Wutsnobismus Der Stolz der Verachtung
Wut könnte etwas Wunderbares sein, würde man sie nur produktiv einsetzen, schrieb Sascha Lobo in seiner aktuellen Kolumne. Sie könne politisch und gesellschaftlich sehr wirksam sein, gar die Welt verändern - wenn sie denn produktiv eingesetzt wird. Doch meist sei das nicht der Fall.
Schließlich würden Wutsnobs ihre Wut "auf das einfachste, das billigste, das für sie selbst angenehmste Ziel richten und sich wenig bis gar nicht um die Beseitigung der Gründe für die Wut kümmern". Da sei es dann auch egal, "ob die Wut berechtigt war oder nicht". Wutsnobs wollten nur "schnell ihre Wutköttel ablaichen", "sich über Dritte erheben und anschließend exakt nichts ändern".
Exakt diese Verhaltensweise habe er kürzlich bei sich selbst beobachtet. In einer Einkaufspassage waren ihm ein Mann und eine Frau begegnet: "Der Mann trägt seine Maske falsch, die Nase schaut heraus. Die Frau trägt gar keine Maske. Auf wen bin ich wütend? Auf den Mann, den Knalldackel, der seine Maske falsch trägt. Nicht auf die Frau, die gar keine trägt. Das ist völlig widersinnig."
Warum die beiden sich so verhielten, wie er es beobachtet hatte, weiß Lobo nicht. Genau das sieht er als Kern des Problems, wenn er sagt: "Wutsnobismus findet sich überall dort, wo Alltagskonflikte nur an der Oberfläche betrachtet werden. Wo Erklärungen, Hintergründe, gesellschaftliche Strukturen ausgeblendet werden."
Zudem seien Wutsnobs oft "herablassend gegenüber vermeintlich niedrigeren sozialen Schichten, gegenüber wirtschaftlich weniger Erfolgreichen oder weniger Gebildeten." Diese ungerichtete, undifferenzierte Art, Dampf abzulassen, sei "zu oft auf die Symptome allein gerichtet", erzeuge durch ihr ungerechtes und ungerechtfertigtes Getöse bei den Angefeindeten bloß Gegenwehr.
Zudem lasse sich Wut psychologisch als eine Art Akku betrachten: "Wenn der immer wieder an Nichtigkeiten entladen wird, dann beraubt man sich selbst der Energie, die für eine substanzielle Veränderung gebraucht wird."
Im Podcast kommentiert Sascha Lobo einige Zuschriften seiner Leserinnen und Leser.
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