Berichte über K.-o.-Tropfen »Ich lag da in meinem Erbrochenen und konnte mich nicht wirklich bewegen«
Vanessa, Betroffene:
»Ich bin Vanessa, 28 Jahre alt, und mir wurden vermutlich K.-o.-Tropfen verabreicht.«
Laura, Betroffene:
»Ich bin Laura, ich bin 28 Jahre und habe im März 2023 höchstwahrscheinlich Liquid Ecstasy ins Glas bekommen.«
Sascha, Betroffener:
»Mein Name ist Sascha, ich bin 26 Jahre alt, und mir wurden wahrscheinlich K.-o.-Tropfen verabreicht.«
Aliza, Betroffene:
»Ich bin Aliza, ich bin 28 Jahre alt und habe vermutlich im Winter 2021 in einem Klub K.-o.-Tropfen bekommen. Ich bin abends mit einer Freundin in einen Klub gegangen und habe dann ab 23.15 Uhr circa keinerlei Erinnerungen bis morgens um neun. Und bin zu Hause aufgewacht, hatte meine Schuhe noch an und meine Wohnung sah entsprechend verwüstet aus. Die Stühle lagen auf dem Boden, der Fernseher lag auf dem Boden, und mein Regal war verbeult, und ich habe keinerlei Erinnerungen mehr, wie ich nach Hause gekommen bin, wann ich nach Hause gekommen bin.«
Julia Kopatzki, DER SPIEGEL:
»Ein Team vom SPIEGEL hat mit knapp 50 Betroffenen gesprochen. Als wir angefangen haben, zu K.-o.-Tropfen zu recherchieren, haben wir gemerkt, die Datenlage ist wahnsinnig schlecht. Wie viele Menschen jedes Jahr Opfer von K.-o.-Mitteln werden, kann in Deutschland keiner sagen. Von allen 16 Landeskriminalämtern konnten nur vier konkrete Zahlen für das vergangene Jahr nennen. 57 Straftaten im Zusammenhang mit K.-o.-Mitteln in Berlin, 84 in Baden-Württemberg, 88 in Sachsen und 94 in Hessen. Experten von Polizei und Rechtsmedizin gehen von einer viel höheren Dunkelziffer aus.«
Nicole, Betroffene:
»Irgendwann meinte ich dann zu meinem Partner: ›Lass uns mal bitte kurz rausgehen, mir geht’s irgendwie nicht so gut. Ich kann nicht mehr richtig laufen.‹ Es hat sich ganz doll so angefühlt, als wäre ich stark betrunken. Er musste mich stützen. Ich bin dann einfach umgefallen, weil ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper hatte.«
Patrycja, Betroffene:
»Wir waren tanzen, hatten Tische mit Getränken. Und dann merkte ich aber ganz schnell, dass irgendwas nicht stimmt. Ich hatte das Gefühl, meine ganze Muskulatur klappt zusammen. Ich habe mich übergeben, ich musste auf Toilette … Ich konnte mich gar nicht schnell genug ausziehen. Ich habe versucht, mich an den Wänden von der Toilette festzuhalten, weil ich merkte, dass ich keine Spannung im Körper habe und dass ich einfach zusammengeklappt bin.«
Sascha, Betroffener:
»Bereits nach dem ersten Schluck war ich von jetzt auf gleich wie per Schalter umgelegt. Super ausgeknockt, konnte mich physisch kaum bewegen, keine Treppen mehr allein hochgehen und hatte zum Glück jemanden dabei, der mich nach Hause bringen konnte. Danach habe ich aber die ganze Nacht auf der Toilette verbracht und musste mich die ganze Zeit übergeben.«
Jenny, Betroffene:
»Ich hatte auch schon Gleichgewichtsstörungen, musste mich an der Kommode festhalten und bin damit fast umgefallen. Dann weiß ich nur noch bruchstückhaft, wie ich ins Badezimmer gegangen bin und mich übergeben musste. Das ging alles so schnell, obwohl mein Badezimmer so klein war, habe ich es nicht mehr bis zur Toilette geschafft, sondern habe mich auf den Boden übergeben müssen. Ich lag da in meinem Erbrochenen und konnte mich nicht wirklich bewegen.«
Alina, Betroffene:
»Ich habe dann plötzlich gemerkt, nachdem ich mich dann auf das Bett habe fallen lassen, dass ich nichts mehr sehen konnte. Ich habe einfach nichts mehr gesehen. Ich habe dann einfach angefangen zu schreien, und ich konnte das nicht unterdrücken. Ich habe dann aufgehört zu atmen, und Patrick hat auch keinen Puls mehr bei mir gespürt.«
Vanessa, Betroffene:
»Ich konnte mich innerhalb von kürzester Zeit, also vielleicht 20 Minuten oder so, gar nicht mehr selbst auf den Beinen halten. Ich konnte nichts mehr sehen. Ich war komplett blind quasi, auch wenn meine Augen auf waren. Es war nicht nur verschwommen, ich konnte nichts erkennen. Ich war voll sauer auf mich, ich dachte, wie kann man so schlecht seinen eigenen Alkoholkonsum einschätzen?«
Laura, Betroffene:
»Es ist sehr auffällig gewesen, dass ich extrem neben mir stand und ich dann irgendwann auch extreme Krampfanfälle bekommen habe, meine Pupillen extrem geweitet waren und dann der Notarzt auch tatsächlich kam und eine Dreiviertelstunde lang meinen Puls geprüft hat und alle möglichen Sachen abgecheckt.«
Julia Kopatzki, DER SPIEGEL:
»K.-o.-Mittel nachzuweisen, ist wahnsinnig komplex. Die bekanntesten sind GHB und GBL. Und Toxikologen sagen, kein K.-o.-Mittel ist im menschlichen Körper kürzer nachzuweisen als GHB. Maximal acht Stunden im Blut und maximal einen halben Tag im Urin. Hat man GHB im Getränk gehabt, ist man im Zweifelsfall für Stunden ausgeknockt und hat dann nur noch wenig Zeit dafür, einen Test abzugeben. Experten sagten uns, sie sehen ständig neue Mittel. Auf alle zu testen – echt aufwendig. Und auch so kostet ein Test mehrere Hundert Euro, wenn man vorher keine Anzeige gestellt hat.«
Aliza, Betroffene:
»Ich habe dann den ärztlichen Notdienst angerufen, der mir geraten hat, ins Krankenhaus zu gehen. Dort wurde mir aber auch geraten, dadurch dass ich so lange warten musste und gewartet habe, keine weiteren Tests zu machen, beziehungsweise die wären nicht mehr aussagekräftig gewesen. Deswegen der Verdacht auf Medikamentenvergiftung.«
Nicole, Betroffene:
»Ich war damals aber auch nicht irgendwie beim Arzt oder noch mal irgendwo, weil ich auch wusste, dass es vermutlich nicht mehr nachweisbar ist. Und in dem Moment war es einfach so, dass ich mit der Situation und mit meinen Emotionen auch einfach ein bisschen überfordert war und da erst mal selbst klarkommen musste.«
Alina, Betroffene:
»Die Polizisten auf der Wache waren zum Teil nett, zum Teil aber auch sehr vorwurfsvoll. Die meinten direkt zu mir: Ja, warum bin ich da nicht direkt in der Nacht gekommen. Jetzt könnte man wahrscheinlich gar nicht mehr viel nachweisen, und man kann es versuchen, aber so richtig Hoffnung haben sie nicht, dass man irgendwas nachvollziehen kann.«
Patrycja, Betroffene:
»Die haben Tests gemacht, und die konnten die K.-o.-Tropfen nicht nachweisen. Die sagten auch zu mir, die sind auch schwer nachweisbar.«
Julia Kopatzki, DER SPIEGEL:
»Eins ist wichtig, bei K.-o.-Mitteln zu verstehen: Nur weil der Test negativ war, heißt das nicht, dass da gar nichts war. Das haben uns Polizeistellen und Toxikologen gesagt, und das steht auch so in der Handreichung für Ärzte. GHB und GBL sind fast geruchs- und geschmacklos. Es wird verabreicht, wo meistens sowieso getrunken wird, und das Opfer kann sich am nächsten Tag an weite Teile des Abends nicht mehr erinnern. GBL ist übrigens bis heute komplett legal, kann man als Felgenreiniger oder Nagellackentferner in der Drogerie oder im Baumarkt kaufen. Die Leiterin der einzigen Dunkelfeldstudie in Deutschland hat uns gesagt, wenn man zynisch sein will, könnte man sagen, K.-o.-Mittel seien das perfekte Verbrechen.«
Patrycja, Betroffene:
»Wir haben eine Anzeige gemacht gegen unbekannt, und dann nach einer gewissen Zeit wurde das fallen gelassen, weil die natürlich nicht nachvollziehen konnten, wer das war. Das war schon, ich sag mal, ganz doll und, ich glaube, das Schlimmste, was mir so ein Außenstehender angetan hat.«
Julia Kopatzki, DER SPIEGEL:
»Die meisten Betroffenen haben zuerst die Schuld bei sich selbst gesucht. Sie hätten nicht genug auf ihr Glas aufgepasst. Während der Recherche haben wir gemerkt, fast alle kennen Opfer, aber niemand kennt Täter.«
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