Genusserziehung: Streicheln Sie die Currywurst! - DER SPIEGEL
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Genusserziehung Streicheln Sie die Currywurst!

Man muss sie nicht mögen: Die Currywurst, mit kruder Gewürzmischung gedopter schrumpeliger Bratling, ist der Renner in bundesdeutschen Kantinen. Ein warnendes Wort: Bloß weil etwas scharf und leicht verfügbar ist, sollte man nicht kritiklos zubeißen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit Currywurst können Sie mich jagen.

Der Ketchup-umtunkte Bratling ist die wurstgewordene Trotzhaltung des kulinarisch kleinen Mannes gegenüber gepflegter Ernährung, geschmacksfauler Ausdruck einer latent aggressiv antikulinarischen Haltung. Bei Currywurst-Essern muss es immer schnell, grobwürzig und vor allem volkstümlich zugehen. Credo: Jeder Mensch liebt schlichtes Essen - sind wir nicht alle ein bisschen Curry?

Blödsinn. Nur weil etwas scharf, leicht verfügbar und im Stehen zu essen ist, hat es noch keinen Anspruch auf den Heiligenschein des kulinarischen Konsenses.

Ist es übrigens nicht erstaunlich, dass - allen Jamie Olivers und Christian Rachs und siebentausend Kochshows im TV zum Trotz - der deutsche Konsument anscheinend mit seiner gebratenen Wurst zwischen den Fingern noch immer am glücklichsten ist?

Nun gut, so sei es - hier jedoch ein dringender Appell: Lassen Sie keine geschmackliche Allerweltswurst auf Ihren Teller!

Wenn Sie nicht nur in Ihrer Unternehmenskantine, sondern auch im Restaurant Currywurst verzehren möchten, fragen Sie den Imbiss-Gastgeber nach Details zur Herkunft des Grillgutes. Wenn der nicht mit der Sprache heraus will, gehen Sie besser ein Haus weiter. Schließlich ist Deutschland das weltweit führende Wurstland! Ob die Masse aus Rind-, Lamm-, oder Schweinefleisch verfertigt ist, muss schmeckbar sein. So viel sind wir unserer Tradition schuldig.

Besseres Image und mehr Qualität für die Currywurst: Einige clevere Gastronomen machten bereits vor Jahren mit Marketing und Produktinnovation aus der Curry- eine Gourmetwurst. Vielfach betrieben die Neuanbieter jedoch schlichte Schaumschlägerei. Helle Räume, modisches Mobiliar, selbstbewusstes Speisekarten-Layout: Schon wird die Wurst stylish. Aber das sind Äußerlichkeiten - wahre Schönheit, sprich Qualität, kommt von innen. Und diese Schönheit muss man schmecken können.

Wenn Sie zum ersten Mal in eine Currywurst beißen, die etwa aus Pata-Negra-Schinken oder italienischer Salsiccia verfertigt wurde, spüren Sie den Unterschied.

Eine Wurst mit Charakter ist kein Objektträger für rote Soße. Das Fleisch der freilaufenden schwarzen Schweine aus Spanien schmeckt halt besser: nussig, kräftig, markant. Das ist gewöhnungsbedürftig - wie der erste Schluck "Lagavulin"-Maltwhisky, der schmeckt auch nicht jedem. Später ist er das Maß aller Dinge.

Würste eigener Art und Qualität bietet beispielsweise die "Curry Queen", ein kleines Imbiss-Restaurant im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Neben den erwähnten Spezialanfertigungen serviert der Wirt Sascha Basler dort hausgemachte Tomatensoße mit süßen, pikanten, scharfen und schärfsten Gewürzmischungen vom ex-Sternekoch Ingo Holland. Von Extremen rate ich hierbei ab, denn "elektrische" Schärfe tötet den Geschmack selbst der besten Wurst.

Wenn Sie eine hervorragende natürliche Wurst auf dem Teller haben: Streicheln Sie sie, statt sie mit Chili zu ermorden.