Kita-Krise: Warum es trotz sinkender Kinderzahlen weiter Probleme gibt - DER SPIEGEL
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Eingeschränkte Betreuung Die Kinderzahlen sinken, Kitas haben trotzdem weiter Probleme

Der Personalmangel an Kitas ist vielerorts zum Dauerzustand geworden, Betreuungsausfälle gehören für Familien zum Alltag. Daran ändern auch die sinkenden Kinderzahlen nichts, wie eine aktuelle Befragung zeigt.
Kinder in einer Kita: »Nie aus dem Krisenmodus rausgekommen«
Kinder in einer Kita: »Nie aus dem Krisenmodus rausgekommen«

Kinder in einer Kita: »Nie aus dem Krisenmodus rausgekommen«

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Maximilian von Klenze / dpa

Noch vor ein paar Jahren war es üblich, dass Eltern sich kurz nach dem positiven Schwangerschaftstest auf die Warteliste der Wunsch-Kita setzen ließen. Heute schließen immer mehr Betreuungseinrichtungen, weil es zu wenig Kinder gibt, vor allem in Ostdeutschland, aber auch anderswo.

Nur lösen sich durch die sinkenden Kinderzahlen nicht die strukturellen Probleme in der Betreuung der Kleinsten, sondern werden eher regional noch verschärft. So steht es im Kita-Bericht 2026, für den der Paritätische Gesamtverband Daten von mehr als 3200 Einrichtungen erfasst hat. Dieses zentrale Ergebnis widerspreche einer Erzählung, die sich derzeit in vielen Debatten festsetze, schreiben die Studienautoren des Sozialverbands.

»Wir stehen an einem Wendepunkt in der demografischen Entwicklung. Wir müssen an manchen Orten Kitaplätze abbauen und trotzdem an anderen Orten neue Plätze schaffen«, sagte Niels Espenhorst, Referent für Kindertageseinrichtungen beim Paritätischen Gesamtverband, dem SPIEGEL. Selbst innerhalb einer Stadt könne sich die Situation teilweise gravierend unterscheiden, weil die Familien nah an ihrem Wohnort suchen würden.

Die Hälfte der Kitas schränkt Betreuung ein

Dabei verfüge Deutschland aktuell über so viele freie Betreuungsplätze wie nie zuvor. Bundesweit sind laut Kinder- und Jugendhilfestatistik mehr als 550.000 Plätze ungenutzt. Die Gründe dafür seien regional unterschiedlich: In Ostdeutschland blieben Plätze vor allem wegen sinkender Kinderzahlen frei. In vielen westdeutschen Regionen verhindere dagegen der Fachkräftemangel die Nutzung vorhandener Kapazitäten. Personalmangel sei vielerorts zum Dauerzustand geworden. Bundesweit würden rund 107.000 pädagogische Mitarbeitende fehlen, schreibt der Sozialverband in seinem Kita-Bericht. Hochgerechnet waren rund 49.000 Stellen aufgrund fehlender Fachkräfte unbesetzt. Weitere 58.000 Stellen fielen zum Zeitpunkt der Befragung durch längere Abwesenheiten aus.

Das macht sich auch für die Familien bemerkbar. 51,5 Prozent der Kitas, die an der Befragung teilnahmen, mussten in den vier vorangegangenen Wochen die Betreuung zeitweise einschränken, heißt es in dem Bericht. Eltern wurden also wegen fehlenden Personals gebeten, ihre Kinder nicht in die Einrichtung zu bringen oder früher abzuholen. In 28,2 Prozent der Kitas seien solche Maßnahmen sogar mehrfach erforderlich gewesen. »Da setzt sich für Eltern und Fachkräfte die Wahrnehmung fest, dass wir nach der Pandemie nie aus dem Krisenmodus rausgekommen sind«, sagte Studienautor Espenhorst. Dabei bräuchten gerade Familien Planungssicherheit und Verlässlichkeit.

So lief die Befragung ab

Für den Kita-Bericht 2026 hat der Paritätische Gesamtverband die Daten von 3267 Einrichtungen erfasst. Die Erhebung fand in Form einer Onlineumfrage statt. Drei Viertel der teilnehmenden Personen waren Kita-Leitungen. Bei der Umfrage handelt es sich nicht um eine Zufallsstichprobe. Insgesamt wurden bundesweit 5,4 Prozent aller Einrichtungen erfasst. Die Stichprobe sei zwar nicht repräsentativ, aber groß genug, um belastbare Aussagen zu ermöglichen, so der Sozialverband.

Die Situation in den Kitas belastet auch das Personal. Die Studienautoren attestieren ein »alarmierendes Niveau«: Fast 90 Prozent der befragten Einrichtungen würden von einer starken psychischen Beanspruchung des Personals berichten. In 43,5 Prozent der Kitas habe innerhalb eines Jahres mindestens eine Fachkraft die Einrichtung aus psychischen Gründen verlassen. »Der Personalschlüssel allein ist allerdings kein Hinweis darauf, ob sich jemand überlastet fühlt«, sagte Espenhorst.

Denn die Herausforderungen der Einrichtungen seien »sehr, sehr unterschiedlich«. Gerade sozial benachteiligte Familien geraten zunehmend ins Hintertreffen, zeigt der Bericht. Kinder aus solchen Familien seien oft in Einrichtungen mit den größten Personalengpässen. Diese würden zum Beispiel besonders häufig berichten, dass der vorhandene Personalschlüssel nicht ausreiche, um den Sprachförderbedarf zu decken. Gleichzeitig gebe es dort häufiger Kinder mit nichtdeutscher Familiensprache und erhöhtem Sprachförderbedarf.

Eine Möglichkeit, zumindest dieses Problem zu lösen, stellt der Paritätische Gesamtverband in seinem Bericht vor: einen Sozialindex in der Kitafinanzierung. Ressourcen sollten sich künftig nicht allein an der Zahl der betreuten Kinder bemessen, sondern gezielt nach Belastungslagen wie Armut, Migration und Inklusionsbedarf verteilt werden. »Wir müssen identifizieren, welche Einrichtungen mehr Unterstützung benötigen – und das nicht nur ein bisschen, sondern massiv«, sagte Espenhorst. Oder wie es Joachim Rock, der Hauptgeschäftsführer des Sozialverbands formuliert: »Jetzt ist nicht die Zeit für Personalabbau. Sondern es ist Zeit, Bildungsgerechtigkeit endlich umzusetzen.«

Im Westen fehlen Erzieher – im Osten Kinder: Mehr über das Kitasystem in Schieflage, lesen Sie hier.