Charleston: Barack Obama hält bewegende Trauerrede - DER SPIEGEL
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Obama in Charleston "Wir waren zu lange blind"

Bewegende Momente: Bei der Trauerfeier für die Opfer von Charleston findet Obama jene klaren Worte zum Rassismus gegenüber Schwarzen, auf die viele lange gewartet haben. Zum Schluss sang er zusammen mit der Trauergemeinde "Amazing Grace".
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Draußen vor der TD Arena von Charleston steht Michael Gilchrist. Er ist 52 Jahre alt, ein Truck-Fahrer, geboren und aufgewachsen in dieser Stadt, wo in der vergangenen Woche der weiße Nazi Dylann Roof neun Schwarze mit seiner Pistole hinrichtete. Am Ende einer Bibelstunde.

Barack Obama sei ein wunderbarer Präsident, sagt Michael Gilchrist, er bewundere ihn, sein Beispiel sei Ermutigung gewesen, es habe gezeigt, was Schwarze in dieser Gesellschaft erreichen könnten. Heute aber wolle er klare Worte von seinem Präsidenten hören. Klare Worte zum schwierigen Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen in diesem Land.

Drinnen singen die Trauergäste ein Loblied auf den Herrn, "King Jesus Is the Captain". Obama tanzt dazu in der ersten Reihe, gleich vor dem Sarg von Pastor Clementa Pinckney, dem prominentesten Opfer des Massakers von Charleston. Oft genug hat er die Schwarzen Amerikas in den vergangenen Wochen enttäuscht. Sie fanden, dass er nicht scharf, nicht kämpferisch genug auf die rassistisch motivierten Morde an Schwarzen reagiert hatte. Auf den Tod des unbewaffneten Michael Brown durch einen weißen Polizisten in Ferguson etwa. Oder den von Walter Scott im nur wenige Meilen entfernten North Charleston, den ein weißer Officer von hinten auf der Flucht regelrecht erlegte.

An diesem Freitag wird Obama sie nicht enttäuschen. Zu lange sei Amerika blind gewesen, sagt dessen Präsident. Er sagt es im Gestus der Nachdenklichkeit, gar der Selbstkritik. Doch dann liest er seinem Volk gehörig die Leviten, so engagiert und unmissverständlich, wie er es nie zuvor getan hat, wenn es um Rassismus ging. Es scheint, als habe sich Obama auf der Zielgeraden seiner Präsidentschaft auch beim Umgang mit diesem Thema von allen taktischen Zwängen befreit.

Immer wieder Jubel, Juchzen und Standing Ovations

"Zu lange waren wir blind für die Schmerzen, die die Südstaaten-Flagge bei vielen unserer Bürger auslöst", beginnt Obama. Gewiss, die Flagge allein habe die Morde nicht verursacht. Aber sie sei immer mehr gewesen als ein privates Andenken an die Vorfahren.

"Für viele war die Flagge Erinnerung an systematische Unterdrückung." Die Flagge nicht mehr zu verwenden, wäre ein endgültiges Eingeständnis, dass das Ziel, für das die Südstaaten kämpften, die Sklaverei nämlich, ein falsches war. Dass die Jim-Crow-Rassengesetze falsch waren. Es wäre ein erster Schritt zu einem ehrlichen Umgang mit der Geschichte Amerikas.

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Trauerfeier in Charleston: Obama nimmt Abschied

Foto: Jonathan Ernst / REUTERS

Immer wieder werden Obamas Sätze mit Jubel, Juchzen und Standing Ovations bedacht. Und Obama mahnt weiter. Zu lange sei Amerika zu blind gewesen, um zu erkennen, dass die Diskriminierung von Schwarzen bis heute andauere, sagt er. "Vielleicht bewirkt die Tragödie, dass wir uns ein paar harte Fragen stellen."

Etwa, warum man es zulasse, dass so viele schwarze Kinder in Armut aufwüchsen, ohne Hoffnung auf einen Job. Vielleicht bringe die Tragödie von Charleston sein Land dazu, einen kritischeren Blick auf das Justizwesen und die Arbeit der Polizei zu werfen. Dann erkenne man vielleicht endlich, dass Hunderttausende Schwarze in den überfüllten Gefängnissen des Landes verschwinden, für Delikte, wegen denen Weiße bestenfalls eine Geldbuße aufgebrummt bekommen.

"Vielleicht", so Obama, "verstehen wir jetzt endlich, wie uns Voreingenommenheit gegenüber anderen Hautfarben beeinflusst, selbst wenn wir uns gar nicht über sie bewusst sind." Vielleicht, sagte er in Bezug auf einen typisch weißen und einen typisch schwarzen Vornamen, "verschwindet dann eines Tages auch der offenbar natürliche Impuls, Johnny zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen und nicht Jamal."

Gewiss würde sich der Umgang zwischen Weißen und Schwarzen nicht über Nacht ändern, auch nach dieser Tragödie nicht, sagt Obama zum Abschluss seiner Rede. "Aber es wäre ein Verrat an den Opfern, wenn wir zulassen, dass wir wieder in den Zustand des bequemen Schweigens verfallen."

Dann stimmte er das emotionale Gotteslob "Amazing Grace" an, und alle erheben sich und singen mit. Und draußen auf der Straße, in der Hitze South Carolinas, steht der schwarze Truckfahrer Michael Gilchrist, der schon immer stolz auf seinen Präsidenten war und es jetzt noch ein wenig mehr ist.