Kurz vor Einbruch der Dunkelheit will Claudia Breit hier ein Tier erlegen. Die 27-jährige Jägerin hat es auf etwas ganz Bestimmtes abgesehen. Bevor sie den Hochsitz im oberfränkischen Revier besteigt, zeigt sie uns Aufnahmen, die sie mit ihrer Wildkamera gemacht hat.
Claudia Breit, Jägerin:
»Ich hatte einen Bock auf der Kamera, der eine Abnormität hat. Also, der hat nur eine Stange anstatt zwei. Hier hat er nur eine. Wenn es zu Einstandskämpfen oder Revierkämpfen kommt, kann es sein, dass der Bock dem anderen zwischen die Augen sticht und der andere dann sehr unschön verstirbt. Deswegen haben wir es heut so ein bisschen auf den abgesehen und hoffen, dass der kommt. Weil das wäre eben einer, wo ich sage, den können wir guten Gewissens entnehmen. Ich zeige ihn euch mal. Da sieht man ganz deutlich, dass der eben nur eine Stange hat, also eben nur die eine Seite. Und das wäre eben unser Ziel heute.«
Claudia Breit ernährt sich »wilgan«, sie isst vorwiegend vegane Produkte – und selbst geschossenes Wild. Der Psychologin geht es um Nachhaltigkeit und Naturschutz. Aktuell haben mehr als 400.000 Menschen in Deutschland einen Jagdschein. Das sind rund 36 Prozent mehr als noch vor 30 Jahren – so viele wie noch nie. Und: Immer mehr Frauen und junge Menschen wollen jagen. Viele sind wie Claudia Breit auf Social Media aktiv, nennen sich »Waldfluencer« und werben für ein modernes Image der Jagd. In der Jagdschule Kasseedorf in Schleswig-Holstein trainiert Max Lindstädt für seine Jagdprüfung in zwei Wochen. Ihn hat auch das Jagdfieber gepackt, mit 23 Jahren ist er einer der Jüngsten im Kurs.
Max Lindstädt, Jagdschüler:
»Die größte Schwäche ist, glaub ich, den Kopf auszuschalten, dass man nicht so viel nachdenkt. Wenn man zu viel nachdenkt, dann wird das nichts mit dem Treffen.«
Erster Schussversuch: Fehler. Drei von zehn Tontauben muss der Anlagenmechaniker treffen, um die Schießprüfung zu bestehen. Lindstädt investiert viel Zeit und Geld in sein Hobby. Knapp 1700 Euro kostet der Jagdschein, obendrauf kommen noch mehrere Hundert Euro für Lernmaterial, Ausrüstung und Munition. Was treibt ihn an?
Max Lindstädt, Mechaniker:
»Wenn man am Ende sieht, was man erlegt hat und das Fleisch auch wirklich verwerten kann. Das ist natürlich schon was Schönes. Wenn du weißt, wo es herkommt, dass es auch waidgerecht oder waidmännisch erlegt worden ist.«
Beim zweiten Mal sitzt der Schuss. Und auch die Theorie gehört zur Ausbildung dazu. In dem 20-Personen-Kurs sind auch vier Frauen dabei, die aber nicht gefilmt werden möchten. Ausbilder Karlheinz Theiß wiederholt die unterschiedlichen Entenarten mit den Schülern. Irgendwann werden sie auch auf echte Tiere schießen müssen. Wie kommt das im Freundeskreis an?
Max Lindstädt, Jagdschüler:
»Von den meisten wird es akzeptiert, viel Zuspruch tatsächlich auch. Meine Schwester ist tatsächlich Veganerin. Die fand das jetzt nicht so gut. Einfach nur, weil sie kein Fleisch isst. Aber sie meinte auch: Das ist der ehrlichste Weg Fleisch zu erwerben. Sie meinte, jeder soll machen, was er möchte.«
Der Traum von der Jagd wird für Lindstädt vorerst platzen. Bei der alles entscheidenden Prüfung fällt er durch. Zurück auf dem Hochsitz. Psychologin Claudia Breit bereitet sich auf den Schuss vor. Als Coachin unterstützt sie junge aber auch erfahrene Jäger mit mentalen Trainings, um beim Schießen sicherer zu werden.
Claudia Breit, Jägerin:
»Ich mache immer einen Probeanschlag. Dass ich mich einrichte, dass ich weiß, bin ich ruhig beim Schuss, dass ich dann ganz souverän und ruhig mich nur darauf konzentrieren kann, einen guten Schuss zu machen.«
Reporterin:
»Warum ist diese mentale Ruhe wichtig?«
Claudia Breit, Jägerin:
»Weil wenn ich im Ernstfall einen Fehler mache, dann verursache ich Tierleid und ich jage ja, weil ich kein Tierleid möchte im Sinne der Massentierhaltung. Und deswegen: mein Vorsatz ist wirklich jedes Tier sofort tödlich zu treffen. Und deswegen tue ich auch alles dafür.«
Ein Tier töten, um Tierleid zu vermeiden? Für Breit kein Widerspruch.
Claudia Breit, Jägerin:
»Ich esse nicht immer jeden Tag Fleisch, sondern klassisch bei meiner Mama am Sonntag. Ich kenne auch ein paar Leute, die essen jeden Tag Fleisch, aber verurteilen mich als Jäger, weil sie sagen: Wie kannst du ein Tier töten? Das Tier hat mal gelebt. Das war so süß. Kommen dann aber mit ihrem Salamibrötchen an. Wo ich sage: Du verschließt die Augen. Das Einzige, was du anders machst als ich, ist den Tötungsauftrag abzugeben. Und da wünsche ich mir halt mehr Verständnis.«
Noch ist kein Reh am Hochsitz in Sicht. Mit einer Lockpfeife imitiert Breit eine Geiß. Der Laut soll paarungswillige Rehböcke anlocken. Ob es gelingt? Die Dämmerung hat eingesetzt. Breit hat ihren Hochsitz verlassen. Sie versucht es nun mit der Pirsch auf dem Feld. Da heißt es leise sein.
Claudia Breit, Jägerin:
»Da sind jetzt zwei aufgetaucht.«
Alles scheint perfekt für einen Abschuss – aber dann:
Claudia Breit, Jägerin:
»Das waren wir.«
Der junge Bock hat uns gehört und die anderen Rehe in der Nähe gewarnt. War’s das jetzt? Breit will trotzdem nicht aufgeben. Sie ist zuversichtlich, dass noch etwas vorbeikommt.
Claudia Breit, Jägerin:
»Da kommt tatsächlich einer – von da. Ich hab’ mal geschaut, der reagiert aufs Blatten. Aber der ist noch so weit weg. Bis dahin ist es wahrscheinlich dunkel bis der der da ist.«
Heute hat sie keinen Jagderfolg mehr. Es ist Zeit einzupacken.
Claudia Breit, Jägerin:
»Meine Bilanz ist soweit gut, weil mein Ziel war primär, dass wir erst mal was sehen. Und wenn es zum Abschuss gekommen wäre, hätte ich mich gefreut. Aber ich freue mich genauso, wenn wir jetzt einfach nur die Natur genießen konnten.«
Am nächsten Morgen: Im Kühlraum von Breits Revier hängt ein Rehbock, den ein anderer Jäger geschossen hat. Die Jägerin will heute das Tier »entkleiden«. Das bedeutet, das Fell abziehen, um es danach zu Fleisch und Wurst zu verarbeiten. Ein emotionaler Schritt – auch für einen Profi wie Claudia Breit.
Claudia Breit, Jägerin:
»Ich finde auch so lange das Fell, also diese Decke, noch dran ist und man das Tier noch erkennt, fällt es mir auch schwerer, als wenn wir dann nur noch hier die Fleischstücke haben. Wenn man den ersten Bock erlegt oder das erste Reh und das dann isst, dass das dann noch mal so ein emotionales Erlebnis ist zu wissen okay, ich hab mich von vorn bis hinten drum gekümmert.«
Breit macht heute für uns eine Ausnahme und zerlegt das Tier vor der Kamera. Auf ihrem Instagram Kanal, auf dem ihr 10.000 Menschen folgen, teilt sie das nie. Zu heftig seien die Kommentare. Dabei sei die richtige Verarbeitung ein wichtiger Prozess. Immerhin zu Hause in Bayern ecke sie mit ihrer Passion, dem Jagen weniger an als im Netz:
Claudia Breit, Jägerin:
»Ich habe sogar auch wirklich Freunde, die vorher noch nie Fleisch gegessen haben, weil sie eben aus ethischen Gründen kein Fleisch essen möchten und die nur Fleisch von mir essen. Also die dann sich zum Geburtstag wünschen, dass wir Burger grillen können. Und das ist eben schön. Einfach auch, dass ich da, sage ich mal, meine Werte weitergeben kann«.
Dann ist der Bock fertig. Am nächsten Tag zerlegt ihn der Jäger, der ihn geschossen hat. Claudia Breit verkauft das Fleisch dann weiter zum Beispiel an Wirtshäuser oder Privatpersonen. Für Breit gibt es am Ende noch ein Stück Reh-Keule aus der Kühlung für das Sonntagsessen bei ihrer Mutter.