Hightech-Greifer: Fünf Finger, 25 Motoren - eine bionische Hand
Künstliche Hand mit Formel-1-Technik Matthews Glücksgriff
London - Eigentlich ist Matthew James ein ganz normaler Teenager, man könnte ihn höchstens für ein wenig nerdig halten. Der 14-Jährige begeistert sich für Feinmechanik, Chiptechnologie, Elektronik. Da liegt es nahe, dass er auch für die Formel 1 schwärmt. So weit, so normal. Doch ein entscheidendes Detail unterscheidet ihn von seinen Altersgenossen. James trägt funkelnde Formel-1-Technik am Handgelenk, seine bionische Hand entstand in Kooperation mit dem Mercedes-GP-Team.
James ist ohne linke Hand zur Welt gekommen. Über Jahre plagte er sich mit mittelmäßigen Standard-Prothesen herum. "Meine alte Handprothese hatte einen simplen Mechanismus. Viel mehr als Öffnen und Schließen war damit nicht möglich", sagte er der britischen "Daily Mail". Hochwertige Exemplare waren zwar auf dem Markt, für die Mittelschichtfamilie aus der Nähe von London jedoch unerschwinglich. Und so fasste James einen Plan.
Ein finanzkräftiger Sponsor musste her. Am besten einer, der sich in der Hightech-Welt gut auskennt. Ein Blick in die Jahrbücher der Reading School lieferte einen perfekten Kandidaten. Ross Brawn, genialer Motorenbauer und Teamchef des Mercedes-Rennstalls, hatte hier seinen Abschluss gemacht. Auch Matthew James drückt dort die Schulbank.
Also verfasste James einen Brief an das Rennteam - mit einem Angebot. Mercedes sollte ihm die Prothese zahlen, so der Plan. Dafür würde er das Logo des deutschen Autoherstellers spazieren tragen. Klassisches Sponsoring also.
Binnen einer Woche flatterte ein Antwortschreiben in den Briefkasten. Man könne zwar nicht einfach die nötigen 35.000 Pfund (rund 40.000 Euro) überweisen, so Mercedes. Aber man werde sich mit dem Hersteller der Hightech-Gliedmaßen in Verbindung setzen. Das komplette Team sei von der Geschichte des Jungen ergriffen gewesen, hieß es von Mercedes. Auch habe man "technische Parallelen zwischen Rennsport- und Prothesentechnik festgestellt", sagte Teamchef Brawn der "Daily Mail".
Mit der iLimb ins Physiklabor
Was folgte, war klassischer Technologie-Transfer. "Die Firmen haben sich ausgetauscht. Am Ende hat Mercedes GP einige wichtige Teile zu der neuen Hand beigesteuert. So sank der Preis dramatisch", sagte Vater Rob James SPIEGEL ONLINE. Einige tausend Pfund fehlen zwar noch zum endgültigen Kauf, doch hier hofft die Familie auf Spenden .
Schon jetzt trägt Matthew James die iLimb, so die Bezeichnung für das futuristische Werkzeug, am Handgelenk, ganz ohne Sponsorenaufkleber, aber mit einer gehörigen Portion F1-Technik.
Was das neue Greifwerkzeug so besonders macht, schildert Vater Rob: "Mein Sohn kann eine ganze Reihe von Handbewegungen vorab programmieren. Die Prothese besitzt außerdem eine Bluetooth-Schnittstelle, mit der wir über den Computer blitzschnell auf die Software zugreifen können." Matthews Handbewegungen würden durch die filigrane Bauweise deutlich präziser.
Außerdem - und das sei schließlich für einen Teenager nicht ganz unwichtig - sehe die iLimb "einfach cool aus". Der einzige echte Nachteil sei noch die Batterielaufzeit. Spätestens nach acht Stunden verlieren die Akkus an Leistung. "Meist müssen wir am frühen Nachmittag nachladen", so Rob James.
Die Kooperation mit dem Rennsport ist noch lange nicht beendet. Schon bald wird die künstliche Hand in die Lackiererei des F1-Teams geschickt. Matthew kann sich dann eine Farbgebung ganz nach seinen Wünschen zusammenstellen.
Die Hand reagiert auf Muskelimpulse im Armstumpf und kann dank mehrerer Elektromotoren eine ganze Reihe von Bewegungen ausführen. "Es ist ein unglaubliches Vergnügen zu sehen, wie Matthew seine neue Freiheit entdeckt", sagt Rob James.
Das Ende der Schulferien kann James seitdem kaum erwarten. Mit dem neuen Greifwerkzeug könne er nun endlich bei Experimenten im Physikunterricht teilnehmen. Für James hat dies große Bedeutung. Schließlich will er - wenig überraschend - Ingenieur werden.
Eine Kleinigkeit hatte er bei seinem ausgeklügelten Plan jedoch nicht bedacht. Seit James mit der linken Hand wieder greifen, manövrieren und eben auch ordentlich zupacken kann, hat Mutter Tina eine ganze Liste an Hausarbeiten für den Teenager zusammengestellt. "Plötzlich kann er Essen zubereiten, den Tisch decken. Die Prothese ist wirklich das beste Werkzeug, das man haben kann", sagt Rob James.