Sadistische Chatgruppen Im Netz von »White Tiger«
In Hamburg läuft gerade der Prozess um »White Tiger«. Er soll einen 13-Jährigen in den Tod getrieben haben. Mehr als 200 weitere Straftaten werden ihm vorgeworfen. Shahriar J. soll Teil einer Onlinegruppe namens »764« sein. Das FBI warnt bereits vor einer neuen Form des Terrors.
Der SPIEGEL hat den Fall »White Tiger« aufgedeckt und recherchiert seit mehreren Jahren zum Netzwerk dahinter . Jetzt liegen uns Mitschnitte vor, die zeigen, wie manipulativ die Mitglieder der Szene agieren. Sie treiben ihre Opfer vor laufender Kamera zu Selbstverletzungen – und manchmal sogar bis in den Tod.
Die fünfteilige Storytelling-Serie »Menschenjagd« enthüllt den Fall »White Tiger« und zeigt, warum die Behörden die Gefahr lange unterschätzt haben.
Winterhude ist eines der teuersten Viertel in Hamburg. Hier geht Shahriar J. im Herbst 2021 zur Schule. In der elften Klasse begegnet er Lenja.
Er beginnt, ihr auf Instagram zu schreiben. Shahriar J. zeigt sich im Chat empathisch. Manchmal ist er aber auch abweisend und beleidigend. Der SPIEGEL konnte die Nachrichten einsehen. Lenja erzählt im Podcast, Shahriar J. habe ihr irgendwann verstörende Bilder geschickt. Darunter das Foto eines Arms: Jemand hat sich die Worte »White Tiger« in die Haut geschnitten.
Was Lenja zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Bei den deutschen Behörden liegt schon damals eine Meldung zu Shahriar J. vor. Eine US-Organisation, die gegen Kindesmissbrauch im Netz kämpft, hat ihn gemeldet.
In der ersten Podcastfolge geht es um frühe Warnsignale und um Behörden, die nicht verstehen, mit wem sie es zu tun haben.
Shahriar J.s Anwältin Christiane C. Yüksel glaubt nicht, dass die Vorwürfe des Mordes und des versuchten Mordes bewiesen werden können. »Ich gehe davon aus, dass sie tatbestandlich schon gar nicht vorliegen«, sagt sie dem SPIEGEL.
Zum Vorwurf, er habe Jugendliche dazu gebracht, sich Wunden zuzufügen, weist sie auf Foren im Netz hin, in denen Jugendliche sich gemeinsam selbst verletzen. Diese Orte würden vollkommen unabhängig von ihrem Mandanten existieren.
Eine Teenagerin aus Osteuropa lernt »White Tiger« in Chatgruppen im Netz kennen. Diese Gruppen nennen sich »764« – sie sind anarchisch, brutal, ohne Regeln. »White Tiger« soll Teil des inneren Kreises dieser Szene sein.
Das Mädchen will auch dazu gehören. Dafür muss die damals 15-Jährige Grenzen überschreiten. In den »764«-Gruppen geht es darum, besonders gewalttätig zu sein – skrupelloser als alle anderen im Chat. Und das Mädchen schafft den Aufstieg.
In der zweiten Podcastfolge erzählt sie davon. Es geht um ihre Rolle beim Suizid eines jungen Mannes. Er gilt als eines der ersten Todesopfer von »764«. »Fünf Minuten Grausamkeit können wie eine lebenslange Strafe sein«, sagt die junge Frau heute.
Jay Taylor ist 13 Jahre alt, als die Polizei ihn tot hinter einem Supermarkt in einer Kleinstadt nahe Seattle findet. Fast eine Woche lang gehen die Ermittler von einem Suizid aus. Dann bekommt die Polizei ein Video. Es ist dieses Video, das zur Bedrohung werden wird, für »764« und für »White Tiger«.
Jay Taylor hat die letzten Minuten seines Lebens selbst mit dem Handy gestreamt. Der Mitschnitt zeigt seinen Tod, knapp einen Kilometer vom Haus seiner Eltern entfernt. In der dritten Podcastfolge erzählt sein Vater, wie die Familie in den Monaten davor um Jay gekämpft hat.
Er hat damals psychische Probleme. Die Eltern bringen ihn in Spezialkliniken, stellen zu Hause strenge Regeln auf. Sie tun alles, um ihr Kind zu schützen. Vergeblich. In einer Nacht im Januar 2022 begegnet er »White Tiger«.
Die örtliche Polizei kommt bei den Ermittlungen im Fall Jay Taylor nicht weiter. Sie schaltete das FBI ein. Ein Agent namens Pat McMonigle übernimmt den Fall. Er ist der Ermittler, der »White Tiger« immer näher kommen wird.
Es gelingt ihm, die Stunden vor Jays Tod zu rekonstruieren. Er findet Nachrichten, die zeigen, wie Jay von einem »764«-Mitglied manipuliert wurde. Es ist ein zwölfjähriges Mädchen. Sie hat Jay eine Anleitung zum Suizid geschickt.
Aber: Pat McMonigle findet heraus, dass sie selbst mutmaßlich ein Opfer von »White Tiger« ist. Er soll sie über Monate gequält und enorm unter Druck gesetzt haben: Er will, dass sich jemand für ihn im Livestream suizidiert.
In der vierten Folge erzählt Pat McMonigle, wie er erst auf private Fotos von »White Tiger« stößt, dann auf seine Adresse. Der FBI-Mann beschließt, nach Hamburg zu fliegen.
Im Herbst 2023 wird die Wohnung von Shahriar J. durchsucht. Die Ermittler finden verschiedene Messer, Säbel, Schusswaffen und Kadaver von toten Tieren. Außerdem beschlagnahmen sie Datenträger. Bei der Auswertung finden sie darauf rund 13.000 Aufnahmen von Kindesmissbrauch.
Shahriar J. zähle zu der Art von Onlinenutzern, die Unmengen an Material auf ihrem Gerät einfach speichern, sagt seine Anwältin. Das bedeute nicht, dass er sich alles angeschaut habe.
Nach der Hausdurchsuchung vergehen knapp zwei Jahre. Shahriar J. beginnt ein Medizinstudium. In dieser Zeit kommen auch wir »White Tiger« näher. 2024 klingeln SPIEGEL-Reporter an seinem Haus, sprechen mit Shahriar J.s Eltern.
Erst im Juni 2025 – dreieinhalb Jahre nach Jay Taylors Tod – wird Shahriar J. verhaftet.
In der fünften Podcastfolge rekonstruieren wir die Jagd nach »White Tiger« und decken die Versäumnisse der Behörden dabei auf.
Welche Warnzeichen Eltern kennen sollten und wie sie Kinder vor der Gefahr der »764«-Szene schützen können, lesen Sie hier.
Auf dieser Seite finden Sie alle bisherigen Podcastfolgen von »Firewall« im Überblick.
In diesem Text geht es um massive Gewalt und Suizid. Wenn Sie mit Suizidgedanken kämpfen oder selbst Opfer von Gewalt im Netz geworden sind, gibt es viele Stellen, die Ihnen helfen können. Einige finden Sie hier:
Telefonhotline für Hilfe bei Suizidgedanken: 0800 111 0 111
Hilfe nach sexuellem Missbrauch: 0800 2255 530
Online-Suizidprävention: https://www.u25-deutschland.de/
weitere Angebote , auch juristische Beratung
Mitarbeit: Käthe Bergmann