Bundesländervergleich Bis zu zwei Drittel der Studiengänge haben einen Numerus clausus
Medizinstudierende an der Universität Halle-Wittenberg (2017): Manche Fächer sind überall mit einem Numerus clausus belegt
Foto: Waltraud Grubitzsch/ dpaHamburg, Berlin, das Saarland: Wer hier studieren will, hat es deutschlandweit am häufigsten mit Zugangshürden beim Studium zu tun. In diesen Bundesländern sind aktuell fast zwei Drittel der Studiengänge mit einem Numerus clausus belegt. Am leichtesten fällt der Hochschulzugang dagegen in Mecklenburg-Vorpommern: Hier gibt es bei nicht einmal jedem fünften Studiengang einen NC.
Die Zahlen stammen aus der Studie »CHECK Numerus clausus« , die an diesem Donnerstag vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh veröffentlicht wird. Sie lag dem SPIEGEL vorab exklusiv vor. Ausgewertet wurden dafür die Zulassungsbedingungen für das kommende Wintersemester.
Bundesweit starten jedes Jahr rund 900.000 Erstsemester in ihr Studium. Die Mehrzahl der Studienanfängerinnen und -anfänger muss dabei keine Zulassungshürden überwinden: Rund 60 Prozent aller Studiengänge sind zulassungsfrei, nur bei 40 Prozent gibt es einen NC und damit einen Vergleich der Abiturnoten – das sei grundsätzlich ein gutes Zeichen, heißt es in der Studie.
Ungleiche Verteilung
Doch die NC-Quoten sind zwischen den Bundesländern höchst ungleich verteilt: Vor allem in den drei Stadtstaaten gibt es viele NC-Fächer. Baden-Württemberg dagegen ist das Flächenland mit den meisten Zulassungsbeschränkungen.
»Beste Chancen auf einen Studienplatz gibt es in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern, wo nur jeder fünfte Studiengang zulassungsbeschränkt ist«, schreiben die Autorinnen und Autoren. Sie haben auch die Entwicklung der NC-Quoten im Laufe der Jahre erfasst. Die wichtigsten Ergebnisse:
Deutschlandweit sinkt der Anteil der Studienfächer mit NC zwar langsam, aber kontinuierlich. Der aktuelle Wert von 40,1 Prozent ist der niedrigste in den vergangenen fünf Jahren. Im Wintersemester 2017/18 hatte er noch bei 42,4 Prozent gelegen.
Starke Unterschiede gibt es zwischen den einzelnen Fächergruppen: »In den Rechts-, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften ist bundesweit etwa jeder zweite Studiengang zulassungsbeschränkt. In den Ingenieurwissenschaften stehen rund zwei Drittel der Angebote allen Erstsemestern unabhängig von ihrer Abiturnote offen«, so die Fachleute.
Auch die Hochschulform spielt eine Rolle: An den Universitäten sind nur 37 Prozent der Studiengänge mit einem NC belegt, an Fachhochschulen dagegen 42 Prozent.
Und: Beim Bachelor-Studium sind die Zugangshürden mit 42 Prozent etwas höher als bei Master-Angeboten (39 Prozent).
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»Dass den Studieninteressierten des aktuellen Abiturjahrgangs nach diesem außergewöhnlichen Schuljahr mehr als die Hälfte aller Studienangebote ohne Zulassungsbeschränkungen offensteht, ist ein wichtiges und gutes Signal«, sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE. Er verteilte ein Lob an Länder wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg – weil sie in den vergangenen fünf Jahren die NC-Quoten um sechs bis zehn Prozentpunkte senken konnten.
Gründe für die NC-Verteilung
»Hier haben möglicherweise die in manchen Bundesländern gesunkenen Studienanfängerzahlen eine Rolle gespielt«, erklärt Ziegele die Entwicklung: Wo die Nachfrage sinkt, passen die Hochschulen ihre Zulassungsbeschränkungen an. Ganz generell, sagt Studienautor Cort-Denis Hachmeister, bilde die NC-Quote das Verhältnis zwischen den angebotenen Studienplätzen und den interessierten Studienanfängern ab.
So seien die hohen Zugangshürden in den Stadtstaaten unter anderem durch ein überproportional großes Interesse an einem Studium in Hamburg, Berlin und Bremen erklärbar. Im Saarland dagegen, wo es nur eine Universität und eine Handvoll Fachhochschulen gebe, würden viele Fächer nur in einem einzigen Studiengang geboten. »Da kann die Nachfrage dann möglicherweise ziemlich schnell nicht mehr befriedigt werden«, sagt Hachmeister.
Für die Studie hat sich der Hochschulforscher auch einzelne Städte und deren NC-Situation angeschaut. Auch da gebe es deutliche Unterschiede: »Größte Chancen auf einen Studienplatz in einer Hochschulstadt mit mehr als 50.000 Studierenden haben Bewerber:innen in Dortmund«, sagt Cort-Denis Hachmeister. In der Ruhrgebietsstadt liegt die NC-Quote aktuell bei nur 23 Prozent. Noch niedriger ist sie in Städten mit kleineren Hochschulen wie in Kaiserslautern (8 Prozent), Erlangen (6 Prozent) oder Erfurt (5 Prozent).
Erarbeitet wurde der Bericht im Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh. Träger sind die Bertelsmann Stiftung und die Stiftung zur Förderung der Hochschulrektorenkonferenz. An der Studie waren als Forschende Anna Gehlke, Cort-Denis Hachmeister, Elisa Himbert und Vanessa Seitter beteiligt.
Unter allen Städten mit mehr als 17.000 Studierenden haben Saarbrücken (64 Prozent) und Leipzig (63 Prozent) die meisten Studiengänge mit Zugangsbeschränkung. Bemerkenswert sei aber, dass auch in besonders beliebten Studierendenstädten wie Köln, Hamburg, Leipzig oder München die Quoten in den vergangenen Jahren gesunken seien.
Was das für Studieninteressierte bedeutet? Für die, sagt Hachmeister, lohne es sich immer, nicht nur an einer Hochschule, sondern auch etwas weiter entfernt oder in anderen Bundesländern nach einem Studienplatz zu suchen: »Oft gibt es gleichwertige Studienangebote ohne Numerus Clausus sogar an benachbarten Hochschulen.«
Mit anderen Worten: Ein Fach, das im Saarland völlig überlaufen ist, können Studienanfänger möglicherweise schon im benachbarten Rheinland-Pfalz problemlos belegen – vorausgesetzt, sie sind bereit, dorthin umzuziehen oder zumindest zu pendeln.