»Hier war ich natürlich auch in der Ritze.«
»Ich habe die Kneipe 2020 gesegnet.«
Karl Schultz ist ein katholischer Pfarrer – mitten auf dem Kiez in Hamburg.
Wir treffen den 65-Jährigen nach dem Abendmahl, nur wenige Stunden, nachdem das Münchner Missbrauchsgutachten die katholische Kirche schwer belastet. Der Pfarrer ist entsetzt.
Karl Schultz, katholischer Pfarrer auf St. Pauli
»Also die Nachrichten sind erst mal erdrückend. Völlig klar. Und es ist kein Ruhmesblatt für die Kirche. Es hat sich kein Mensch wirklich für die Opfer interessiert. Und da gibt es jetzt einen Perspektivwechsel. Das hoffe ich jedenfalls, dass der Blick zu den Opfern geht.«
Der 65-Jährige sieht es als seine Mission, Vertrauen zurückzugewinnen – und sucht dazu auch den direkten Kontakt zu seinem Kiez.
Karl Schultz, katholischer Pfarrer auf St. Pauli
»Egal wo ein Pfarrer hingeht, es ist ja nicht nur seine Aufgabe, sich um seine Schäfchen zu kümmern, sondern es ist immer auch seine Aufgabe, sich mit dem Ort, wo er lebt, zu verbinden.«
Seine Kirche bezeichnet er als ältesten Club der Welt, sich selbst als Kiez-Pfarrer.
Normalerweise zieht der 65-Jährige regelmäßig durch seine Nachbarschaft, spricht mit Clubbesitzern, Türstehern oder Prostituierten. Doch die Pandemie hat seine Arbeit verändert.
Karl Schultz, katholischer Pfarrer auf St. Pauli
»Hier überall geschlossene Tore, das zehrt natürlich an den Nerven und geht vielen hier an die Existenz.«
Aber Schultz findet seinen Weg zu den Menschen, selbst in diesen trostlosen Zeiten. Als die Dragqueen Olivia Jones zu Beginn der Pandemie eine Solidaritätsaktion für Kneipen und Clubs ins Leben rief, sprach der Pfarrer kurzerhand ein Kiezgebet – und wandte sich nebenbei ganz selbstverständlich gegen die katholische Sexualmoral.
»Herr, Schöpfer dieser Welt. Deine Schöpfung ist bunt, nicht schwarz-weiß, und vielfältig wie der Kiez.«
Und als die Kulturszene der Reeperbahn im ersten Lockdown litt, trat er im Livestream des Schmidt-Theaters auf – ohne Berührungsängste.
»Ob Mann oder Frau oder beides, ob oben oder unten, ob Rücken oder Bauch, jeder hat seine Würde und so wollen wir es halten. Gott wurde Mensch, werde auch Mensch. «
Vor zwölf Jahren übernahm der 65-Jährige die Kirche auf St. Pauli, suchte sich seine Nische ausgerechnet auf der schrillsten Meile Hamburgs.
Karl Schultz, katholischer Pfarrer auf St. Pauli
»Das heißt nicht, dass man zu allem Ja und Amen sagt, aber das heißt, dass man ein Ja findet zur Vielfalt und Toleranz und dass man eine gewisse Gelassenheit findet und sagt: Es gibt so viel zwischen Himmel und Erden…«
Handyfotos dokumentieren seine Verbundenheit zum Kiez: Olivia Jones ist seine Nachbarin, Udo Lindenberg hat das Vorwort zu seinem neuen Buch geschrieben. Der Schauspieler Corny Littmann: ein guter Freund. Seine Lieblingskneipe ist die Sünde auf St. Pauli.
Die kleine Bar hat zurzeit nur unregelmäßig geöffnet, aber Schultz will uns seinen Stammplatz zeigen: Hier hat er früher einmal in der Woche gesessen, ausgestattet mit seinen Zigarillos, eingeladen vom Wirt.
Karl Schultz, katholischer Pfarrer auf St. Pauli
»Und der hat gesagt: Ich garantiere dir, du sitzt nicht lange allein. Aber dann sei mal als Priester erkennbar. Und dann haben wir das gemacht. Habe hier gesessen. Und tatsächlich, wenn die Leute dann nach dem zweiten Gin Tonic…irgendeiner wurde dann neugierig und das beginnt erst mal mit einer ganz normalen Konversation und so. Und dann geht das ans Eingemachte oft.«
Pfarrer Karl sprach mit den Menschen über Liebe, Krisen und Verluste. Doch ausgerechnet in der Pandemie, als Zuwendung und Nähe eigentlich so nötig waren, musste Schultz seine Kneipensprechstunde beenden. Nun fürchtet er, dass ein Stück seiner geliebten Kiez-Kultur wegen Corona verloren gehen könnte.
»Na klar, das geht an die Substanz. Das geht. Mir tut es so weh, wenn solche engagierten Leute, für die eine Kneipe eben nicht nur ein Ort ist, wo man ein Bier trinkt und wieder geht, sondern wo wirklich Begegnung und Beziehung stattfindet. Wenn solche Orte kaputtgehen. Das ist ein Verlust, das werden wir erst viel später merken.«
»Prost – auf den Weltfrieden.«