Hamburg: Zeugen Jehovas nehmen Abschied von Opfern der Bluttat - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bluttat von Hamburg Zeugen Jehovas nehmen Abschied von Opfern

Tausende Gläubige versammelten sich am Samstagabend zu einer Trauerfeier in Hamburg. Sie gedachten der acht Opfer der Amoktat vor rund zwei Wochen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schickte eine Grußbotschaft.
Trauergäste in der Alsterdorfer Sporthalle bei bei einer Gedenkveranstaltung der Zeugen Jehovas am Samstagabend
Trauergäste in der Alsterdorfer Sporthalle bei bei einer Gedenkveranstaltung der Zeugen Jehovas am Samstagabend

Trauergäste in der Alsterdorfer Sporthalle bei bei einer Gedenkveranstaltung der Zeugen Jehovas am Samstagabend

Foto: J.Z. / Jehovas Zeugen in Deutschland / dpa

Tausende Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Zeugen Jehovas haben der Opfer des Amoklaufes mit acht Toten in Hamburg gedacht. Rund 3300 Gläubige versammelten sich am Samstag zu einer Trauerfeier in der Alsterdorfer Sporthalle in der Hansestadt, weitere 90.000 verfolgten die Feier nach Angaben der Organisatoren über das Internet.

Neben Angehörigen der Hinterbliebenen und der überlebenden Opfer waren Vertreter aus mehr als 50 Hamburger Gemeinden der Zeugen Jehovas gekommen. Außerdem nahmen Vertreter aus Politik und Behörden teil, darunter Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne), Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit und die Führungsspitze der Hamburger Polizei.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) redet in der Alsterdorfer Sporthalle bei der Gedenkveranstaltung am Samstagabend

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) redet in der Alsterdorfer Sporthalle bei der Gedenkveranstaltung am Samstagabend

Foto: J.Z. / Jehovas Zeugen in Deutschland / dpa

Vor gut zwei Wochen hatte der 35 Jahre alte Philipp F. bei einer Gemeindeversammlung der Zeugen Jehovas in Hamburg sieben Menschen getötet – darunter ein ungeborenes Kind. Anschließend brachte er sich selbst um. Neun Menschen wurden bei der Amoktat verletzt, zwei von ihnen liegen noch im Krankenhaus.

Philipp F. handelte mutmaßlich aus religiösen Gründen. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten des Extremismusforschers Peter Neuman n für die Hamburger Polizei, das in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Grundlage ist demnach eine Analyse des Buches »Die Wahrheit über Gott, Jesus Christus und den Satan«. Philipp F. hatte das mehr als 300-seitige Pamphlet Ende 2022 veröffentlicht.

Bundespräsident Steinmeier spricht von »barabarischer Tat«

»Wir sind sprachlos angesichts des Ausmaßes an Gewalt und der Brutalität«, sagte Dirk Ciupek vom Zweigbüro Zentraleuropa in seiner Gedenkansprache. Die Gemeinschaft fühle sich der Polizei zu großem Dank verpflichtet, die in der Tatnacht ohne zu zögern und unter Einsatz des Lebens weitere Opfer verhindert habe. Dank gelte unter anderem auch der Feuerwehr, den Rettungskräften und dem Glaubensbruder, der bei dem Angriff noch geistesgegenwärtig das Licht im Saal ausgemacht habe – »und dadurch wohl Leben rettete, nur sein eigenes nicht«.

Musiker spielen in der Alsterdorfer Sporthalle bei einer Gedenkveranstaltung der Zeugen Jehovas für die Opfer eine Amoklaufs

Musiker spielen in der Alsterdorfer Sporthalle bei einer Gedenkveranstaltung der Zeugen Jehovas für die Opfer eine Amoklaufs

Foto: J.Z. / Jehovas Zeugen in Deutschland / dpa

Ciupek betonte: »Es wird ein anderes Leben sein als vorher, es wird ein Leben sein mit einer Leerstelle, einer Leerstelle, die wehtut.« Er beschrieb in seiner Rede die Eigenschaften und Besonderheiten jedes einzelnen Opfers, etwa des ungeborenen Mädchens, auf das sich die Versammlung schon so gefreut habe. Das Kind habe bereits jede Stimme der Versammlung gekannt, weil dort jeder das Mädchen schon im Bauch begrüßt habe. »Ja, wir vermissen unsere Toten, wir trauern um unsere Toten. Sie werden Teil von uns bleiben«, sagte Ciupek.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte in einer von Bürgermeister Tschentscher verlesenen Grußbotschaft: »Wir gedenken heute der Opfer eines schweren Verbrechens.« Die Opfer der Bluttat seien Teil der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas gewesen – »und vor allem waren sie Söhne, Ehefrauen, Ehemänner, Brüder, geliebte Menschen, Freunde, Weggefährten«. Durch eine barbarische Tat sei ihnen das Leben genommen worden.

»Diese gnadenlose Tat hinterlässt nichts als Verlust, Trauer und Zerstörung«, mahnte Steinmeier. Viele Menschen seien auch verletzt worden. »Ihnen allen, liebe Hinterbliebene, liebe Freunde und Weggefährten der Opfer, gilt mein aufrichtiges, mein tiefes Mitgefühl.« Dieses Verbrechen richte sich gegen das, wofür Deutschland stehe. »Dieses Unrecht betrifft uns alle.«

Die christlichen Kirchen haben bereits am vergangenen Sonntag in der Hauptkirche St. Petri mit einer ökumenischen Veranstaltung der Opfer gedacht. Mit der glaubensübergreifenden Gedenkveranstaltung wollten die Hamburger Kirchen der Trauer einen Raum geben und Trost und Fürsorge spenden. Die Zeugen Jehovas unterstützten das Gedenken, nahmen selbst aber nicht an der Trauerfeier teil.

sug/dpa