heute steht er auch für Vlogs, die Speeddating-Show »15 vs.« und das Versteckspiel-Format »Hide and Seek«, in dem auf seine Einladung hin schon mal 50 Creator gleichzeitig versuchten, in Europas größter Therme unentdeckt zu bleiben. Rewi ist zudem DJ und Musikproduzent und spielt auf großen Festivals wie dem Parookaville.
SPIEGEL: Felix von der Laden sagte uns mal, YouTuber wüssten, dass sie mit politischen Themen »extrem wenig gewinnen und extrem viel verlieren« können.
Rewi: Ich würde der Aussage zustimmen, außer man ist politischer Kommentator oder Satiriker. Für alle anderen ist das Politische immer eine Gratwanderung.
SPIEGEL: Wann haben Sie sich das erste Mal öffentlich politisch geäußert?
Rewi: Relativ früh in meiner Karriere. Vor allem 2015, in der sogenannten Flüchtlingskrise. Da habe ich versucht, mich deeskalierend zu positionieren.
SPIEGEL: Ist Politik schlecht für das Influencer-Geschäft?
Rewi: Auf YouTube kann es einem passieren, dass Videos über politische Themen entmonetarisiert werden, weil sie angeblich nicht werbefreundlich sind. Und leistet man sich vor der Kamera einen Fehltritt und äußert sich etwa extremistisch – egal in welche Richtung –, kann man die eigenen Kooperationspartner verlieren. Was ich richtig finde. Es gibt auch ein paar Firmen, die überhaupt nicht mit Politik in Verbindung gebracht werden wollen. Mit Brands aber, die es schon problematisch finden, wenn ich mir im Stream politischen Content anschaue oder versuche, aktuelle Diskurse aufzunehmen, möchte ich gar nicht erst zusammenarbeiten.
SPIEGEL: Auch wenn Internetstars wahrscheinlich keine Wahlen entscheiden: Das Weltbild junger Menschen prägen Menschen wie Sie, MontanaBlack oder Papaplatte, denen man teils stundenlang am Tag zuschauen kann, sicherlich mit. Sehen Sie es vor diesem Hintergrund als Ihre persönliche Verantwortung, zumindest immer mal wieder Stellung zu beziehen?
Rewi: Wir haben auf jeden Fall großen Einfluss. Und Verantwortung ist meiner Meinung nach eine Sache, der man sich nicht entziehen kann: Sie wird einem auferlegt. Auf der anderen Seite sollte man sich mit Themen ausgiebig auseinandersetzen, bevor man dazu öffentlich sein Gedankengut teilt.
Netzikone Rewi: Immer mal wieder geht es in seinen Streams, Storys und X-Postings um Politik
Foto: Nirén Mahajan / DER SPIEGELSPIEGEL: Die Spaltung der Gesellschaft hat sich seit 2015 eher noch verschärft. Ist die Verantwortung von Internetstars wie Ihnen in den vergangenen Jahren gewachsen?
Rewi: Ja. Wenn ich heute eine Story zu politischen Themen poste, und sei es nur ein Aufruf, demokratische Parteien zu wählen, ist es mittlerweile normal, dass mir Leute als DM schreiben: »Nein, mache ich nicht. Ich bin Nazi«, oder »Ich bin rechts«. Dass wir mittlerweile in einer Gesellschaft leben, wo so etwas offen und mit Klarnamen gesagt wird, finde ich gruselig.
SPIEGEL: Was denken Sie über Kolleginnen und Kollegen, die ganz bewusst sagen, sie wollen Eskapismus bieten und sich deshalb von allem Politischen fernhalten?
Rewi: Ich respektiere und verstehe das. Ich finde aber, es gibt etwas, das jeder machen kann, und das ist ein ganz einfacher Aufruf: Setzt euch mit den Parteiprogrammen auseinander, nutzt Tools wie den Wahl-O-Mat oder Real-O-Mat als Entscheidungshilfe – und geht bitte wählen.
SPIEGEL: Ihr Streamerkollege Papaplatte hat mal gesagt, er »preache« nur eines: »Sei kein Hurensohn.« Und »dass man die AfD nicht wählen soll« sei ein Teil davon. Ist das in der Szene Konsens?
Rewi: Wenn ich auf meinen Kreis gucke, würde ich schon sagen, dass der Großteil davon eher progressiv-liberales Gedankengut hat. Ich selbst pflichte Kevin, also Papaplatte, auf jeden Fall bei, weil die AfD ein sehr rückschrittliches Denken hat und antidemokratisch ist.
SPIEGEL: Ein großes Weihnachtsevent von MontanaBlack sorgte in der Szene schon mehrfach für Diskussionen, weil dorthin auch einige Creator mit teils fragwürdigen Verbindungen oder Äußerungen eingeladen waren. Sie selbst waren dieses Jahr nicht vor Ort.
Rewi: Es hat bei mir zeitlich nicht gepasst. Aber es gab auf diesem Event auch Personen, mit denen ich mich nicht umgeben möchte. Man sollte genau überlegen, wem man eine Bühne bietet – gerade bei rechtsextremen oder verschwörungsideologischen Ansichten. Deshalb konnte ich die Aufregung verstehen.
SPIEGEL: Viele junge Wähler konsumieren kaum noch klassische Medien. Sind Internetstars wie Sie die Einzigen, die diese Menschen mit Politik-Themen noch erreichen?
Rewi: Die Einzigen ist übertrieben. TikTok als Plattform etwa hat den Wahlkampf und das Politgeschehen auf dieser Welt massiv geshapt, in allen Krisen und Brandherden. Aber jetzt vor der Bundestagswahl merkt man schon, dass ein großes Interesse der Parteien da ist, sehr bewusst auf uns Creator zuzugehen.
SPIEGEL: Wenn Kanzler Scholz im YouTube-Format »World Wide Wohnzimmer« einen Kurzen trinkt, weil er eine Quizfrage falsch beantwortet: Ist das cool oder zum Fremdschämen?
Rewi: Ich find’s cool, wenn sich Politiker in jungen Medien zeigen. Den Scholz-Auftritt aber fand ich nicht so glaubwürdig wie zum Beispiel einen Robert Habeck, der sich mit einer Pulle alkoholfreiem Bier in den Stream von HandOfBlood setzt und sich ein paar Stunden lang mit dem unterhält. Am Ende steht aber immer die Frage: Ist das nur Wahlkampf? Oder wollen die Politiker wirklich mit jungen Menschen interagieren, um sie besser zu verstehen?
SPIEGEL: Welche Großthemen sind für Ihr Publikum denn wohl besonders relevant?
Rewi: Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich jemanden vom Dorf oder aus der Kölner Innenstadt nach seinen Sorgen frage. Themen wie Klima, Bildung, soziale Sicherheit oder bezahlbares Wohnen sind aber zentral. Auch die Sicherheitspolitik ist jungen Leuten wichtig, wir leben leider in turbulenten Zeiten und haben offene Konflikte auf dem europäischen Kontinent.
SPIEGEL: Greifen die großen Parteien diese Themen genug auf?
Rewi: Die meisten eher nicht. Das gilt bei den demokratischen Parteien vor allem für die Union, die offenbar hauptsächlich ältere Wählerinnen und Wähler anspricht.
SPIEGEL: In einem Podcast sagten Sie neulich, in der jungen Generation gebe es eher eine Parteien- als eine Politikverdrossenheit.
Rewi: Ich habe den Eindruck, dass viele junge Leute orientierungslos sind und sich nicht gehört fühlen. Aufgrund ihrer Unerfahrenheit sind sie dann leicht empfänglich für populistische Tricks und Narrative. Gerade diese Menschen, die am Scheideweg stehen, die gilt es zu informieren, abzuholen und irgendwie auf einen demokratischen Weg zu leiten.
SPIEGEL: Manche Menschen fürchten sich derzeit vor einer Rückkehr des Faschismus. Tun Influencer und Creator aus Ihrer Sicht genug dafür, so etwas zu verhindern?
Rewi: Leider passiert viel zu wenig, dabei ist gerade die falsche Zeit, um den Mund zu halten. Ich denke da an Leute aus meiner Szene, die eventuell sogar indirekt oder direkt von dieser Politik betroffen sein könnten, aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Sexualität oder so etwas. Aber die haben vielleicht auch einfach Angst, sich zu äußern, was ich verstehen kann. Im Vergleich zu ihnen habe ich es leichter: Ich bin weiß, 32 Jahre alt, finanziell relativ gut gestellt. Mir könnte vieles egal sein. Aber so funktioniert Politik nicht. Politik ist nicht nur das, was mich selbst betrifft.
SPIEGEL: Haben Sie in Ihrer Community wohl AfD-Wähler?
Rewi: Wahrscheinlich leider schon. Wenn ich im Stream auf Bundestagsreden reagiere und mich darüber aufrege, dass sich eine Partei wie die AfD nicht mit dem nötigen Respekt an Gesprächsregeln hält, dauert es nicht lange, bis sich Leute im Chat für diese Partei positionieren. Ich habe teilweise das Gefühl, dass diese Leute sich in Chatgruppen austauschen. Und dann hast du auf einmal 20 davon im Stream. Extremistische Leute sind in Communitys oft sehr, sehr laut, auch wenn sie zahlenmäßig in der Minderheit sind.
Unterwegs mit Rewi: Der SPIEGEL traf ihn Mitte Februar in Köln
Foto: Nirén Mahajan / DER SPIEGELSPIEGEL: Können Sie solche Menschen mit Ihren politischen Appellen überhaupt noch erreichen?
Rewi: Ich will es versuchen. Es bringt nichts zu sagen: Fick die alle und wir reden gar nicht mit denen, dann geht dieser Strudel immer weiter. Wenn man nicht mit Menschen aus allen politischen Lagern spricht, kann man sie und ihre Sorgen auch nicht verstehen.
SPIEGEL: Könnten Sie sich selbst eine politische Karriere vorstellen?
Rewi: Dafür habe ich schon zu viel Quatsch gemacht. Ich will hoffen, dass die Politik dieses Landes so seriös bleibt, dass Leute, die sich beim »Fortnite«-Spielen mit einem Messer mal fast die Finger abgeschnitten haben, nicht unbedingt in den Bundestag kommen... Ich meine damit mich.
SPIEGEL: Aber würde das nicht wunderbar zum Gedanken einer repräsentativen Demokratie passen?
Rewi: Das stimmt schon. Und es gibt jemanden, der viel schlimmere Dinge gesagt und gemacht hat als ich und gerade US-Präsident geworden ist… Ich scherze immer mit Rezo, dass wir irgendwann unsere eigene Partei gründen. Aber ich glaube, dafür sind wir noch nicht bereit.