Pharmaskandal Früherer Grünenthal-Chefjurist kritisiert Vorgehen der Conterganstiftung als "unsäglich"
Der frühere Chefjurist des Pharmakonzerns Grünenthal, Herbert Wartensleben, hat das Vorgehen der Conterganstiftung gegen 58 brasilianische Thalidomid-Geschädigte scharf kritisiert. Gegenüber SPIEGEL und NDR bezeichnete der Medizinrechtler es als "unglaublich unsäglich", dass die Stiftung diesen Opfern der Firma Grünenthal ihre auf Lebenszeit zugesicherten Entschädigungen streichen will.
Die Betroffenen wurden von der Stiftung vor Jahrzehnten als Grünenthal-Opfer anerkannt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das Schlafmittel Sedalis eingenommen hatten. Sedalis enthielt wie Contergan den Wirkstoff Thalidomid, den Grünenthal entwickelt hatte. Die Stiftung behauptet nun, Sedalis sei kein Präparat von Grünenthal, sondern "das Produkt eines Lizenznehmers". Deshalb sei die Conterganstiftung nicht entschädigungspflichtig.
SPIEGEL und NDR liegt der "Lizenzvertrag" vor, den die Chemie Grünenthal GmbH im März 1958 zu Herstellung und Vertrieb des Präparates Sedalis in Brasilien mit der Firma Instituto Pinheiros geschlossen hatte. Daraus geht hervor, dass Grünenthal das Thalidomid an Pinheiros lieferte.
Unter "Herstellung" in Brasilien verstanden beide Firmen nur das "Mischen, Abfüllen und Verpacken" der Medikamente. Grünenthal und Pinheiros vereinbarten zudem, dass Pinheiros während der ersten drei Monate nach Markteinführung von Sedalis von jeder Charge Testmuster zur Endkontrolle nach Deutschland schickte. Später sollte es "auf Wunsch von Grünenthal" noch Stichproben geben. Sedalis kam im März 1959 in Brasilien auf den Markt.
Der Conterganstiftung liegt der Lizenzvertrag von 1958 zwischen Grünenthal und Pinheiros nach eigener Auskunft nicht vor. Auf Nachfrage hält die Stiftung eine Prüfung der Sedalis-Fälle weiterhin für unumgänglich. Die Firma Grünenthal habe der Stiftung "Dokumente vorgelegt, aus denen sich ableiten lässt, dass Sedalis das Produkt eines Lizenznehmers ist", heißt es in einer Stellungnahme.