John Edwards' Affäre: Selbstentblößung einer Betrogenen - DER SPIEGEL
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John Edwards' Affäre Selbstentblößung einer Betrogenen

Sie gab alles für ihn auf, kämpfte für seine Karriere - dann betrog er sie während der Präsidentschaftsvorwahlen, und sie blieb bei ihm. Die Affäre um John Edwards schockierte die USA, jetzt geht die krebskranke Ehefrau mit einem Buch an die Öffentlichkeit. Ein trauriges Drama von Verrat und Selbstvermarktung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Es ist ihr kaum anzusehen, dass sie Krebs im Endstadium hat. Dass sie selbst nicht weiß, wie lange sie noch zu leben hat, "ein Jahr oder zehn Jahre". Sie sieht, wie ihr Gegenüber erstaunt bemerkt, "sogar richtig gut aus", in ihrer hellgelben Strickjacke über der weißen Bluse. Ihr Haar fällt locker auf die Schultern.

Ihre Haltung aber spricht Bände. Stocksteif sitzt sie, die Füße eng beieinander, die Hände fest im Schoß verschränkt. Und dann öffnet sie den Mund, und ihre Stimme ist heiser, brüchig. "Ich wollte nur, dass er mit treu ist", sind ihre ersten Worte. "Das war mir enorm wichtig."

Elizabeth Edwards, 59, Ehefrau des früheren demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten John Edwards, leidet an Brustkrebs. Die Metastasen haben sich ausgebreitet. Zugleich leidet sie aber auch noch an anderen Qualen - und es sind die, die ihr ganz offensichtlich die Stimme brechen lassen: Verrat, Betrug, Demütigung.

Im August 2008 - sieben Monate nach der Aufgabe seiner Kandidatur - gestand John Edwards, eine Affäre mit einer Wahlhelferin gehabt zu haben. Ganz Amerika stand unter Schock: Edwards, der Robin Hood der Armen, der "gute Mensch", wie ihn viele nur nannten. Der Mann, der einmal mit Barack Obama und Hillary Clinton Kopf an Kopf im Präsidentschaftsrennen lag.

Doch der untreue Ehemann verschwand schnell von der Bildfläche, und auch seine schwerkranke Gattin äußerte sich nie. Bald erstarb das Medieninteresse an der anrüchigen Story.

Groß inszenierte PR-Kampagne

Bis jetzt. Elizabeth Edwards hat es wiederbelebt. Sie hat ein Buch geschrieben über ihre doppelte Tortur, den Krebs und den Seitensprung. "Resilience" heißt es, Unverwüstlichkeit, und an diesem Freitag kommt es auf den Markt. Ihr Verlag propagiert es als eine "inspirierende Meditation über die Gaben, die wir in den größten Herausforderungen des Lebens finden können".

Zum "Launch", wie der Auftakt einer groß inszenierten PR-Kampagne ja längst nur noch heißt, hat Mrs. Edwards Amerikas Top-Seelentrösterin zu sich eingeladen: Talk-Queen Oprah Winfrey. Deren TV-Team rückte mit zwei schwarzen SUVs in North Carolina an, wo die Edwards ein riesiges Anwesen unterhalten, finanziert von dem Vermögen, das er als Strafverteidiger verdiente. 2600 Quadratmeter Wohnfläche auf einem 42-Hektar-Areal, samt eigener Sporthalle und umringt von Schildern: "Betreten verboten."

Das Interview wurde im März aufgezeichnet, aber erst am Donnerstag ausgestrahlt, rechtzeitig zur Buchpublikation. Auszüge hatte Winfreys Produktionsfirma Harpo in den Tagen zuvor strategisch gestreut, um den Effekt dieser grotesken Kreuzung aus Selbstentblößung und Selbstvermarktung zu maximieren. Was die Frau im Zentrum dieses intimen Dramas dazu bewegte, war am Ende nicht die einzige, deprimierende Frage, die unbeantwortet blieb.

Die Edwards begrüßen Winfrey wie eine Vorzeigefamilie, sauber aufgestellt im Foyer, inklusive der beiden jüngeren Kinder. Der Ex-Kandidat trägt Jeans, ist wortkarg und verschwindet alsbald in der Küche. Ein Dienstbote huscht aus dem Bild. Drinnen präsentiert das Wohnzimmer eine gruselige, da leicht durchschaubare Illusion von Idylle: Symmetrisch arrangierte Möbel, gerahmte Kinderbilder überall, Brokatkissen mit Kniff.

Eine Liebesnacht mit Rielle Hunter

Die Idylle zerbrach im Dezember 2006. Da beichtete Edwards - am Tag vor Silvester und zwei Tage, nachdem er seine Kandidatur erklärt hatte - seiner Frau eine "Indiskretion": Eine Liebesnacht mit Rielle Hunter, der Ex-Freundin des Schriftstellers Jay McInerney, die er in einer Hotelbar kennengelernt und dann engagiert hatte, Wahlkampf-Webvideos für ihn zu drehen. Sie habe "geweint, geschrien und sich erbrochen", beschreibt Elizabeth Edwards ihre Reaktion auf die Nachricht in "Resilience".

In dem Interview benutzt sie das Wort "Affäre" aber kein einziges Mal, und auch das Gespräch führt sie nur unter der Bedingung, dass Hunters Name nicht genannt wird. Auch die ungeklärte Frage, ob ihr Mann der Vater von Hunters nunmehr einjähriger Tochter ist, umschifft sie: "Es macht keinen Unterschied für mich", behauptet sie. Leugnen, das wusste schon Sigmund Freud, ist eine Form des Schutzes.

"Diese Frau hat ihn ausgesucht", sagt Edwards. Die Anmache habe aus vier Worten bestanden: "Du bist so scharf." Warum der Saubermann darauf angesprungen sei? "Ich glaube, das weiß er bis heute nicht."

Die Schuld ist klar verteilt. "Keiner ist perfekt", sagt Elizabeth Edwards. "Leute machen Fehler." Das sagt sie über den Abtrünnigen - nicht über Hunter.

Kampf gegen den Krebs

All das sind extrem private Gedankengänge, die kaum in die Öffentlichkeit gehören. Doch das Leben der Edwards war immer schon Gemeingut: Die Herkunft aus einfachsten Verhältnissen, der Unfalltod ihres 16-jährigen Sohnes 1996, ihr Kampf gegen den Krebs. Edwards nutzte das alles für seine Karriere.

So wurde er schließlich zum Anwärter aufs Präsidentenamt, ein aussichtsreicher sogar in den Tagen der Vorwahlen von Iowa und New Hampshire. Ein Mann, der sich oft moralisch über die Rivalen aufschwang - und später selbst die "moralische Schande" des außerehelichen Schäferstündchens eingestand.

Der Skandal erschütterte das wankende Vertrauen vieler Amerikaner in ihre Politiker nur noch weiter - in einem Wahljahr, da ein Kandidat namens Barack Hussein Obama einer Mehrheit abverlangte, über ihre Schatten des Zweifels zu springen. Vor allem Edwards' Anhänger waren am Boden zerstört: Hatte er doch dieses Rennen, in das sie Zeit und Millionen investiert hatten, in dem Wissen geführt, dass er dem Untergang geweiht war.

Elizabeth Edwards' Rückkehr ins Rampenlicht zerrt aber noch weitere Verwerfungen des Ehelebens aus der Versenkung, und man wünscht fast, dass sie dort geblieben wären. Denn die Gattin, von Anfang an eingeweiht, hatte die Scharade ja mit gedeckt - das Opfer wurde, wie so oft, zum Komplizen. Warum, will auch Winfrey wissen.

Der zweite Verrat

"Ich hielt es für das Beste, den Wahlkampf abzubrechen", antwortet Elizabeth Edwards, um Worte ringend. "Für meine Familie, meine Kinder, für John, für mich." Doch ihr Mann habe beteuert, dass die Politik wichtiger sei als der Fehler einer Nacht. Erst eineinhalb Jahre später habe er gestanden, dass es nicht nur eine Nacht mit Hunter gewesen sei, sondern viele.

Es war der zweite Verrat, und trotzdem hielt sie weiter zu ihm, zumindest nach außen hin. "Stand By Your Man", nannten viele Blogs das später spitz - der Titel der größten Hits, mit dem Country-Megastar Tammy Wynette einst gegen die US-Emanzipationsbewegung ansang.

Jetzt interessiert sich auch die Justiz für Edwards: Der hatte seiner Geliebten mehr als hunderttausend Dollar aus der Wahlkampfkasse für ihre Laienfilmchen gezahlt, die nie genutzt wurden. Inzwischen hat ein Geschworenengericht Ermittlungen gegen ihn aufgenommen - wegen Verdachts auf Verletzung des Wahlgesetzes.

"Das Leben, das ich aufgebaut habe"

"Sie setzte alles auf John", resümiert Maureen Dowd, scharfzüngige Kolumnistin der "New York Times", die Tragödie der Edwards'. Und dann habe Elizabeth bei seinem Verrat "mitgemacht", indem sie den Wählern das falsche Image und den Charme ihres Gatten "verkauft" habe. "Sie hatte so viele Münzen in den blitzenden Spielautomaten ihrer gemeinsamen Ambition gesteckt. Es war schwer, das aufzugeben."

"Dies ist das Leben, das ich aufgebaut habe", sagt Elizabeth Edwards zu Winfrey und deutet auf das feine Mobiliar ringsum, die Souvenirs einer vormals "perfekten Ehe", wie sie sagt. "Das bedarf einer Menge Arbeit." Sie seufzt.

Am Schluss führt sie Winfrey durch die Villa, durch Flure, die mit Hunderten Fotos ihres einst glücklichen Daseins tapeziert sind. An der Sporthalle stoßen sie auf John Edwards. Widerwillig stellt der sich Winfreys Fragen. Ob sie sich versöhnt hätten? "Es geht so", murmelt er. "Es ist nicht vorbei."