PID-Debatte: Babytest mit Strandurlaub - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

PID-Kliniken: Beach und Baby

PID-Debatte Babytest mit Strandurlaub

Sollen Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas erlaubt werden? In Deutschland wird PID als ethisches Thema diskutiert. Anderenorts wird das Diagnoseverfahren als schlichte Dienstleistung gesehen - und auch inklusive Strandurlaub angeboten. Wie sinnvoll sind Verbote, die man umfliegen kann?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt Paare, die wollen es vorher wissen: ein Mädchen, ein Junge? Kein Problem: Immer bessere Ultraschallverfahren erlauben zunehmend präzise Diagnosen. Paare, die die Frage nach dem Geschlecht ihres ungeborenen Kindes als letztes verbleibendes Mysterium sehen, wissen, dass sie sich schon mit Händen und Füßen dagegen wehren müssen, es vorab zu erfahren. Nur allzu gern beweist Onkel Doktor seine Kompetenz durch die ungefragte Beantwortung der Zipfel-Frage.

Diese pränatale Indiskretion ist ja verständlich, immer weniger Menschen wollen rund um Schwangerschaft und Geburt überhaupt noch Überraschungen erleben.

Es gibt Paare, die wollen aktiv eingreifen, wollen Krankheiten nicht nur rechtzeitig erkennen, sondern präventiv ausschließen. Oder - ganz profan - schon neun Monate vor der Niederkunft die Tapetenfarbe im Kinderzimmer verbindlich bestimmen. Die Festlegung des Geschlechts gehört zu den beliebtesten Dienstleistungen so mancher Fertilitätsklinik im Ausland - denn in Deutschland ist sie verboten.

Möglich macht so etwas nur die hierzulande heiß diskutierte Präimplantationsdiagnostik (PID). Das Diagnoseverfahren erkennt bereits eine ganze Reihe genetisch determinierter Krankheiten und Behinderungen. Schon kurz nach der In-Vitro-Befruchtung (IVF-Verfahren) im Reagenzglas entnehmen die Ärzte eine der vier bis acht Zellen und sequenzieren deren Gene.

Wann ist ein Mensch ein Mensch?

Zu diesem Zeitpunkt spricht man von einer sogenannten Morula, aus der wenig später die Blastula entsteht, daraus der Embryo, daraus dann ein Baby, ein fertiger Mensch. In vielen Ländern sieht man das PID-Verfahren darum als vorembryonal an und hat wenig Probleme damit. Durchgeführt wird es an mikroskopischen Häuflein von zu diesem Zeitpunkt noch undifferenzierten Zellen. Es sind totipotente Zellen, das heißt, aus jeder davon kann potentiell jede Form von Zelle werden. Prinzipiell könnte sich aus jeder Einzelnen sogar ein ganzer Mensch entwickeln.

Bei der PID wird aber eine dieser Zellen zerstört. Für viele gläubige Menschen ist das spätestens dann ein Mord an einem potentiellen Leben, wenn ein untersuchter Zellhaufen dann wegen medizinischer Befunde oder wegen eines nicht gewünschten Geschlechts für das IVF-Verfahren verworfen wird.

Darum ist die PID in Deutschland ein prekäres Thema. Debattiert wurde ab 14. April im Bundestag darüber, ob man sie vollständig verbieten sollte oder Ausnahmen zulässt. Die Vorbehalte entsprechen dem hiesigen gesellschaftlichen Konsens, der sich mit jeglichen Manipulationen des Lebens weit schwerer tut, als dies in vielen anderen Ländern üblich ist. In den meisten Industrienationen ist PID bei medizinischer Indikation erlaubt oder toleriert, in Asien fast flächendeckend.

Man kann die deutsche Haltung als tief verwurzeltes, moralisch-ethisches Empfinden verstehen. Man kann es auch als Altlast der Schuld sehen, die rassistische Irre in Deutschland einst auf sich luden, als sie ohne jeden Respekt für Leben und Leid von Menschen versuchten, mit Zuchtwahl, Euthanasie und Massenmord ihren Wahn vom "Arier" zu verwirklichen. Dass auch dies die Debatte um PID belastet, zeigt sich in vielen Argumentationen. Die größten Befürchtungen betreffen optimierte oder wegen bestimmter Kriterien ausgewählte - also wenn man so will gezüchtete - Babys.

Was möglich und irgendwo legal und bezahlbar ist, wird auch gemacht

PID erlaubt dies in Bezug auf Erbkrankheiten. Das war Sinn und Zweck der Entwicklung dieses Früh-Diagnoseverfahrens, das auf Erkenntnissen aus der Genanalyse fußt. PID hat ohne Frage das Potential, erhebliches Leiden zu vermeiden oder - wenn andere Wege nicht zu einem sehnlichst erwünschten Kind führen  - zu beenden. Das ist ein sehr gutes Argument dafür, dient in Deutschland aber eher als Argument dagegen.

Dabei ist der Markt für PID wohl noch weit größer, als man das vermuten würde, wenn es "nur" um das Thema der Vermeidung von Krankheiten und Erbschäden geht. Denn die inzwischen wahrscheinlich häufigste Anwendung des Verfahrens ist sehr viel profanerer Natur: Eltern wollen selbst das Geschlecht ihres Nachwuchses bestimmen. Für viele Menschen ist PID kein ethisches Thema, sondern eine ganz profane, seit etwa fünfzehn Jahren übliche Dienstleistung - Verbote sind nur lästig.

Anders als medizinisch indizierte PID wird Geschlechtsselektion im westlichen Teil Europas legal nur im Nordteil der Republik Zypern angeboten. Ein angenehmes Mittelmeerklima, Traumstrände und eine entsprechende Infrastruktur laden dazu ein, die Prozedur gleich mit einem Strandurlaub zu verbinden. Es gibt zahlreiche Dienstleister, die solche Packages als "Medizin-Tourismus" anbieten.

Der liegt nicht nur in Deutschland mit seinen vergleichweise hohen Medizin- und Behandlungskosten im Trend - ein zunehmend marodes Gesundheitswesen mit sinkenden Standards hat so manches Land der westlichen Welt zu bieten. Hinzu kommen Verbote wie das der Geschlechtsselektion, die neben Zypern auch in Teilen der USA, in Mexiko, Thailand, der Ukraine und einigen anderen Staaten legal ist.

Wo es dann wirklich hingeht, entscheidet sich für viele Kunden anhand des Preises. Für eine PID zur Geschlechtsauswahl zahlt man - je nach Land - zwischen 2000 und 5000 Euro Aufpreis auf die jeweils landesüblichen Kosten einer IVF-Befruchtung. Daraus ergibt sich ein erhebliches Preisgefälle.

Sicherheit wird zur Geldfrage

In den USA, wo PID zur Geschlechtsbestimmung, dort entweder "Sex Selection" oder euphemistischer "Family Balancing" genannt, in mehreren Bundesstaaten legal ist, führt das zu Preisen von 25.000 Dollar aufwärts. Große, etablierte Kliniken verlangen aber oft rund ein Drittel mehr. Im Sonderangebot gibt es eher die Dienste spezialisierter Kleinkliniken, die im Extremfall nur diese eine Dienstleistung anbieten - kleine Jungen oder Mädchen auf Bestellung.

Was die Geschlechts-PID in anderen Ländern kostet, ist nicht ganz einfach herauszufinden. Entsprechende - verdeckte wie offene - Anfragen von SPIEGEL ONLINE an Kliniken in Indien, Thailand und der Ukraine blieben auch nach mehr als einem Monat ohne Antwort. Der Preis für ein Baby mit definiertem Geschlecht ist etwas, das nur in Ausnahmefällen in Listen und Katalogen steht, er wird eher in Verhandlungen festgezurrt. Der günstigste Preis, den wir verifizieren konnten, lag bei rund 8000 Euro - in Thailand, inklusive Flug und Unterkunft ab Australien.

Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2006 zeigte, dass etwa 42 Prozent aller PID-Kliniken in den USA auch Geschlechtselektion anbieten . Durchgeführt aber wird sie immer: Die Geschlechtsbestimmung geschieht bei der PID ganz nebenbei. Weil per PID auch genetische Erkrankungen erfasst werden, die geschlechtsspezifisch sind, gehört die Gender Selection quasi zu den Nebenwirkungen des Verfahrens.

Interessant in diesem Kontext: Die Suchmasken mancher Vermittler von Medizin-Tourismus-Reisen geben in den Ergebnislisten auf Suchanfragen nach "Sex Selection" oder "Family Balancing" auch die Adressen von Kliniken aus, die das offiziell gar nicht anbieten. Eine Fehlfunktion der Suchmaske - oder eher ein zarter Hinweis darauf, dass man Dinge erfährt, die nicht im Katalog stehen, wenn man höflich nachfragt?

Verbote sind nicht durchsetzbar

Im Falle von Superior A.R.T. in Bangkok ist das offenbar so. Die Klinik gehört zu den führenden Fertilitätskliniken in Asien. A.R.T. ist eine renommierte Adresse, die Klinik kooperiert eng mit Sydney IVF, einem angesehenen, auf künstliche Befruchtung spezialisierten Klinikverbund mit etlichen Filialen in Australien. Sydney IVF hält nicht nur Anteile an Superior A.R.T., sondern auch einen kurzen kommunikativen Draht: Es überweist IVF-Patienten, die eine Festlegung des Geschlechts ihres Nachwuchses wünschen, nach Thailand.

Das machte Vertreter der Klinikkette Anfang März mit Hilfe des "Sydney Morning Herald" öffentlich  und entfachten dadurch aufs Neue die Diskussion um PID-Verfahren in Australien. Bis 2005 war dort die Geschlechtsauswahl per PID legal, seitdem legen gesetzlich verankerte ethische Richtlinien fest, dass PID nur noch bei medizinischer Indikation eingesetzt werden darf. Das aber, argumentiert Kylie de Boer, Chefin von Sydney IVF, sei für Eltern, die Einfluss auf das Geschlecht ihres Nachwuchses nehmen wollten, ein Schlag gewesen. Obwohl die Klinik sich öffentlich von dem Verfahren distanziert, sollen pro Woche rund 15 Anfragen eingehen, berichtete der "Herald". Sydney IVF verweise in solchen Fällen auf Reisemöglichkeiten. Ein unmoralisches Verhalten?

Das kann noch nicht einmal Sandra Hacker so sagen, die als Vorsitzende der australischen Ethikkommission die dortige gesetzliche Regelung mit entworfen hat. Es sei zwar unethisch, das Recht auf Leben eines potentiellen Kindes an dessen Geschlecht festzumachen. Es sei aber auch nicht möglich, Menschen, die so etwas unbedingt wollten, das Recht auf Freizügigkeit zu nehmen. Wenn diese also ins Ausland gingen, um eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, die im eigenen Land verboten sei, so sollten sie zumindest in einer Klinik landen, die einen guten, sicheren Standard biete.

So kann man das sehen, auch wenn es bigott erscheint: Was ein Gesetzgeber in Sachen PID entscheidet, ist in einer Welt mit Reisefreiheit letztlich irrelevant. Der Markt regelt die Sache, er ist nicht moralisch, sondern bietet an, was machbar ist. Die Nachfrage ist da, auch in Deutschland.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel